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"Intelligente Räume" helfen Senioren im Alltag

Rostock. Das bloße Betreten des Hightech-Zimmers genügt - schon surrt das Rollo am Fenster wie von Geisterhand gesteuert in die Höhe. Informatiker Thomas Kirste geht gemächlichen Schrittes auf das andere Ende des Raumes zu Von dpa-Mitarbeiter Jan-Henrik Petermann

Rostock. Das bloße Betreten des Hightech-Zimmers genügt - schon surrt das Rollo am Fenster wie von Geisterhand gesteuert in die Höhe. Informatiker Thomas Kirste geht gemächlichen Schrittes auf das andere Ende des Raumes zu. Als der Forscher seine Richtung ändert, lässt der Gehorsam des Projektors an der Decke nicht lange auf sich warten: Sofort folgt die Linse seinem Blick und wirft den Lichtkegel auf die gewünschte Stelle. "Wir haben hier ein ganzes Ensemble von Geräten", erklärt Kirste. Sinn und Zweck der elektronischen Helfer ist es aber nicht, den Spieltrieb zu befriedigen. "Wir wollen unsere Ingenieurskunst in Wertschöpfung umsetzen." Die Zielgruppe freilich, die die Planspiele der Tüftler vom Institut für Informatik der Universität Rostock zu marktreifen Produkten machen könnte, hat gängigen Klischees zufolge nur wenig mit moderner Technik am Hut: Senioren, die den Lebensabend selbstbestimmt in den eigenen vier Wänden anstatt im Pflegeheim verbringen wollen, sollen den "intelligenten Räumen" zum Durchbruch verhelfen. Der Bedarf an dienstbaren Elektronenhirnen und altersgerechten Wohnkonzepten dürfte nach Einschätzung Kirstes in den kommenden Jahrzehnten wegen des demografischen Wandels enorm wachsen. "Es geht uns dabei nicht nur um Assistenzsysteme für den Alltag", erklärt der Leiter des Departments "Ageing Sciences and Humanities" an der Interdisziplinären Fakultät "Erfolgreiches Altern" der Uni Rostock. "Zusammen mit den Kollegen aus der Medizin testen wir auch neue Therapieformen, zum Beispiel bei der Betreuung Demenzkranker." Mit Sensoren ausgerüstete Zimmer und Kleidungsstücke würden Reha-Patienten schon heute helfen, die korrekten Bewegungs- und Trainingsabläufe notfalls per Ferndiagnose mit dem behandelnden Fachmann gemeinsam nachzujustieren. Dies sei nur ein Anwendungsfeld der Telemedizin, sagt der Professor für Mobile Multimediale Informationssysteme. Das Zauberwort lautet "Ubiquitous Computing" (allgegenwärtiges Rechnen): "Assistive Umgebungen" sollen die Aktivitäten, Wünsche und Absichten gebrechlicher oder verwirrter Menschen erkennen und darauf reagieren - ohne dass jedes Mal ein menschlicher Helfer zur Seite springen muss. Viele Geräte können auf Einzelpersonen eingestellt werden, Beschleunigungssensoren liefern Bewegungsprofile, "Präsenzmelder" steuern automatisch den Betrieb der Heizungsanlage. Als Forum für den internationalen Ideenaustausch kam den Experten aus der Warnow-Stadt die 5. Nationale Branchenkonferenz Gesundheitswirtschaft gerade recht, zu der sich nun rund 700 Fachleute in Rostock versammelten. Kirste moderierte eine Arbeitsgruppe, die sich mit technischen und sozialen Trends bei altersgerechten Wohnwelten beschäftigte. Neben einzelnen Hilfsgeräten nahm vor allem das Thema Telemedizin einen großen Raum ein: Die Finnin Lea Aalto stellte das Projekt "Krankenhaus zu Hause" der Stadt Tampere vor; der Berliner Ökonom Christian Goeke erklärte, was es mit "E-Health" - Gesundheitsbetreuung über das Internet - auf sich hat. Klar wurde bei den Diskussionen vor allem: Digitale Hilfsangebote fürs Alter steigern nicht nur die Lebensqualität Hochbetagter, sondern entscheiden oft über Leben und Tod. So konnte die ärztliche Reaktionszeit bei der Behandlung von Herzinfarkt-Patienten in Studien drastisch reduziert werden. "In Deutschland braucht man nach einer Herzattacke 320 bis 410 Minuten, um ins Krankenhaus zu gelangen. Mit telemedizinischer Überwachung sind es maximal 105 Minuten", berichtete der Chef des Instituts für Angewandte Telemedizin im nordrhein-westfälischen Bad Oeynhausen, Heinrich Körtke. Auch Blutdruck und Gewicht ließen sich via Netz oder Funk kontrollieren. Die Vorteile liegen nicht nur in einer Linderung altersbedingter Erschwernisse. Viel wichtiger ist, dass die Technik viele Ältere nicht entmündigt, sondern im Gegenteil ihr Selbstvertrauen erhöht.