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In Belgien könnten bald die Lichter ausgehen

Brüssel. Seit Jahren sind die feinen Risse an den Stahlkesseln zweier Atommeiler in Belgien bekannt. Im Frühjahr ziehen die Behörden die Reißleine. Aber erst jetzt wird das volle Ausmaß der Schäden bekannt. Sie stürzen das Land und vielleicht auch die EU in eine Energie-Krise. Detlef Drewes

Es ist ein Horror-Szenario, mit dem sich Belgien jetzt ernsthaft befassen muss: Zahlreiche Gemeinden könnten im Winter - zumindest stundenweise - ohne Strom dastehen. Industrie-Anlagen müssen für Tage heruntergefahren werden, um Energie einzusparen. In den öffentlichen Gebäuden sollen die Lichter auf Notbeleuchtung umgestellt werden. Wo immer es geht, sind Verbraucher und Wirtschaft gehalten, ihren Stromverbrauch einzuschränken. "Nein, das ist leider kein schlechter Scherz", sagte Energie-Staatssekretärin Catherine Fonck gestern. Doch es geht noch weiter. Denn die Ursache für die belgischen Probleme könnte auch die Energieversorgung in anderen Mitgliedstaaten treffen - Deutschland eingeschlossen.

Belgien besitzt zwei Atomkraftwerke , die beide seit Jahren zu den europäischen Sorgenkindern gehören. Doel bei Antwerpen verfügt über vier Blöcke, Tihange bei Lüttich nahe der deutsch-belgischen Grenze über drei Reaktoren. Im März wurden Doel 3 und Tihange 2 heruntergefahren, weil man Tausende von Haarrissen in Reaktordruckbehältern entdeckt hatte. Die Risse waren von der hiesigen Aufsichtsbehörde FANC zwar schon öfters kritisiert worden und sollen angeblich bereits seit 1979 existieren. Doch mit neuartigen Ultraschall-Testgeräten habe man im Frühjahr das ganze Ausmaß des Schadens aufgedeckt und die sofortige Abschaltung veranlasst, hieß es bei den zuständigen Regierungsstellen. Daraufhin wurde das Forschungszentrum Mol beauftragt, die Beschaffenheit der Stahlkessel sowie das Risiko der Risse zu untersuchen. Dort setzten die Experten in den vergangenen Wochen das Material einer extremen nuklearen Strahlung aus. Gestern sickerten erste Untersuchungsergebnisse durch, die deutlich machen, wie gravierend die Probleme sind: Möglicherweise können die beiden Reaktoren nie wieder ans Netz gehen.

Damit nicht genug. Weitere 22 Kessel in anderen europäischen Meilern wurden aus dem gleichen Material in der gleichen Weise gefertigt, darunter auch deutsche Anlagen. "Sollte Belgien die Reaktoren nicht wieder anfahren können, ist es schwer vorstellbar, dass die Meiler gleicher Bauart einfach weiterbetrieben werden", hieß es gestern in Brüssel . Die Krise in dem Benelux-Land wird noch dadurch verschärft, dass erst vor Kurzem auch der Block Doel 4 vermutlich nach einem Sabotage-Akt abgeschaltet werden musste. Von 90 000 Litern Schmieröl einer Hochdruckturbine waren 65 000 Liter ausgelaufen, was zur Überhitzung führte. "Die Situation ist angespannt und wird nach und nach komplizierter werden, wenn der Winter kommt und die Temperaturen fallen", bekräftige Energie-Staatssekretärin Fonck. Wirtschafts- und Verbraucherminister Johan Vande Lanotte kündigte inzwischen an, auf Notstromaggregate und Energieeinsparungen zu setzen sowie Zukäufe aus dem Ausland tätigen zu wollen. Ein stillgelegtes Gaskraftwerk könne eventuell reaktiviert werden. Doch er räumte auch ein, dass die Lage derart "brenzlig" sei, dass in Belgien wohl durchaus "ein paar Lichter ausgehen" könnten. Zudem ist die Ankündigung, sich auf dem europäischen Markt mit Ersatzstrom einzudecken, möglicherweise nur eine trügerische Hoffnung. Denn immer mehr EU-Länder, die auf Kernkraft setzen, ringen mit gravierenden Schwierigkeiten an ihren Meilern.

Wenn die Mängel an den belgischen Stahlkesseln nun alle Reaktoren mit dieser Konstruktion betreffen sollten, müssten europaweit weitere 22 Meiler stillgelegt werden - neben Deutschland auch in den Niederlanden, Schweden, der Schweiz und Spanien. Sogar die USA und Argentinien wären betroffen. Mit anderen Worten: Der europäische Strom-Binnenmarkt gibt längst nicht mehr die Überschüsse her, die freies Einkaufen für Belgien oder andere möglich machen. "Glauben Sie mir: Wir sind gerade ziemlich ratlos", sagte gestern ein hochrangiges Regierungsmitglied in Brüssel . "Aber wir müssen einen Weg finden - und ich gäbe viel dafür zu wissen, wie der aussehen könnte."Was ist ein europäischer Stresstest für Atommeiler wert, wenn er Reaktoren, die Wochen später vom Netz genommen werden müssen, eine Unbedenklichkeitsbescheinigung ausstellt? Wenig. Aber genau das ist passiert und es zeigt die miserable Überprüfung, die die EU-Kommission mit großem Tamtam vorgenommen hatte. Jetzt droht Belgien ein Energie-Desaster, wenn nicht noch ein Ausweg gefunden wird. Andere Länder könnten in den Sog dieser Vorfälle hineingezogen werden. Dringender als je zuvor muss Europa seine Energiezukunft klären. Und zwar ehrlich, ohne beschönigende oder unsinnige Tests, die mehr vorgaukeln als sie entlarven. Es gibt bisher nur wenige Staaten, die einen Kurswechsel eingeleitet haben. Deutschland gehört dazu. Doch noch ist die Energiewende nicht so weit vollzogen, dass man beruhigt sein könnte.