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Immer auf dem Sprung und überall erreichbar

Hamburg. Was bedeutet es, wenn der Satz "Nichts wird mehr sein, wie es mal war" zur Floskel verkommt? Dann muss Weltbewegendes passiert sein. Die "00"er sind das Jahrzehnt, in dem Zwillingstürme einstürzten und große Blasen platzen. Und wo alles schrecklich schnell geworden ist. Und unübersichtlicher Von dpa-Mitarbeiter Georg Ismar

Hamburg. Was bedeutet es, wenn der Satz "Nichts wird mehr sein, wie es mal war" zur Floskel verkommt? Dann muss Weltbewegendes passiert sein. Die "00"er sind das Jahrzehnt, in dem Zwillingstürme einstürzten und große Blasen platzen. Und wo alles schrecklich schnell geworden ist. Und unübersichtlicher. Die Welt ohne Eisernen Vorhang ist multipolarer, so voll an Möglichkeiten - guten wie schlechten - wie unser Alltag in dieser vernetzten Welt. Der Kölner Politologe Thomas Jäger definiert die Globalisierung als "die gegen Null tendierende Komprimierung der Faktoren Raum und Zeit für weite Bereiche menschlichen Handelns". Das trifft es, wir sind immer auf dem Sprung. Der "Coffee to Go" wird zum Lebensgefühl und "Freizeitstress" zum geflügelten Wort. Was haben aber die Nuller außer Tempo gebracht? Rot-Grün besiegelt den Atomausstieg (2001). Aus der D-Mark wird der "Teuro" (2002), Hartz IV zur Chiffre für Sozialabbau (2003). Pisa bringt das deutsche Bildungssystem ins Wanken (2001) und die Linke die Parteienlandschaft (2005). Wir werden Papst (2005) und berauschen uns am fußballerischen Sommermärchen (2006). Letztlich sind es aber zwei Ereignisse in New York, die uns am stärksten prägen. Es beginnt mit den Anschlägen vom 11. September 2001 und dem Einsturz des World Trade Centers. Al Qaida wird nun weltweit bekämpft - und Deutschlands Sicherheit auch am Hindukusch verteidigt. Irgendwie endet das Jahrzehnt auch in Manhattan, ein paar Straßen von Ground Zero entfernt bricht am 15. September 2008 die Lehman Bank zusammen und löst einen Domino-Effekt aus. Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Peer Steinbrück sprechen eine bisher einmalige Garantie für alle Sparguthaben aus - und der Staat pumpt zig Milliarden in notleidende Banken. War in den 80ern noch alles möglich, ist in den 00ern zunächst alles etwas angepasster. Eine dominante Jugendkultur? Popper, Punker, Rocker? Eher Fehlanzeige. Stilbildende Ikonen werden die Kids von Tokio Hotel - plötzlich rennen tausende Bill-Kaulitz-Klone durch die Straßen. Das Liedgut der 00er ist sonst oft Geschmackssache: "Schnappi, das kleine Krokodil" erobert 2005 die Charts. Wir hören alles, aber nichts bleibt im Ohr. Wir sind grenzenlos frei und wohlhabend. Wir machen ein Freiwilliges Soziales Jahr in Bolivien, studieren dank Erasmus in Europa, fliegen ein Jahr "round the world". Aber an uns nagen auch die Zweifel. Wie und wo will ich leben, bekomme ich einen Job? Aus der Generation Golf wird die Generation Praktikum und kommt nun die Generation Staatsschulden? Jeder ist mit jedem in Kontakt und fast überall erreichbar. Facebook und StudiVZ lauten die virtuellen Treffpunkte, man rotiert zwischen mehreren Email-Zugängen und so mancher Bewerber scheitert, weil der Chef schnell mal Jugendsünden ergoogelt - das Verb "googeln" steht nun übrigens auch im Duden. Schon die Jüngsten lernen heute am besten zwei Sprachen, spielen Fußball, Klavier und Schach. Das Turbo-Abi in zwölf Jahren kommt und Kindern wird immer mehr das Kindsein geraubt. Nicht alle kommen bei dem steigenden Druck noch mit - und werden abgehängt. Die Rütli-Schule in Berlin-Neukölln wird zur Chiffre für Jugendgewalt. Das Wort Verrohung macht die Runde: Noch-Kinder kennen fast alle Sexualpraktiken - aber Zuneigung, Liebe und Vertrauen bleiben oft abstrakte Begriffe. Schnelle Nummer statt schöner Kuss. Wir suchen auf alles eine Antwort, manches ist aber einfach unerklärlich. Robert S. (Erfurt) und Tim K. (Winnenden, Wendlingen) töten bei Amokläufen 31 Menschen und sich selbst. Insgesamt wird alles etwas amerikanischer. Kommunen wagen Cross-Border-Leasing-Geschäfte und sehen in Zeiten der Finanzkrise die Felle davon schwimmen. Die Alten sind nun die Best Ager, die ihre Life-Balance suchen. Nach Feierabend geht es zum Workout. Nur George Bush mögen wir nicht. Auch unser Fernsehen nimmt Anleihen in Amerika. Talk-Shows, Koch-Shows, Reality-Shows und Casting-Shows brechen über uns herein - überall kann man dabei sein und zum Drei-Wochen-Star werden. Aufgeholt wird auch bei der Emanzipation - auch wenn 2007 die Herdprämie in aller Munde ist. Die Bundeskanzlerin - 97 Jahre nach Aufhebung des Politikverbots für Frauen die erste Dame an der Regierungsspitze - ist in den 00ern natürlich online und eine sehr schnelle SMS-Schreiberin. Doch die Politik ruft kaum Begeisterung hervor, viele wünschen sich einen deutschen Obama, haben aber einen Wirtschaftsminister, der selbst seinen Abgang verbaselt. Mit dem Aufstreben der Linken kommt Bewegung in die Politik, doch sie stricken weder im Bundestag, noch treten sie in Turnschuhen auf. Grau statt Bunt. Eigentlich ist die Lage angesichts der Krise zum Ende der 00er so ernst, dass man es nur noch mit Humor nehmen kann. "Das westliche Weltbild ist in diesem Jahrzehnt ins Wanken geraten", resümiert Martin Sonneborn, Chefredakteur der Satirezeitschrift Titanic. "Unsere Banker haben einen schlechteren Ruf als Hütchenspieler und Trickbetrüger, unsere Soldaten stellen überrascht fest, dass sie mit ihren Gewehren auch herumschießen sollen und unsere Volksparteien sind keine Volksparteien mehr."