| 20:44 Uhr

Feiertage im Gefängnis
Im Knast ist kein Lametta

Lange, nüchterne Flure, schwere Eisentüren: Der Weihnachtsbaum – er ist einer von insgesamt 24 in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt Lerchesflur – wirkt da fast ein wenig verloren. Aber gerade hinter Gittern hat die Weihnachtszeit eine besondere Bedeutung: Die Gottesdienste sind bestens besucht.
Lange, nüchterne Flure, schwere Eisentüren: Der Weihnachtsbaum – er ist einer von insgesamt 24 in der Saarbrücker Justizvollzugsanstalt Lerchesflur – wirkt da fast ein wenig verloren. Aber gerade hinter Gittern hat die Weihnachtszeit eine besondere Bedeutung: Die Gottesdienste sind bestens besucht. FOTO: Iris Maria Maurer
Saarbrücken. Während draußen Einkaufshektik vorherrscht, stellt sich hinter Gittern Einkehr ein. Wie die Insassen der Saarbrücker Lerchesflur das Fest erleben.

Kein Kerzlein brennt – Sicherheitssache, das hätte man sich denken können. Obwohl früher, wie man hört, die Seelsorger vor den Weihnachtsfeiertagen Kerzen an alle Gefangenen verteilten. Deren Räume waren und sind allerdings weihnachts-clean, keine Krippe, keine Weihnachtskugeln, nichts. Übersichtlichkeit ist oberstes Gebot, damit Kontrollen schnell und effektiv ablaufen.  „Das kann mitunter durchaus zu Härten führen“, sagt JVA-Leiter Pascal Jenal. Vor allem, wenn Kinder ihren Vätern Selbstgebasteltes schenken wollen. So was schreit nach Trost, dann wäre zumindest auf den Fluren ein bisschen Lametta vielleicht ganz nett, aber auf der Lerchesflur stehen erst mal nur die üblichen traurigen Topfpflanzen Spalier. Weg mit den naiv-romantischen Vorstellungen über harte Jungs, die bei „Oh Tannenbaum“ mit den Tränen kämpfen?



Mal langsam. Wer Weihnachtsbäume sehen will, muss sich tiefer in die Justizvollzugsanstalt (JVA) hineinbegeben. Etwa zwei Dutzend davon bestellt der JVA-Chef jedes Jahr. „Wir verstecken das Thema Weihnachten nicht, versuchen, so viel Normalität wie möglich herzustellen. Wir sind nur das Brennglas dessen, was sich draußen tut“, sagt er. Wirklich? Jenal berichtet davon, dass er die JVA-Gemeinschaft just in diesen Tagen als ruhiger und besinnlicher erlebt und mehr bei sich sieht als die Menschen in den Straßen, die ihre adventliche Stimmung wegen Einkaufs-Hektik und Jahresend-Terminstress kaum mehr spürten. Weniger Verpflichtungen, das heißt im Knast ganz praktisch: Es bleibt mehr Zeit zur vorweihnachtlichen Einkehr. Fazit: Im Knast gibt’s kein Lametta, dafür mehr Weihnachten.

Der katholische JVA-Seelsorger Peter Breuer bemerkt ab Anfang November eine deutlich höhere Beanspruchung. Am Jahresende würde oft  Bilanz gezogen:  Wieder ein Jahr Lebenszeit in Freiheit weniger, und wer ist überhaupt noch da von den alten Lebensbegleitern? Die Betreuungsanforderungen stiegen auch von Seiten der Angehörigen. „Für die draußen kann Weihnachten manchmal viel schmerzhafter sein“, meint der JVA-Leiter. Dass da ein Stuhl frei bleibe und jemand fehle, man merke es bei ritualisierten Abläufen stärker. Außerdem säßen nicht wenige Ehepartner an Weihnachten ebenfalls  allein rum.

Weihnachts-Rituale kennt auch die Lerchesflur. So gibt es am 24. und 25. Dezember morgens insgesamt vier Gottesdienste, bestens besucht, und auch ein besonderes Festmenü – seit Jahren ein halbes Hähnchen mit Kroketten und Salat, dann Götterspeise. Doch was es nicht gibt, ist die Freude des Schenkens. Die Gefangenen dürfen aus Sicherheitsgründen nichts nach draußen übergeben, können höchstens Geld überweisen.  Auch Extrabesuche oder Kinderweihnachten sind nicht vorgesehen. Selbst im Dezember bleibt es bei den maximal zwei Stunden Besuchszeit pro Monat an festgelegten Besuchstagen. Wer generell sonntags dran ist, hat dieses Jahr Glück, denn er kann an Heiligabend rein. Doch nachmittags, wenn die Welt draußen zu feiern beginnt, gehen dann die Zellentüren zu. Nachtverschluss: 16.30 Uhr, das an Heiligabend, wo doch an Werktagen die Gemeinschaft erst um 21.20 Uhr endet? Das kann dann auch die stärksten Typen umhauen.

Allerdings hat man im Advent vorgefeiert. Jede der sieben Abteilungen organisiert ihre eigene Weihnachtsfeier, eine einzige, zentrale, gibt es nicht. Wie und wo auch für 605 Inhaftierte plus Personal? Die Gefangenen gestalten ihr Treffen in Eigenregie, entscheiden über Dekoration und Unterhaltungsprogramm. „Die Gefangenen lieben das Altmodische“, meint Jenal. Plätzchenbacken sei in, niemand hänge Discokugeln auf. Allerdings findet kein Liedersingen oder Geschichten-Vorlesen statt. Was Jenal schildert, klingt eher nach einer Betriebs-Weihnachtsfeier als nach stiller Einkehr. Statt Alkohol, der auch an Weihnachten strikt verboten ist, sorgen mitunter Gemeinschaftsspiele wie „Die Montagsmaler“ für Frohsinn.



Die zunehmende Säkularisierung des Festes sei eben auch in der Haft angekommen, meint der katholische Seelsorger Peter Breuer. Er, der den eingeengten Kosmos der Gefangenen mit den ewig gleichen Abläufen kennt, versteht es nur zu gut: „Weihnachten erleben die Gefangenen vor allem als Abwechslung.“ Pascal Jenals Erfahrung sagt: „An die Haft gewöhnen sich die Leute, lernen damit zu leben wie mit einer chronischen Krankheit und machen irgendwann ihren Frieden mit den Zwängen.“ Das wirklich Bedrückende sei die Isolierung, die Entkoppelung vom sozialen Umfeld. Seelsorger Breuer gewinnt just diesem Aspekt in Zusammenhang mit den Festtagen allerdings auch etwas Gutes ab: „Unsere Gefangenen haben es mitunter besser als die draußen. Sie müssen sich keine Sorgen machen, dass Weihnachten kein Frieden herrscht nach dem Motto: Wer packt diesmal als Erster das Kriegsbeil aus?“

Pascal Jenal, JVA-Leiter: „Für die draußen kann Weihnachten manchmal viel schmerzhafter sein.“
Pascal Jenal, JVA-Leiter: „Für die draußen kann Weihnachten manchmal viel schmerzhafter sein.“ FOTO: BeckerBredel
Peter Breuer, katholischer Geistlicher: „Weihnachten erleben die Gefangenen vor allem als Abwechslung.“
Peter Breuer, katholischer Geistlicher: „Weihnachten erleben die Gefangenen vor allem als Abwechslung.“ FOTO: Iris Maria Maurer