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Im Kampf gegen das Bergbau-Image

 Modell des „Centre de Congrès“ von Daniel Libeskind. Foto: Libeskind
Modell des „Centre de Congrès“ von Daniel Libeskind. Foto: Libeskind FOTO: Libeskind
Mons. 2007 wurde erstmals eine ganze Region mit dem Titel „Kulturhauptstadt“ ausgezeichnet: „Luxemburg und die Großregion“. Es sollte ein Modell für den nachhaltigen Aufbau kultureller Netzwerk-Strukturen in einer Grenzregion werden. Nun trägt mit Mons wieder eine Stadt der Großregion den Titel – doch 2007 scheint längst vergessen. Johannes Kloth

Die Wände sind dekoriert mit Fotos von Jacques Brel, René Magritte und anderen berühmten Landeskindern, aus der Küche duftet es nach Moules frites. Ja, das Restaurant "Ces Belges et vous" in der Altstadt von Mons pflegt die Klischees. Lecker ist es trotzdem. Und gemütlich. Vom Fensterplatz im ersten Stock blickt man auf die weitläufige Grand Place mit ihren schmuck restaurierten Bürgerhäusern und den herausgeputzten Straßencafés. Pittoresk wirkt es, dieses Jahrhunderte alte Zentrum der 90 000-Einwohner-Stadt, die dieses Jahr zusammen mit dem tschechischen Pilsen den Titel der Europäischen Kulturhauptstadt trägt. Im Umkreis von nur wenigen hundert Metern befinden sich hier geballt die Sehenswürdigkeiten des "alten" Mons : das stattliche, spätgotische Rathaus, eine imposante Stiftskirche aus dem 15. Jahrhundert und der fast 90 Meter hohe Belfried, ein trutziger Glockenturm - das Stadt-Wahrzeichen. Von Bergbau keine Spur. Dabei haftet Mons noch immer der Ruf der rußgeschwärzten Montanstadt an. Und das, obwohl schon vor 50 Jahren die letzte Zeche im einst europaweit wichtigsten Kohlenrevier "Borinage" vor den Toren der Stadt stillgelegt wurde. Und Mons selbst ohnehin immer nur Verwaltungszentrum für den Bergbau war - ohne eigene Grube, dafür aber immer schon Bildungs- und Kulturstandort.

Und nun sogar Kulturhauptstadt. Ein Titel, den man durchaus kritisch sehen kann. Vor 30 Jahren von der EU ins Leben gerufen, um Europas Völker zu verbinden und - vor allem am Beispiel der Metropolen - kulturelle Vielfalt darzustellen, geht es heute eher um (steuerfinanzierte) Strukturwandelprogramme für mittelgroße Städte. Die seit Glasgow 1990 auch immer öfter altindustriell geprägte Regionen nutzen, um ihr Image aufzupolieren.

Auch Mons will das Bild der rückwärts gewandten Industriemetropole abstreifen, setzt dabei aber anders als das Ruhrgebiet 2010 oder das Saarland 2007 (als Teil der Kulturhauptstadt Luxemburg-Großregion) nicht in erster Linie auf die Vermarktung von Industriedenkmälern. "Technologie trifft Kultur" lautet die von Kulturhauptstadt-Intendant Yves Vasseur ausgegebene Losung. So hat Vasseur zum Beispiel die Künstlergruppe X/tnt mit dem Projekt "Mons Street Review" beauftragt, einer humorvollen Replik auf die Ansiedlung eines gigantischen Google-Datenzentrums vor den Toren der Stadt. Wie bei Google Street View haben die Künstler mit einer 360-Grad-Kamera in der Innenstadt fotografiert, allerdings die Straßen dabei mit surrealen Szenen bespielen lassen.

Neben Google haben auch IBM und Microsoft Niederlassungen in Mons , die Stoßrichtung des erhofften Strukturwandels ist klar - man will eine Art "Creative Valley" entstehen lassen. Doch noch immer liegt die Arbeitslosenquote bei über 20 Prozent - trotz eifriger Ansiedlungspolitik, trotz der Einrichtung eines großen IT-Schulungszentrums für Arbeitslose und trotz des Nato-Hauptquartiers Shape, dem größten Arbeitgeber.

Einer, der seit Jahren an den Zuständen etwas ändern will, ist Elio di Rupo. Seit 2001 regiert der Sozialist Mons als Bürgermeister, zwischenzeitlich war der 63-Jährige sogar belgischer Premier. Zweistellige Millionenbeträge holte di Rupo nach Mons - für gigantische Projekte wie einen von Stararchitekt Santiago Calatrava entworfenen futuristisch anmutenden Bahnhof (150 Millionen Euro ), dessen Eröffnung sich immer weiter ins Jahr 2016 verschiebt, oder ein von Daniel Libeskind für 32 Millionen Euro geplantes Kongresszentrum. Projekte, die in der Bevölkerung wegen ihrer pompösen Dimensionen durchaus umstritten sind. Dass vor wenigen Wochen auch noch eine 400 000 Euro teure Installation des Künstlers Arne Quinze zusammenbrach und aus Sicherheitsgründen nicht wieder aufgebaut werden soll, ist da nur Wasser auf die Mühlen der "Mons 2015"-Skeptiker.

Doch sind sie in der Minderheit, wie die rege Bürgerbeteiligung an vielen Projekten zeigt. Die meisten Montois sehen es als di Rupos Verdienst an, dass die Stadt in diesem wichtigen Jahr auf eine - gemessen an ihrer Größe - beeindruckende kulturelle Infrastruktur zurückgreifen kann. Die reicht vom Kunstmuseum Beaux-Art BAM, einem 5000-Quadratmeter-Glas-Beton-Bau, der 2013 für über drei Millionen Euro saniert wurde, über das 2006 eröffnete Théâtre du Manège bis zum Archiv- und Ausstellungszentrum Mundaneum. Dazu kommt eine ganze Reihe an Unesco-Welterbestätten, zu denen unter anderem ein altes hydraulisches Schiffshebewerk und die ehemalige Zechenanlage "Le Grand Hornu" mit Werkstätten, Büroräumen und einer Arbeitersiedlung zählt. Sie beherbergt heute das Museum für zeitgenössische Kunst (MAC).

Mit rund 300 Veranstaltungen (Gesamtetat: rund 80 Millionen Euro ), will Mons dieses Jahr die Besucher anlocken. Zu den wichtigsten gehört neben einer Schau über den Dichter Paul Verlaine (14. März bis 14. Juni) auch die große Van-Gogh-Ausstellung, die am Samstag eröffnet. Als junger Theologiestudent lebte van Gogh ein Jahr in Mons , predigte dort vor verarmten Bergarbeitern - und fand dabei zu seiner eigentlichen Bestimmung, dem Malen.

Ob als Geburtsstadt des Renaissance-Komponisten Orlando di Lasso oder als Austragungsort der legendären "Schlacht von Mons " im Ersten Weltkrieg - Mons hat viele Gesichter, die sich im Kulturhauptstadtjahr widerspiegeln. Und doch lohnt sich auch ein Blick über das offizielle Programm hinaus - zum Beispiel in die urige, natürlich auch an der Grand Place gelegene Musik-Kneipe "Bateau Ivre". Hier treffen sich seit Jahren zur nächtlichen Jam-Session die jungen Bewohner der Universitätsstadt. Für Mons ist eben diese standhafte Subkultur mindestens so wichtig wie die gläsernen Museumspaläste, die in den kommenden Monaten von Touristen bevölkert werden. Denn klar ist: 2016, wenn das Spektakel vorüber ist, werden auch die großen Besucherströme versiegen. Erst dann wird sich zeigen, was bleibt von "Mons 2015".

Am Samstag eröffnet Mons das Kulturhauptstadtjahr mit einer großen Feier. Infos und Programm: www.visitmons.be

Von einer "Erfolgsstory" und einem neuen "Wir-Gefühl" unter den Großregion-Bewohnern schwärmte der damalige rheinland-pfälzische Ministerpräsident Kurt Beck (SPD ) im Rückblick auf das Kulturhauptstadtjahr 2007. Auch Becks Amtskollegen aus Luxemburg , dem Saarland, Lothringen und Wallonien jubelten unisono: Das Kulturhauptstadtjahr "Luxemburg und die Großregion" werde zum europäischen Modell für den nachhaltigen Aufbau grenzüberschreitender "Netzwerke".

Besucht man nun, sechs Jahre später, die aktuelle Kulturhauptstadt Mons , ist man erstaunt, wie wenig von den vollmundigen Ankündigungen umgesetzt wurde. Wäre eine wallonische Stadt, die den Titel gewissermaßen zum zweiten Mal trägt, nicht die ideale Gelegenheit zu beweisen, dass die "Großregion" tatsächlich mehr ist als ein blutleeres Konstrukt? Wer in Mons nach Spuren von 2007 sucht, findet - nichts. Schon die große "internationale Pressekonferenz" im vergangenen Oktober wurde komplett in Französisch abgehalten. In anschließenden Gesprächen mit den Verantwortlichen von "Mons 2015" offenbarte sich dann die ganze Diskrepanz zwischen Sonntagsreden und Realität. Wer nach Bezügen zu 2007 fragte, nach der Einbindung der Großregion-Partner in das Programm, blickte in fragende Gesichter. "Frankreich und Holland sind unsere touristischen Schlüsselmärkte", sagte ein hochrangiger Mitarbeiter des Organisationsteams. Und ergänzte: "Großregion kennen wir hier gar nicht. Was ist das?"


 Ein einsamer Hirsch im Grünen: Das Kulturhauptstadtjahr 2007 ist lange her. Foto: Diwersy
Ein einsamer Hirsch im Grünen: Das Kulturhauptstadtjahr 2007 ist lange her. Foto: Diwersy FOTO: Diwersy