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Im Freiluft-Labor Bliesgau

Die Hühner staksen ohne Eile durch das saftige Gras, einige suchen den Schatten. "Wo ist der Hahn?", fragt Gabriele Allwicher Ehemann Paul. "Der ist drin auf'm Sofa", sagt er und nickt in Richtung Stall. Seine Helfer lachen, während sie den neuen Maschendrahtzaun befestigen. Von hier aus geht der Blick weit über sanft gewelltes Hügelland Von SZ-Redakteurin Sabine Schorr

Die Hühner staksen ohne Eile durch das saftige Gras, einige suchen den Schatten. "Wo ist der Hahn?", fragt Gabriele Allwicher Ehemann Paul. "Der ist drin auf'm Sofa", sagt er und nickt in Richtung Stall. Seine Helfer lachen, während sie den neuen Maschendrahtzaun befestigen. Von hier aus geht der Blick weit über sanft gewelltes Hügelland. Ganz in der Nähe liegen einige Glanrinder, eine bedrohte Nutztierrasse mit gelblich-braunem Fell, träge unter Bäumen. Ein Paradies für Tiere. Nur die Menschen auf dem Wintringer Hof nahe Kleinblittersdorf müssen auch an diesem warmen Frühsommertag arbeiten. 90 Mitarbeiter, davon 70 Behinderte, bewirtschaften den Hof der Lebenshilfe Obere Saar.



Neben Geflügel und Kühen gibt es auch Schweine. Weideland bis zum Horizont, ausgedehnte Obstbaum-Plantagen mit Äpfeln, Quitten, Birnen und 50 Hektar Ackerland, auf dem Getreide und Kartoffeln wachsen, gehören ebenso zum Betrieb wie ein Gewächshaus, in dem Gemüsepflänzchen und Blumen angezogen werden. Im Hofladen verkaufen die Lebenshilfe-Mitarbeiter ihre Produkte aus ökologischem Landbau. Der schonende und verantwortungsvolle Umgang mit Natur und Umwelt, also das Prinzip der Nachhaltigkeit, "steht bei uns ganz oben", sagt Betriebsleiterin Gabriele Allwicher. Grund genug für den Biosphärenzweckverband Bliesgau, den Wintringer Hof als Vorzeige-Hof zu präsentieren. Schließlich gehört er zum Biosphärenreservat Bliesgau, das gerade erst durch den Qualitätsstempel der Unesco weltweite Anerkennung bekommen hat. "Wir arbeiten mit dem Bioland Hof zusammen, weil wir die gleichen Ziele haben", sagt Pia Schramm vom Zweckverband. "Der Verband hat zum Beispiel den Anstoß für unsere Kelterei gegeben", wirft Allwicher ein. "Wir keltern Äpfel von den Streuobstwiesen des Bliesgaus", sagt die Agraringenieurin, während sie durch die Obstbaum-Plantage stapft und sich Tontöpfe anschaut, die mit der Öffnung nach unten an den Quittenbäumen hängen. Die Töpfe sind mit Stroh gefüllt, darin leben Ohrwürmer. "Das ist unser biologischer Pflanzenschutz, die Ohrenkriecher fressen die Läuse", erklärt die Hofchefin.

Ortswechsel: Kinder rennen auf den Kiesplatz hinter Spohns Haus in Gersheim. Es sind Viertklässler der Rischbach Grundschule in St. Ingbert, die in dem Ökologischen Schullandheim einige Tage verbringen. Sie scharen sich um Winfried Lappel. Der Öko-Pädagoge verteilt Handspiegel. Der sonnige Nachmittag ist ideal, um den Kindern das Thema Energie mit Hilfe von Licht und Wärme nahezubringen. Valentin werden die Augen verbunden. "Jetzt haltet eure Spiegel in Richtung Sonne und versucht, den Lichtstrahl umzulenken, auf das Gesicht von Valentin", fordert Lappel. "Spürst du schon was Valentin?" Der nickt. "Es wird warm", sagt er. "Wir sehen, im Licht ist auch Wärme drin", doziert Lappel. Auch die Bildung gehört zu den Aufgaben eines Biosphärenreservats, genauer "Bildung für nachhaltige Entwicklung". Für seine Bildungsangebote wurde das Schullandheim Spohns Haus, eingerichtet in einem ehemaligen Bauernhaus und einer alten Volksschule, bereits von der Unesco ausgezeichnet. "Unser Leuchtturm-Projekt", sagt Pia Schramm.

Seltene Flora und Fauna

Einen Spaziergang weit entfernt von Spohns Haus, hinter dem Ortsausgang von Gersheim, erstreckt sich an einem Steilhang eine Blumenwiese. Aber nicht irgendeine. "Fast die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Orchideenarten wachsen hier auf diesem Fleck", sagt Biosphären-Expertin Schramm. Rosa und zartlila Blütendolden überragen gewöhnlichen Klee und Löwenzahn. Um diesen Schatz des Bliesgaus zu erhalten, muss er gepflegt werden. Alle zwei Jahre wird die Wiese gemäht. Entgegen landläufiger Vorstellung wird die Natur in einem Biosphärenreservat nicht sich selbst überlassen. Wertvolle Kulturlandschaften mit ihrer Fülle seltener Flora- und Fauna-Arten, wie sie der Bliesgau vorzuweisen hat, entstehen erst durch die Nutzung durch den Menschen. "Würden die Flächen nicht bewirtschaftet, hätten wir hier Buchenwald", sagt Pia Schramm. "Schutz durch Nutzung", nennt Schramm das Prinzip. Das etwa auch für die Streuobstwiesen gilt. "Unser Sorgenkind", sagt die Geografin. Denn über 50 Prozent der Streuobstwiesen würden nicht mehr gepflegt. Aufklärung tut Not, "viele wissen gar nicht, dass sie Streuobstwiesen haben". Aufklärung ist für Pia Schramm ohnehin eine der wichtigsten Aufgaben des Biosphärenzweckverbands. Wichtig war sie in der Gründungsphase, als Landwirte und Jäger Sturm liefen gegen ein Reservat, aus Angst vor Beschränkungen und Verboten - eine unbegründete Angst, wie sich herausstellte. Aufklärung ist auch heute wichtig. Denn ein Biosphärenreservat lebt vom Engagement der Menschen, der Vereine und Kommunen.



Hans Pick füllt frisch gepresstes Leindotteröl in Flaschen ab. Das macht er von Hand. Die leeren Glasflaschen werden nebeneinander unter die vier Zapfhähne gestellt, über einen Schlauch wird das Öl aus einem Metall-Tank gepumpt. Deckel drauf. Fertig. Die Bliesgau Ölmühle, die Pick zusammen mit zwei Gleichgesinnten führt, ist in einem Nebengebäude seines Bauernhofs in Homburg-Einöd untergebracht. Hier werden seltene Speiseöle etwa aus Mariendistel, Nachtkerzen oder Hanf hergestellt. "Viele der Ölpflanzen baue ich selbst an", sagt Pick, während er die Etiketten auf die Flaschen klebt. Mit Hilfe des Biosphärenzweckverbands wurde die Mühle 2007 gegründet. Ein kleiner, feiner Betrieb mit Wachstumspotenzial. "Mit einem Hektar habe ich angefangen, jetzt baue ich schon auf 20 Hektar meine Ölpflanzen an", sagt Pick. Er beliefert etwa 40 Geschäfte in der Region. Für den Landwirt ein Nebenerwerb und ein Steckenpferd.

Pick zieht den Deckel von einer gelben Plastikschüssel, darin eine zähflüssige dunkelbraune Flüssigkeit, Motoröl nicht unähnlich. "Riechen Sie mal. Fenchelöl", klärt Pick auf, lächelt breit. "Ich experimentiere viel und gern." Mit dieser Vorliebe ist er im Biosphärenreservat goldrichtig. Schließlich ist eine Modellregion wie der Bliesgau eine Art Freiluft-Labor, in dem Methoden getestet werden, wie Natur und menschliche Nutzung optimal in Einklang gebracht werden können - auch mit Blick auf künftige Generationen. "Wir haben hier eine Experimentierstelle für Nachhaltigkeit", wie Pia Schramm sagt.