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Islam und Menschenrechte
„Ich lehne das Etikett ‚Moslem’ ab“

Die Lebensfreude kann ihr niemand nehmen: Die Iranerin Mina Ahadi setzt sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte ein. Vor zehn Jahren gründete sie in Köln den „Zentralrat für Ex-Muslime“.
Die Lebensfreude kann ihr niemand nehmen: Die Iranerin Mina Ahadi setzt sich seit Jahrzehnten für Menschenrechte ein. Vor zehn Jahren gründete sie in Köln den „Zentralrat für Ex-Muslime“. FOTO: Ahadi
Ein Todesurteil und etliche Morddrohungen: Eine iranische Aktivistin spricht über das Leben im Exil, über islamische Diktaturen und die aktuellen Proteste in ihrer Heimat. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Frau Ahadi, Sie wurden im Iran zum Tode verurteilt. Wie kam es dazu?



AHADI Ich war sehr aktiv gegen das islamische Regime. Ich habe Untergrundarbeit gemacht und Flugblätter verteilt. Es war zu einer Zeit, als Andersdenkende einfach auf der Straße festgenommen und hingerichtet wurden. Sie waren bei uns zu Hause in Tebriz und haben Schreibmaschinen und Flugblätter gefunden. Daraufhin wurden fünf Gäste aus Kurdistan, denen wir Unterschlupf boten, hingerichtet. Ich war damals aktiver als mein Mann. Er wurde ebenfalls hingerichtet, ich habe mich in Teheran versteckt. Die Familie meines Ehemanns kam mich dort besuchen und sagte mir, dass mich das Regime suche und zum Tode verurteilt habe. Danach bin ich zunächst nach Kurdistan geflohen und dann nach Österreich.

Wie ist heute Ihre Beziehung zur Heimat?

AHADI Ich habe den Iran 1981 verlassen und bin dann 1990 nach Wien. Meine Familie habe ich schon seit fast 39 Jahren nicht gesehen. Alle haben Angst, mich zu kontaktieren. Ich habe mich als Frau öffentlich gegen den Islam gewandt und das ist eine Todsünde.  Meine Mutter lebt noch dort. Ich kann meine Familie aber nicht besuchen. Nachdem mich meine Mutter Anfang der 90er in Wien besucht hatte, wurde sie später im Iran festgenommen und verhört.

Und trotzdem fanden Sie den Mut, eine doch recht ungewöhnliche Organisation zu gründen: den Zentralrat der Ex-Muslime. Der Name ist ein absoluter Tabubruch. Der Islam sieht keine Abtrünnigen vor.



AHADI Genau. Den Zentralrat so zu nennen, war eine bewusste Entscheidung. Es ist europa- und deutschlandweit ein Problem, dass man als Moslem einen Stempel aufgedrückt bekommt. Wir sind plötzlich alle Moslems geworden. Ich hatte mal dem WDR ein Interview zum Thema Steinigung gegeben. In der Unterzeile stand über mich „muslimische Frau“. Ein Skandal! Ich bin seit meinem 15. Lebensjahr Atheistin. Moslem zu sein ist keine Hauptidentität. Wenn Alice Schwarzer interviewt wird, fragt auch niemand nach ihrer Religion. Man sagt, es gehe in Deutschland um die Integration von vier Millionen Muslimen. Aber wir sind doch keine Umma (Anm. der Redaktion: eine religiös fundierte Gemeinschaft der Muslime). Wir leben im 21. Jahrhundert. Menschsein ist die Hauptidentität. Moslemsein als Label lehne ich ab.

Kann man in Deutschland denn nicht ein freier Ex-Moslem sein?

AHADI Die Medien nehmen uns Ex-Moslems nicht ernst genug. Es ärgert mich, dass die Islamverbände als unsere Vertretung gelten. Keiner hat sie gewählt. Sie vertreten höchstens fünf Prozent derer, die in Deutschland als Moslems bezeichnet werden. Im Jahr 1970 gab es in Deutschland die Bewegung „Wir haben abgetrieben“. Abtreibung war verboten, trotzdem hat man es gemacht. Wir sagen: „Wir haben abgeschworen.“ Viele Menschen sind innerlich ausgetreten. Es gibt eine große Bewegung.

Eine Bewegung, die Sie für sehr wichtig halten. Warum?

AHADI Mit dem Islam kann man Menschen nicht integrieren. Wenn wir islamischen Verbänden Geld geben, dann unterstützen wir Menschen, die predigen, dass Frauen nicht sauber sind und dass Religion das einzig Wichtige ist. Das ist ein falscher Ansatz, das ganze Konzept ist falsch. Wir sprechen immer von verschiedenen Kulturen, aber der Islam ist keine Kultur, sondern eine Religion wie alle anderen Religionen auch.

Warum ist das ein Problem?

AHADI Wir kritisieren alle Religionen. Es geht mir nicht darum, religiöse Menschen zu verteufeln. Es gibt auch nette Menschen, die religiös sind. Es geht mir um den politischen Islam, es geht um politische  Bewegungen in Afghanistan und im Irak.

Oft hört man das Argument, Extremismus habe nichts mit dem „Islam an sich“ zu tun...

AHADI Natürlich hat Islamismus etwas mit dem Islam zu tun. Wie kann man Ungläubige umbringen und Frauen misshandeln? Wie kann man Homosexuelle verfolgen? Der Islam bietet da eine gute Grundlage.

Die Vorsitzenden der deutschen Islamverbände dürften da laut widersprechen. Wie haben sie auf die Gründung Ihrer Organisation reagiert?

AHADI Als wir 2007 den Zentralrat der Ex-Muslime gegründet haben, haben die islamischen Verbände alles beobachtet. Die Medien hatten verschiedene Vertreter von Verbänden, unter anderem uns, zu einer Gesprächsrunde geladen. Doch der Vorsitzende des Zentralrats der Muslime lehnte ein Gespräch mit mir ab. Es gab keine direkte Kommunikation. Die Islamverbände mauern. Von offizieller Seite hat niemand Kontakt zu uns aufgenommen. Doch kurz nach der Gründung haben wir Morddrohungen bekommen. Ich vermute, dass die Islamverbände dahinter stecken. Kein normaler Mensch würde sonst auf die Idee kommen, so etwas zu tun.

Was unterscheidet Ex-Christen von Ex-Muslimen?

AHADI Einen Ex-Christen und einen Ex-Muslim sollte eigentlich nichts unterscheiden. Wir leben im 21. Jahrhundert. De facto ist da aber ein riesiger Unterschied: Wenn jemand öffentlich macht, dass er kein Muslim mehr sein will, dann erhält er Morddrohungen. Viele haben schon ihr Leben deswegen verloren. Das ist hochpolitisch. Der iranische Fotograf und Blogger Soheil Arabi wurde allein wegen einer „Beleidigung des Propheten“ auf Facebook zum Tode verurteilt. Religion sollte nicht Erbsache sein. Es gibt weder einen kleinen Marx noch einen kleinen Moslem.

Ist der Islam reformierbar?

AHADI Man kann den Islam reformieren, aber das ist nicht unser Anliegen. Es ist dafür meiner Meinung nach ohnehin zu spät. Auch die Gründerin der liberalen Moschee in Berlin hat Morddrohungen bekommen. Der politische Islam ist eine gefährliche Bewegung. Der Koran ist widersprüchlich und bietet Extremisten viele Zitate, die sie verwenden können, um alle möglichen Taten zu rechtfertigen. Wenn diese politische Bewegung zum Mord an Ex-Muslimen und zu Handlungen gegen Frauen aufruft und sie erniedrigt, dann muss man dagegen kämpfen.

Und das tun Sie vehement. Würde es nicht helfen, mit den Islamverbänden zusammenzuarbeiten?

AHADI Nein, man kann nicht mit Vertretungen von islamischen Regimen oder mit der saudischen Regierung zusammenarbeiten. Es sollte eine kritische Auseinandersetzung geben dürfen. Islamverbände haben Verbindungen zu diktatorischen Regimen. Ditib ist mit Erdogan verbunden, Salafisten mit Saudi-Arabien. Ich kann nichts mit Organisationen anfangen, deren Vertretung Saudi-Arabien oder das islamische Regime im Iran ist.

Ist es nicht traurig, dass es den Zentralrat der Ex-Muslime überhaupt geben muss?

AHADI Ja, das ist traurig. Mit 16 habe ich aufgehört, zu beten. Das Abschwören von Religion sollte Privatsache sein. Aber das Gegenteil ist der Fall: Wir sehen noch mehr Frauen mit Kopftuch, Kinder mit Kopftuch. Auch das steht im Zusammenhang mit Politik. Leider verteidigen in Europa auch Linksorien­tierte und Feministinnen das Kopftuch. Sie haben uns nicht geholfen. Sie haben nichts verstanden.

Warum nicht?

AHADI Das Kopftuch ist im Iran sehr wichtig. In meinem Land heißt es: Entweder ihr tragt eins oder wir schlagen euch! Ich war mit 1000 Frauen in Teheran auf der Straße. Wir sagten: „Wir möchten kein Kopftuch!“ Denn es ist nicht nur ein Stück Stoff. Es ist ein Teil unserer Geschichte. Wir haben im Iran mit dem Kopftuch unsere Rechte verloren.

Einige behaupten, es freiwillig zu tragen...

AHADI Ja, es gibt Frauen, die sagen: Ich habe mich selbst dafür entschieden. Aber wenn auch nur eine Frau auf dieser Welt das Kopftuch unfreiwillig trägt, dann müssen diejenigen, die es aus freien Stücken tun, wenigstens solidarisch sein. Ich bekomme E-Mails von Mädchen, die erzählen, dass sie sich umbringen wollen, weil ihr Mann oder ihr Vater sie zum Kopftuch zwingt. Das Kopftuch ist verbunden mit Zwang.

Wie so vieles für Frauen in islamischen Ländern...

AHADI Meine Schwester lebt im Iran. Sie ist Ärztin und seit zehn Jahren von ihrem Mann getrennt. Aber sie sind immer noch nicht geschieden. Der Richter wollte nämlich von meiner Schwester den Grund für die Trennung erfahren. Sie sagte: „Ich liebe ihn nicht mehr.“ Das ist im Iran kein Grund, sich scheiden zu lassen. Meine Schwester darf das Land nicht verlassen. Wenn sie fliegen möchte, dann muss ihr Mann beziehungsweise Ex-Mann unterschreiben.

Machen Ihnen die aktuellen Proteste in Ihrem Land Hoffnung?

AHADI Ich war bei einer Freundin in Schweden, als ich von den Protesten erfuhr. Wir haben uns natürlich sehr gefreut. Wir möchten das islamische Regime stürzen. Die Geschichte hat gezeigt, dass man Diktaturen per Revolution abschaffen kann.

Wie haben Sie die Proteste begleitet?

AHADI Ich habe sehr viele Interviews gegeben: Vor allem als ich in Stockholm war. Ich habe außerdem einen Aufruf gestartet, um auf die Verbrechen von Mahmoud Hashemi Shahroudi (Anm. der Redaktion: möglicher Nachfolger des geistigen Führers Ali Chamenei) aufmerksam zu machen. Er wurde ja kürzlich in einem deutschen Krankenhaus in Hannover behandelt. Auch Volker Beck hat beklagt, dass wir einen Menschenrechtsverbrecher in Deutschland pflegen. Ich habe meine Landsleute, die durch ihn Unrecht erfahren haben, gebeten, sich an mich zu wenden.

Während sich sein potenzieller Nachfolger in Deutschland behandeln lässt, behauptet der geistige Führer, Ali Chamenei, die Proteste seien eine Verschwörung des Westens.

AHADI Ja, das ist typisch. Das iranische Regime hat schon immer so reagiert. Kritiker der Proteste sehen immer in Israel und in den USA die Schuld. Es ist einfach nur lächerlich.

Wird sich etwas bewegen?

AHADI Iran und Afghanistan haben viel unter dem politischen Islam gelitten. Meine Hoffnung ist, dass viele Menschen dagegenhalten. Im Iran gibt es eine große Bewegung von Arbeitern, von Studenten. Es ist eine säkulare Bewegung. Seit zwei Wochen sind Millionen Menschen auf der Straße mit dem Slogan „Nieder mit der Diktatur!“ Frauen sind sehr aktiv. Sie laden auf Facebook Fotos ohne Kopftuch hoch. Es gibt eine Aktion in den sozialen Netzwerken, die „Mittwoch ohne Kopftuch“ heißt und die sich auch jenseits des Internets im Iran verbreitet. Immer mehr Frauen gehen mittwochs unverschleiert auf die Straße.

Ein Erwachen?

AHADI Heute sind iranische Frauen sehr emanzipiert. Sex vor der Ehe ist verboten, aber sie machen es trotzdem. Die Menschen haben den Glauben verloren. Kein junger Mensch betet mehr. Wir erleben eine Renaissance.

Und was sagen die Männer dazu?

AHADI Ich berate Männer und Frauen live im Internet oder per Audiobotschaft. Manchmal habe ich 400 Zuhörer, ich mache viel auf Persisch. Die Männer haben in unserem Land auch viel verloren. Musik ist verboten, es gibt keine freie Meinungsäußerung, Männer und Frauen sitzen im Bus getrennt. Frauen müssen immer wieder zeigen, dass ihr Bruder oder ihr Mann auf sie aufpasst. Sehr viele Männer sind gegen Gewalt an Frauen. Viele fragen mich, was sie tun können. Das gibt mir Hoffnung.

Ist Deutschland ein guter Ort für iranische Aktivisten?

AHADI Am 27. November haben wir unser zehnjähriges Bestehen gefeiert. Wir können in Deutschland mit fortschrittlichen Organisationen einiges bewegen. Auch hier gibt es noch viel zu tun. Deutschland braucht mehr Säkularisierung. Kopftücher im Kindergarten sind eindeutig Verletzungen des Kinderrechts.

Die einen wollen mehr Säkularisierung, die anderen pochen auf Religionsfreiheit. Was verstehen Sie unter Religionsfreiheit?

AHADI Religionsfreiheit bedeutet für mich auch die Freiheit zu entscheiden, ob man einer Religion angehören möchte oder nicht. Oder ob man beten möchte oder nicht. Wenn eine Religion dafür sorgt, dass Frauen umgebracht werden, weil die Ehre der Familie verletzt wurde, dann will ich auch die Freiheit haben, mich von ihr abzuwenden. Rituale wie Kinderbeschneidung fallen für mich nicht unter Religionsfreiheit. Man könnte sich ja dann immer darauf berufen, wenn man anderen Menschen wehtun möchte.

Werden Sie jemals wieder in ihr Land zurückkehren?

AHADI Ich habe Hoffnung.

Das Gespräch führte Fatima Abbas.

Die iranische Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi spricht bei der Demonstration gegen die sogenannte „Scharia-Polizei“ in Wuppertal.
Die iranische Menschenrechtsaktivistin Mina Ahadi spricht bei der Demonstration gegen die sogenannte „Scharia-Polizei“ in Wuppertal. FOTO: Ahadi