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„Ich bin der Mittelpunkt des Universums“

 Benjamin Meisberger wirkt überheblich, unangepasst. „Ich bin immerzu zornig“, sagt der 29-Jährige. Erst vor vier Jahren wurde bei ihm Asperger-Autismus diagnostiziert. Foto: Oliver Dietze
Benjamin Meisberger wirkt überheblich, unangepasst. „Ich bin immerzu zornig“, sagt der 29-Jährige. Erst vor vier Jahren wurde bei ihm Asperger-Autismus diagnostiziert. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Homburg. Das Saarländische Staatstheater macht Autismus zum Thema. Wie lebt man mit dieser Krankheit? Das fragten wir den aus Oberthal stammenden Asperger-Autisten Benjamin Meisberger. Cathrin Elss-Seringhaus

Gesetzt den Fall, ein Autist würde zum Geisterfahrer , dann wäre seine Analyse der Situation wie folgt: "Mir kommen Hunderte von Geisterfahrern entgegen." Sprich: "Ich bin von Idioten umringt." Benjamin Meisberger (29) würde das derart platt nie formulieren, denn er verfügt über eine gewählte, originelle, zugleich frappierend drastische Ausdrucksweise. Also sagt er: "Wenn ich auf das wimmelnde Menschenmaterial schaue, bin ich der homo excelsior." Egozentrik ist für Meisberger kein Schimpfwort, sondern eine Diagnose. Wenn er verkündet, er sei "der Mittelpunkt des Universums", hält man ihn endlich nicht mehr für übergeschnappt. Sondern es ist endlich gut so.

Als Asperger noch nicht diagnostiziert war - das geschah erst vor vier Jahren -, sah das anders aus. "Ich war umgeben von Primaten und fühlte mich als Halbgott. Gleichzeitig hat man mir vermittelt, dass ich minderwertig bin." Freunde macht man sich mit derartigen Sprüchen nicht. Meisberger will aber auch gar keine. Asperger-Autisten geht es mit sich selbst am besten. Also sitzt Meisberger in seiner Freizeit grundsätzlich allein in seinem Zimmer, surft im Internet und spielt eines seiner 120 Computer-Rollenspiele. Genau 60 hat er durch. Fernsehen langweilt ihn: "Wer macht dort das Programm? So doof bin ich nicht." Überheblich wirkt er, krass, unangepasst. Er trägt den Kopf sehr hoch, schaut auf die Welt herab. Nicht nur, weil er ein sehr großer Mann ist. Meisberger hebt auch im Sitzen den Kopf, bringt dadurch seine Augen in die richtige Position. Einschüchterungstaktik? Keineswegs, sondern Selbstschutz.

Denn Meisberger verhindert so, dass er dem für Autisten charakteristischen Reflex des Wegschauens nachgibt. Durchhalten, nur nicht dem Blick des Gegenübers ausweichen, das hat Meisberger mühsam gelernt, hat es perfektioniert. Jeder Blickkontakt bleibt dennoch ein Überwindungs- und Willensakt. Andererseits sind Autisten dafür bekannt, dass sie anderen ihren Willen aufzwingen wollen. Funktionieren sollen die. Mitunter fühlt man sich im Gespräch, als wären Drahtseile über den Tisch gespannt. Jederzeit können sie reißen.

Wir sitzen in der Homburger Außenstelle des Autismus-Therapie-Zentrums Saar. Dort trifft sich Meisberger, der in Oberthal wohnt, zwei Mal im Monat mit seinem Therapeuten Christoph Giloi. Vor der Diagnose Asperger lag ein Leidensweg, den Meisberger nie so nennen würde. Selbstmitleid ist ihm ebenso fremd wie Empathie. Er muss mit Wahrnehmungen leben, die keiner teilt: Wasser brennt ihm auf der Haut, er empfindet es als "grausam", ähnlich ergeht es ihm mit Wind.

"Ich bin auf andere Menschen geprallt", so beschreibt er seine Sozialisation und berichtet von "unglücklichen Konfrontationen". Sachlich, als ginge es um einen Fremden, gibt er über seine "Gewaltbereitschaft" Auskunft. Am Bau, wo er als jobbte, weil er nach der mittleren Reife und nach seiner Ausbildung zum Energieelektroniker keine Anstellung fand, war das in Ordnung. Doch Aggressionen sind heute noch Meisbergers Alltagsbegleiter, sie tauchen unvermittelt als Schärfe im Tonfall auf, drücken sich in die Fäuste, die er auf den Tisch knallt. "Ich bin immerzu zornig", sagt er. Zweidrittel seiner neuronalen Energie verwende er darauf, sich zu zähmen.

Als Kind litt Meisberger unter Sprachstörungen , wurde auf Phosphatallergie behandelt, später auf Depressionen und mit Antidepressiva vollgestopft. Bis eine der vielen Psychotherapeutinnen den Begriff Asperger erwähnte. Erleichterung war die Folge. Endlich musste Meisberger sich nicht mehr allein schuld fühlen an seinem Fehlverhalten. "Jeder dachte doch, der ist nicht dumm, also benimmt der sich absichtlich so. Wäre ich behindert gewesen, wäre es mir all die Jahre besser ergangen."

Und heute? "Ich trage eine Maske", sagt er in der für ihn und viele Autisten typischen Ehrlichkeit. Meisberger meint damit, er hat sich angepasst. "Ich tue, was man von mir verlangt." Etwa "schnödes Geld" verdienen. Dafür müsse er anderen seinen Willen unterordnen, sagt Meisberger. Seit zwei Jahren arbeitet er in einer Bäckerei in Bliesen als Haustechniker. Und ist unzufrieden - mit sich. Weil er für die Erfüllung mancher Aufgabe "drei Hände" bräuchte, die er aber nun mal nicht hat. So läuft die Autisten-Logik. Und Zweckorientierung prägt Beziehungen. Meisberger wohnt noch bei den Eltern: "Ich sah bisher keinen Grund, auszuziehen." Der Vater ist Augenoptiker , die Mutter Industriekauffrau. "Ich sehe keinen Sinn darin, Zeit mit anderen zu verbringen", erklärt er.

Lässt sich ahnen, was Eltern von Autisten an Ablehnung und Entkoppelung erdulden? "Sie taten, was sie konnten", befindet Meisberger. Es ist wohl ein ähnlich großes Kompliment wie die Aussage über eine Frau, von der man ahnt, dass er sich in sie verliebt hat: "Sie stört mich nicht. Das ist das Höchste." Mit den anderen "Sexualpartnerinnen" lief es anders, alle waren so genannte NTs - neurotypische Menschen, so nennen Autisten die Normalos.

Es heißt, der Kontinent Liebe sei für Autisten nicht mal ein Sehnsuchtsort. Insofern lässt sich das Leben in Isolationshaft des eigenen Egos wohl aushalten. Mitleid unangebracht? Toleranz führt über die Brücke der Fremdheit. Bei Meisberger stellt man dann fest, dass Unverblümtheit die Schwester einer seltenen Aufrichtigkeit ist.


Zum Thema:

Auf einen BlickAm Staatstheater (SST) hat am 19. September das Stück "Supergute Tage oder die sonderbare Welt des Christopher Boone" von Simon Stephens (2012) Premiere. Es basiert auf dem Roman von Mark Haddon aus dem Jahr 2003; der Held ist ein Asperger-Autist, der einen Kriminalfall löst. Das SST kooperiert eng mit dem Autismus-Therapie-Zentrum Saar, unter anderem ist am 6. Oktober der Vortrag "Rätsel Autismus - Leben in zwei Welten" geplant (SST-Mittelfoyer, 19.30 Uhr). Intendantin Dagmar Schlingmann ist selbst Betroffene. Ihr Sohn Richard (11) gilt als atypischer Autist und wird vom Autismus-Therapie-Zentrum betreut. ce