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Horst Köhler blickt nach vorn

Im Reichstag menscheln zwei besonders stark: Angela Merkel und Guido Westerwelle. Horst Köhler ist für weitere fünf Jahre zum Bundespräsidenten gewählt, direkt unter der Glaskuppel findet der große Empfang nach der Wahl statt. "Möchtest Du Weißwein oder Roten?", fragt ein über beide Backen grinsender Guido die Angela. "Weißwein", sagt sie lächelnd - und schon rauscht er davon Von den SZ-Korrespondenten Hagen Strauß und Werner Kolhoff

Im Reichstag menscheln zwei besonders stark: Angela Merkel und Guido Westerwelle. Horst Köhler ist für weitere fünf Jahre zum Bundespräsidenten gewählt, direkt unter der Glaskuppel findet der große Empfang nach der Wahl statt. "Möchtest Du Weißwein oder Roten?", fragt ein über beide Backen grinsender Guido die Angela. "Weißwein", sagt sie lächelnd - und schon rauscht er davon. "Danke fürs Mitmachen", ruft Merkel noch schnell Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt zu, der Köhler gewählt hat. Schon ist Westerwelle mit dem Wein zurück, dann schaut der FDP-Chef der CDU-Vorsitzenden tief in die Augen und wispert: "Ich bin erleichtert, wirklich, ich bin erleichtert."


Horst Köhlers Wiederwahl direkt im ersten Wahlgang hat die schwarz-gelben Träumereien für eine gemeinsame Ehe nach der Bundestagswahl neu entfacht. Zwar habe die Wahl im September "eine ganz eigene Dynamik", beschwichtigt die Kanzlerin ein wenig. Doch es sei kein Geheimnis, dass Union und FDP "eine gemeinsame Mehrheit" erreichen wollten. Der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer (CSU) drückt sich deutlicher aus. Die Wiederwahl Köhlers sei ein "klares Signal für das, was wir vorhaben, nämlich Schwarz-Gelb". Westerwelle muss man dazu gar nicht erst befragen. Und Köhler selbst? Dem scheinen die Szenen einer Wunsch-Ehe nicht geheuer zu sein - er sehe sich nicht als Bestandteil einer möglichen Regierungskoalition, lässt das Staatsoberhaupt wissen.

Fast ist es wie nach Bundestagswahlen. Ein Sieger, aber keine Verlierer. Renate Künast von den Grünen sagt, "aus dem Ergebnis kann keiner richtig Honig saugen". Peter Sodann von den Linken ist der einzige, der mehr Stimmen bekommt, als seine Fraktion Mitglieder hat. Die jubelt entsprechend. Bei SPD und Grünen tröstet man sich damit, dass es zwar für Gesine Schwan nicht gereicht habe, "aber von uns ist keiner übergelaufen", wie Fraktionschef Peter Struck ausruft. Das stimmt nicht. Zehn Enthaltungen fehlen Gesine Schwan. Mindestens.



Die 13. Bundesversammlung bietet all das, was man einem guten Filmdrehbuch abverlangt: eine gehörige Portion Spannung und Emotion. Die vier NPD- und DVU-Delegierten sind in die hinterste Ecke des Parlamentssaals platziert. Darunter ihr Kandidat Frank Rennicke, ein rechter Volkssänger, der mit Lederhose, ausrasiertem Nackenhaar und Seitenscheitel aussieht wie eine lächerliche Wiedergeburt Hitlers, nur ohne Bart. Den Versuch der Rechten, über Geschäftsordnungsanträge die Verfassung auszuhebeln, nach der der Bundespräsident "ohne Aussprache" gewählt wird, schmettern die anderen Fraktionen einhellig ab. 1119 gegen vier Stimmen lautet das erste Abstimmungsergebnis dieses Tages. Ein Sieg der Demokraten.

Dann werden alle 1223 Namen zur Abstimmung über den Präsidenten aufgerufen. Nach einer einstündigen Auszählpause sitzen um 14 Uhr alle wieder im Bundestagsplenum und warten darauf, dass Parlamentspräsident Norbert Lammert das Ergebnis des ersten Wahlganges bekannt gibt. Draußen feiern 750 000 Menschen mit Thomas Gottschalk und Udo Jürgens das Bürgerfest zum 60. Jahrestag des Grundgesetzes. Unruhe macht sich im Saal breit. Plötzlich nimmt ein Blechbläserquintett Aufstellung. Das kann nur eins bedeuten: Die Entscheidung ist gefallen. Jubel brandet bei Union und FDP auf. Kurz danach kommen die Saalordner mit Blumen in den Saal. Wieder Jubel. Dann gehen sie wieder raus, dann kommen sie wieder rein. Fast eine Slapstick-Nummer.

Aber das alles ist wie weggeblasen, als der neue, alte Präsident dann den Beifall des ganzen Hauses entgegennimmt, als erst Gesine Schwan und dann Peter Sodann ihm höflich gratulieren und als Horst Köhler eine erste kurze Rede hält. Über die Krise, und dass viel Arbeit auf alle zukomme. "Aber dieses Land ist stark", sagt er. "Gott segne unser Deutschland". Dann stehen sie alle auf und singen die Nationalhymne. Nur die neuen Nazis bleiben sitzen.

Auf einen Blick

Kino: Wie im Kino verfolgten die mitgereisten Familien der Wahlmänner und -frauen die Präsidentenwahl auf Großleinwänden in den Fraktionssälen im Reichstag. Das Gebäude platzte am Samstag aus allen Nähten: Insgesamt 3300 Menschen tummelten sich im Bundestag. Der Plenarsaal bietet gerade mal Platz für die 1224 Mitglieder der Bundesversammlung, nicht aber für Ehepartner, Kinder und Kinderwagen.

Ver(w)irrt: Etwas verwirrt wirkte der frühere CSU-Chef Erwin Huber am Morgen der Bundespräsidentenwahl. Statt zum Zählappell in die Räume der CDU/CSU-Fraktion zu marschieren, strebte Huber zielstrebig in die SPD-Räume - bevor er höflich darauf aufmerksam gemacht wurde, dass er hier nicht ganz richtig ist.

Neutraler Bundestrainer: Beharrlich verweigerte Handball-Nationaltrainer Heiner Brand eine Auskunft, ob er als SPD-Wahlmann auch für Gesine Schwan stimmen werde. Seine Neutralität als Bundestrainer gebiete es ihm, die Wahlentscheidung nicht öffentlich zu machen, machte der Mann mit dem Schnäuzer klar.

Fußballfieber: Niedersachsens Ministerpräsident Christian Wulff (CDU) hat auf eine schnelle Entscheidung gehofft - wollte er doch gerne den ICE um 15.48 Uhr nach Wolfsburg nehmen. Köhlers schneller Sieg machte dann den Weg frei: Laut Fahrplan sollte der Zug um 16.53 Uhr in Wolfsburg sein, gerade rechtzeitig um das Ende des Bundesliga-Finales zu erleben. Auch die Grünen-Chefin Claudia Roth drückte dem VfL Wolfsburg die Daumen: "Grün siegt immer", sagte Roth. dpa