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Hoffnung für Frankreichs Jugend

Paris. Seit der islamistischen Anschlagserie schaut Frankreich wieder mit Sorge auf seine Problem-Vorstädte. Um die Jugendlichen dort in die Gesellschaft zu integrieren, setzt die Regierung auf den freiwilligen Staatsbürgerdienst. Er soll ausgebaut werden. Christine Longin

Die Lebensgeschichten, mit denen Christophe Louÿs zu tun hat, ähneln sich. Sie handeln von alleinerziehenden Müttern und von vernachlässigten Kindern, die die Schule abgebrochen haben und nun auf der Straße herumlungern. Louÿs kennt sie, denn er ist "Streetworker". Das Arbeitsgebiet des 56-jährigen Sozialarbeiters liegt in Gennevilliers im Norden von Paris - jener Vorstadt also, in der der Attentäter Chérif Kouachi wohnte. Der 32-Jährige führte dort ein zurückgezogenes Leben, gekannt hat ihn in der 40 000-Einwohner-Stadt kaum einer. Zusammen mit seinem Bruder hat Kouachi am 7. Januar die Räume der Satirezeitung "Charlie Hebdo" gestürmt und zwölf Menschen getötet.

Seit das passiert ist, schaut Frankreich genau auf seine Vorstädte, in denen Kriminalität und Arbeitslosigkeit höher sind als anderswo im Land. Von "Ghettos" und "Apartheid" spricht der für seine drastischen Worte bekannte Regierungschef Manuel Valls. Ein Begriff, den der Bürgermeister von Gennevilliers, Patrice Leclerc, nicht hinnehmen will. "Damit werden die Einwohner der Vorstädte stigmatisiert", sagt der Kommunist. "Hier gibt es nicht mehr Islamisten als anderswo", wehrt sich der 51-Jährige gegen den "Kouachi-Effekt".

Dass es die Jugendlichen aus der "Banlieue" wegen Herkunft und Hautfarbe schwerer haben als Gleichaltrige aus anderen Wohngebieten, sieht auch Leclerc so. Bei rund 25 Prozent liegt die Jugendarbeitslosigkeit in Frankreich, in Vorstädten wie Gennevilliers sind es über 30 Prozent. "Das liegt aber nicht an der Ausbildung. Die Jugendlichen werden wegen ihrer sozialen Herkunft diskriminiert", sagt der 51-Jährige. Genau das will die Regierung ändern - und das nicht erst seit Januar. Denn die Vorstädte sind seit Jahren in den Schlagzeilen. 2005 gingen die Bilder von Straßenschlachten in der Banlieue, wo die benachteiligte Jugend gegen die Polizei aufbegehrte, um die Welt.

Eine der Maßnahmen, die damals in die Wege geleitet wurde, war der freiwillige Staatsbürgerdienst. 16- bis 25-Jährige können ihn absolvieren und so gemeinsam einen Beitrag für die Gesellschaft leisten. "Wenn Jugendliche verschiedener Herkunft mehrere Monate lang etwas zusammen machen, kann eine Generation von Bürgern entstehen, die solidarischer, offener und respektvoller im Blick auf Unterschiede zu anderen sind", erklärt Marie Trellu-Kane, die Leiterin von Unis-cité, der größten Organisation zur Vermittlung von "Zivi"-Stellen.

Zustimmung in allen Parteien



Kein Wunder also, dass die Regierung nach den Anschlägen eine Ausweitung des "service civique" ankündigte, der gestern sein fünfjähriges Bestehen feierte. Auf 170 000 Freiwillige jährlich soll bis 2017 der Dienst aufgestockt werden. Ab 1. Juni soll keiner der Kandidaten mehr abgelehnt werden, von denen heutzutage noch vier von fünf eine Absage bekommen.

Unter denjenigen, die keinen Schulabschluss haben, ist die Nachfrage am größten. Der heute 19-jährige Mehdi ist einer von ihnen. Er brach die Schule ein Jahr vor dem Abitur ab - keine Lust mehr. Im Internet suchte der Jugendliche aus Marseille nach einem "Job für Minderjährigen ohne Abschluss" und stieß auf die Möglichkeit, sich einige Monate lang freiwillig zu engagieren. "Das war wie der Rettungsring in dem Moment, in dem ich nicht mehr schwimmen konnte", sagt er der Zeitung "Le Parisien". Zum "Geburtstag" des Bürgerdienstes häufen sich die Stimmen, die wie Mehdi von dem Freiwilligeneinsatz schwärmen. Inzwischen findet der Dienst breite Zustimmung quer durch alle Parteien. Immerhin fast 70 Prozent der Franzosen sind sogar dafür, den "service civique" wie den 2001 abgeschafften Wehrdienst für alle Jugendlichen verpflichtend zu machen. Doch der Leiter der Zivildienst-Agentur, Francois Chérèque, warnt in einem Zeitungsinterview: "Der Bürgerdienst ist keine Wunderlösung für alle Übel der Gesellschaft."

17 Prozent der Jugendlichen, die sich zum Dienst an der Gesellschaft verpflichten, kommen aus den Vorstädten. Ein Viertel sollen es nach Chérèques Vorstellungen in zwei Jahren sein. Und Städtebauminister Patrick Kanner setzt sich dafür ein, dass alle Bewerber aus der Banlieue einen Platz für den Zivildienst bekommen. Denn: "Es ist wichtig, den Jugendlichen, die weniger haben als die anderen, etwas zu geben. Das bedeutet republikanische Gleichheit."

Zum Thema:

HintergrundDie französische Regierung hat ein Maßnahmenbündel für die sozialen Brennpunkte des Landes vorgelegt. Premierminister Manuel Valls sagte, in den kommenden drei Jahren würde dafür "rund eine Milliarde Euro" zur Verfügung gestellt. Es handele sich aber nicht um einen "neuen Plan" oder um einen "Marshall-Plan" für die durch Einwanderung, Arbeitslosigkeit und Armut geprägten Vorstädte Frankreichs. Zu den Maßnahmen zählt neben der Ausweitung des Zivildienstes auch der verstärkte Bau von Sozialwohnungen außerhalb von Stadtvierteln, in denen es ohnehin schon viele davon gibt. Umgekehrt soll in den 1500 als Brennpunkten eingestuften Vierteln der Neubau von Sozialwohnungen eingeschränkt werden, sobald dort eine Schwelle von 50 Prozent an Sozialbauten überschritten wird. afp