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Herbe Gefahr für edle Tropfen von der Mosel "Weine von Weltformat, ganz großes Kino"

Berlin. Lange Zeit war von Joschka Fischer nichts mehr zu sehen oder zu hören. Jetzt steht er in einem wenig noblen China-Restaurant namens "Hot Spot" in Berlin-Charlottenburg und umklammert sein Weinglas. Man fragt sich schon, wie es einer rheinland-pfälzischen Bürgerinitiative gelingen konnte, den Ex-Außenminister zu diesem Chinesen zu locken Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Berlin. Lange Zeit war von Joschka Fischer nichts mehr zu sehen oder zu hören. Jetzt steht er in einem wenig noblen China-Restaurant namens "Hot Spot" in Berlin-Charlottenburg und umklammert sein Weinglas. Man fragt sich schon, wie es einer rheinland-pfälzischen Bürgerinitiative gelingen konnte, den Ex-Außenminister zu diesem Chinesen zu locken. Dazu auch noch die Fraktionschefin im Bundestag, Renate Künast, mehrere Abgeordnete, drei weltweit anerkannte Experten plus mehrere Kamerateams. Die Antwort lautet: Wein soll durch eine gigantische Brücke in Gefahr sein.



Joschka Fischer ist schon in seiner Zeit als rot-grüner Außenminister zweifellos herumgekommen. Edle Tröpfchen sind ihm dabei serviert worden. Seine neue/alte Leibesfülle ist Beleg dafür. "Ich kenne mich gut aus", sagt er. "Ich hab viel getrunken. Aber dieser Wein ist einmalig." Gemeint ist der Mosel-Riesling in seinem Glas.

Das grüne Frontpersonal nähert sich wieder den eigenen, politischen Wurzeln an. Es geht schließlich um Bürgerproteste, um einen jahrzehntelangen Kampf von Anwohnern gegen behördlichen Starrsinn, ja, um die Zukunft einer ganzen Region. Und weil es wahrscheinlich keinen mehr in der Partei gibt, der nicht Weinkenner ist, fällt es umso leichter, eine Einladung der hiesigen Abgeordneten Ulrike Höfken anzunehmen und sich von Berlin aus der Sache an der Mosel zu widmen. Beim Chinesen, weil ausgerechnet der in der Hauptstadt die meisten Weine von der Mosel auf der Karte hat.

Ab 2017 soll sie stehen, die vierspurige, 1,7 Kilometer lange und bis zu 160 Meter hohe Brücke zwischen Ürzig und Rachtig. Der Kölner Dom passt locker drunter. Die Kritiker sagen, das teure "Monstrum" schlage eine Schneise durch eines der reizvollsten Moseltäler; es nütze niemandem, der Bau werde auch den Wasserhaushalt der Böden und damit den Wein verändern. Und Touristen, von denen die Region lebt, schrecke die Brücke nur ab. Die Planungen stammen aus den 60er Jahren. Seitdem regt sich der Protest. Mal mehr, mal weniger, weil das Projekt eben mangels Finanzen lange vor sich hin dümpelte. Doch dann kam die Finanzkrise und mit ihr brachte der Bund seine Konjunkturpakete auf den Weg. Seitdem stehen 250 Millionen Euro bereit, 20 Millionen gibt Rheinland-Pfalz dazu, das das Projekt aus wirtschaftlichen Gründen für wichtig erachtet. Die ersten Bagger sind bereits angerückt. Und weil der Prophet im eigenen Land nichts gilt, haben bisher vor allem ausländische Medien das Ende des weltweit geschätzten Mosel-Rieslings beklagt. Drei der "Weinpäpste" dieses Planeten - Stuart Pigott, Hugh Johnson und Jancis Robinson - sind entsetzt, deshalb sind auch sie zum Chinesen gekommen. Der "Riesling als deutsches Flagschiff" müsse bewahrt werden, wettert Künast in die Mikrofone. Ministerpräsident Kurt Beck (SPD) habe nicht "den Mut zu sagen, ich schütze die Region mal". Und seine Herausforderin bei der Landtagswahl 2011, Julia Klöckner (CDU), gebe immer "wie Bolle damit an", dass sie Weinkönigin gewesen sei. "Soll sie doch mal sagen, was sie davon hält", schimpft Künast. Es macht sich etwas Hoffnung breit beim Chinesen. Aber mehr, nein, mehr noch nicht.Herr Erfort, Winzer und Weinkritiker aus aller Welt laufen Sturm gegen den Bau einer Brücke bei Ürzig an der Mosel - mitten durch das berühmte Weinbaugebiet. Teilen Sie die Sorgen um "das Juwel in der Krone des deutschen Weins"?

Erfort: Ich kann die Protestwelle voll und ganz nachvollziehen. Ein Winzer wie J.J. Prüm macht wirklich Weine von Weltformat, das ist ganz großes Kino. Sein Riesling wird ihm aus der Hand gerissen. Wenn er wollte, könnte er alles nach Amerika oder Asien verkaufen, die würden dort jeden Preis bezahlen. Es ist gar nicht leicht, Weine von ihm zu bekommen, wir haben auch noch keinen auf der Karte.



Befürchtet wird, dass die Brücke große Schatten wirft, auch der Wasserhaushalt des Bodens könnte Schaden nehmen. Sind Weinreben so empfindlich?

Erfort: Weinanbau ist eine hoch komplexe Sache, da entscheidet jedes Detail. Und wenn etwas aus dem Gleichgewicht gerät, kann das fatale Folgen haben. So wie ein Porsche nicht ohne Superbleifrei läuft, brauchen Trauben unbedingt Licht und Sonne - wenn die fehlen, können sie ihre "Leistung" nicht mehr entwickeln, was sich natürlich sofort auf den Geschmack auswirkt.

Was macht den Geschmack eines Moselrieslings aus?

Erfort: Bei diesen Weinen sind Frische und Frucht einfach sensationell, das zeichnet das Anbaugebiet aus. Die Weine sind im besten Sinne natürlich, sie werden nicht konsumgerecht zubereitet, was heute leider oft geschieht.