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Erziehung
Helikopter-Eltern im Anflug

(Symbolbild)
(Symbolbild) FOTO: dpa / Frank Leonhardt
Saarbrücken. Sie wollen nur das Beste und packen den Nachwuchs in Watte. Werden Kinder heute zur Unmündigkeit erzogen? Von Iris Neu-Michalik

Lena ist ein freundliches, ein stilles Kind. Ihre Mutter Kim betreibt ein Café. Dort sitzt das achtjährige Mädchen wochentags nach der Schule an einem wenig frequentierten Tisch in einer Ecke, macht Schulaufgaben, malt oder beschäftigt sich – meist mit dem Smartphone. Kontakt mit Gleichaltrigen hat Lena  wenig. Ihre Mutter scheint das auch nicht weiter zu stören. Im Gegenteil: „Irgendwie mag ich es nicht, wenn Lena nicht da ist und ich sie nicht im Auge haben kann“, sagt sie. Was auch ein Grund dafür ist, dass draußen spielen – selbst im Sommer –  für Lena weitgehend flach fällt. „Leider zu wenig Zeit, schließlich muss ich hier den Laden schmeißen“, argumentiert die Alleinerziehende achselzuckend. Auf die Idee, Lena „allein“ mit anderen Kindern spielen zu lassen, käme sie erst gar nicht. Was könnte da nicht alles passieren? Unfall, Entführung, Missbrauch, Mobbing –  bei solchen Gedanken türmen Ängste übermächtig auf. Sind nicht Gazetten und TV-Nachrichten voll von Kindertragödien jeglicher Art? Auch Übernachten bei einer Klassenkameradin kommt für Lena nicht in Frage. Kim winkt da energisch ab: „Zum einen kenne ich die Eltern nicht. Außerdem weiß ich nicht, was sie dort zu essen bekommt und ob sie rechtzeitig ins Bett gebracht wird.“


Lena ist Einzelkind, aber bei weitem kein Einzelfall. Auch ihre überbesorgte Mutter befindet sich mit anderen Eltern oder Elternteilen in bester Gesellschaft. Helikopter-Eltern nennen Experten diese Spezies von Müttern und Vätern, deren psychische Befindlichkeit, die Zerrissenheit zwischen Liebe und Loslassen, inzwischen ganze Bücherregale füllt. Sie verteidigen um jeden Preis die totale Lufthoheit über ihren Kindern, kreisen beharrlich über ihnen wie Hubschrauber.

Josef Kraus, ehemaliger Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, schätzt, dass etwa ein Fünftel der Eltern es mit ihren Sprösslingen nicht nur gut, sondern zu gut meint. Für ihn gibt es drei Arten von Helikopter-Eltern: Die „Transporthubschrauber“ wittern überall Gefahren und kutschieren Sohn oder Tochter daher grundsätzlich selbst zur Schule, zum Fussballtraining, zum Geigen- oder Malunterricht. Nicht selten löst die Vielzahl elterlicher Transportmittel einen Verkehrsinfarkt vor Schulen aus, die die Polizei auf den Plan ruft. „Es gibt Eltern, die selbst in verkehrsberuhigten Zonen ihre Kinder 800 Meter bis zur Grundschule fahren, weil es drei Tropfen regnet“, sagt Kraus. Die  „Rettungshubschrauber“, eine weitere Helikopter-Gattung, tragen ihren Sprösslingen vergessene Turnbeutel sowie Pausenbrot- und Obst-Boxen bis in die Klassenzimmer nach. Die gefürchteten „Kampfhubschrauber“ schließlich überlassen vor allem in der Schule nichts dem Zufall: Sie beherrschen jeden Elternabend, feilschen und streiten mit dem Lehrpersonal um Noten, Stundenpläne und Disziplinar-Maßnahmen. Dabei kommt es Berichten zufolge immer häufiger vor, dass sich Eltern gar nicht erst an die Schule selbst, sondern gleich ans Kultusministerium wenden.

Infolge der wachsenden Überkontrolle und des grassierenden Ehrgeizes nehmen manche Eltern die Hausaufgaben ihrer Kinder auch selbst in die Hand. Die Autorinnen Lena Greiner und Carola Padtberg zitieren in ihrem Buch mit dem bezeichnenden Titel „Verschieben Sie die Deutscharbeit – mein Sohn hat Geburtstag“ eine gebeutelte Sachkunde-Lehrerin, die die Eltern ihrer Schüler inständig darum bittet, ihren Kindern nächstes Mal die Arbeit nicht abzunehmen: „Oder denken Sie, ich merke nicht, ob ein Rechtsanwalt oder seine achtjährige Tochter das Referat geschrieben hat?“

 Überfürsorge und Förderwahn treiben denn auch manch unfreiwillig komische Blüten. So berichten Greiner und Padtberg auch von einer Mutter, die völlig entrüstet darüber war, dass die Grundschule ihrer Tochter, die damals die zweite Klasse besuchte, kein Chinesisch anbot. Dies sei doch schließlich „der für uns entscheidende Markt“, meinte sie. Andere Eltern wiederum forderten einen beheizten Tunnel zum Schulgebäude, damit sich ihre Kinder auf dem Weg zur Toilette nicht erkälten.



Experten warnen bereits vor einer Generation der Unmündigkeit, weil Kindern alle Unannehmlichkeiten aus dem Weg geräumt würden. Dabei gehöre doch gerade auch das Scheitern zu den fundamentalen Erfahrungen in der Entwicklung eines jeden Menschen.

„Kindern nichts zuzutrauen, führt zu Unselbstständigkeit“, pflichtet der Vorsitzende der Kinderärzte im Saarland, Dr. Karl Stiller, bei. Warum aber werden Mädchen und Jungen so häufig in Watte gepackt? Warum lassen Eltern ihrem Nachwuchs immer weniger Freiraum? Stiller führt das unter anderem darauf zurück, dass heute „90 Prozent der Kinder bewusst gezeugt“ würden. „Früher kamen Kinder weitgehend ungeplant zur Welt. Sie waren einfach da. Heute sind es geplante Kinder, die dann auch die Pläne der Eltern mit ihnen erfüllen müssen.“ Deshalb kämen Eltern auch immer weniger mit den Defiziten ihrer Sprösslinge klar, meint Stiller und gibt dazu ein Beispiel: „Wenn früher ein Banker-Kind eine Rechenschwäche hatte, dann hat man gesagt: Macht nichts, dann wird es eben kein Banker, sondern Deutsch-Lehrer oder was anderes. Heute bekommt es Nachhilfe oder Ergotherapie, bis es die Erwartungen erfüllt.“ Kinder seien aber keine Klone, mahnt Stiller: „Die Natur will Leben erzeugen, sie spielt dabei Roulette und will die Variation.“