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Vom Saarland ins Außenministerium
Heiko Maas erklimmt den Gipfel der Diplomatie

Zwei Genossen, ein Amt: Heiko Maas wird der SPD-Außenminister der künftigen Bundesregierung sein – und Sigmar Gabriel muss gehen.
Zwei Genossen, ein Amt: Heiko Maas wird der SPD-Außenminister der künftigen Bundesregierung sein – und Sigmar Gabriel muss gehen. FOTO: Oliver Dietze / dpa
Berlin. Sigmar Gabriel holte ihn einst in die Bundespolitik, jetzt wird der Saarländer sein Nachfolger. Viel Erfahrung hat er noch nicht. Aber Ausdauer. Von Hagen Strauss und Werner Kolhoff

Auf eine grundlegende Eigenschaft, über die ein Außenminister verfügen sollte, kann Heiko Maas durchaus selbstbewusst verweisen: Er hat Ausdauer. Maas ist passionierter Triathlet, der 51-Jährige joggt regelmäßig, er hat also einen langen Atem. Den wird der Saarländer künftig mehr denn je benötigen, wenn er in der Welt der Diplomatie unterwegs ist. Denn in keinem anderen Amt muss man so beharrlich dicke Bretter bohren, um dann womöglich doch nicht erfolgreich zu sein.


Mit Misserfolgen kennt sich der SPD-Mann freilich aus. Im Saarland ging er dreimal als Spitzenkandidat seiner Partei ins Rennen, dreimal scheiterte er. Das brachte ihm den Ruf des Verlierers ein. Umso überraschender war es, als der damalige SPD-Chef Sigmar Gabriel den Saarländer 2013 als Justiz- und Verbraucherminister auf die Berliner Bühne holte. Ausgerechnet Gabriel löst Maas nun im Außenamt ab. Seit seinem Wechsel nach Berlin hat Maas eine enorme Wandlung durchlaufen. Auch persönlich: Er trägt schicke Anzüge, ist viel smarter als früher und inzwischen mit der Schauspielerin Natalia Wörner liiert. Von der 50-Jährigen könnte Maas jetzt durchaus Unterstützung für den Start ins neue Amt bekommen. Sie spielte vor zwei Jahren die Hauptfigur in der Fernsehserie „Die Diplomatin“. Als Vorbereitung für ihre Rolle als Außenamtsmitarbeitern für schwierige Fälle reiste sie auch mal im Regierungsflieger des damaligen Außenministers Frank-Walter Steinmeier mit. Künftig wird ihr Lebensgefährte in dieser Maschine sitzen.

Das Glamour-Paar: Mit Schauspielerin Natalia Wörner ist der bisherige Justizminister Heiko Maas seit 2016 liiert.
Das Glamour-Paar: Mit Schauspielerin Natalia Wörner ist der bisherige Justizminister Heiko Maas seit 2016 liiert. FOTO: Silas Stein / dpa

Vom politisch Abgehängten wurde Maas, der Vater von zwei Kindern, seit 2013 zum fleißigsten und wohl auch anerkanntesten SPD-Minister in der schwarz-roten Bundesregierung. Kaum ein anderer Ressortchef machte sich an so vielen Vorhaben zu schaffen – Mietpreisbremse, Frauenquote, Anti-Doping-Gesetz, Änderungen im Sexualstraffecht, um nur einige Beispiele zu nennen. Er handelte sich auch jede Menge Kritik ein: Etwa mit seinem Schwenk bei der Vorratsdatenspeicherung (wo er unter anderem mit Sigmar Gabriel aneinander geriet) oder seinem umstrittenen Gesetz gegen Internet­hetze. Häufig drängte er mit neuen Initiativen in die Medien, was ihm zugleich den Ruf des Ankündigungsministers einbrachte. Kein anderer Bundesminister setzte sich allerdings so vehement für die Grundrechte ein. Keiner keilte so kräftig zurück gegen AfD und Pegida wie er. Das hat Maas ebenso zum meistgehassten Minister in der rechten Szene gemacht. Vor einigen Monaten wurde eine Neun-Millimeter-Patrone im Briefkasten seiner Privatwohnung in Berlin gefunden.

Als „Hoffnungsträger“ der SPD wurde Maas immer mal wieder gehandelt, was bei den Genossen allerdings ziemlich schnell geht. Manch einer sah in ihm schon einen möglichen Kanzlerkandidaten. Dass Maas im Kabinett verbleiben würde, galt als sicher. Nun also Außenminister. Dass er Diplomatie kann, hat der Saarländer zumindest in der Bundesregierung schon bewiesen: Mit Innenminister Thomas de Maizière (CDU) konnte er sich meist rasch auf gemeinsame Linien unter anderem bei den Gesetzesverschärfungen im Asylbereich einigen; die traditionellen Spannungen zwischen Justiz- und Innenressort verstand Maas gut zu umschiffen. Poltern ist nicht sein Ding, dennoch kann Maas hart in der Sache und in der Wortwahl sein. Als großer Außenpolitiker ist er, der etwas Französisch und gut Englisch spricht, bislang noch nicht in Erscheinung getreten. Chefdiplomatin ist inzwischen ja auch Kanzlerin Angela Merkel – aus deren Schatten muss Maas sich nun vor allem befreien, um sich im Kabinetts-Team zu behaupten.



Der Mann, den Maas jetzt ablöst, ist über seine mangelnde Teamfähigkeit gestolpert. Die hatte die künftige SPD-Chefin Andrea Nahles als ein Kriterium für die Personalauswahl ihrer Partei genannt. Und Sigmar Gabriel kann vieles. Ministerpräsident von Niedersachsen, Umwelt-, Wirtschafts- und Außenminister, Vizekanzler, SPD-Vorsitzender. Was er aber sicher nicht kann, ist Team. Gestern endete die Karriere des 58-Jährigen aus Goslar: „Andrea Nahles und Olaf Scholz haben mich darüber unterrichtet, dass ich der nächsten Bundesregierung nicht mehr angehören werde“, teilte er mit. Er werde nun als einfacher Abgeordneter weitermachen. Manche Kommentatoren finden seinen Rauswurf töricht. Denn schließlich ist er der beliebteste Politiker der Partei. Und ein politisches Urgestein, wie es nur selten vorkommt. Redegewandt, emotional, wandlungsfähig, empathisch, es gibt viele gute Eigenschaften. Wenn da nicht die andere Seite wäre: Illoyalität, Rücksichtslosigkeit, Sprunghaftigkeit, Egomanie – eben Teamunfähigkeit. Er hat viele vor den Kopf gestoßen, von Nahles bis Schulz, von Maas bis Scholz. Und: Gute Umfragewerte hat fast jeder Außenminister, egal was er leistet. Einfach wegen der häufigen TV-Präsenz.

Gabriels objektive Bilanz als oberster deutscher Diplomat ist nicht so gut. Mit Israel provozierte er unnötige Eklats, ebenso mit Iran und Saudi-Arabien. Es gab Probleme mit der Türkei und Russland. Vor zwei Wochen sagte Gabriel noch, er halte nichts davon, „um Ämter zu kämpfen und sich daran zu klammern“. Ein typischer Gabriel-Satz: Mit so viel Gefühl vorgetragen, dass er ihn selbst glaubt, aber nicht wahr.

In der SPD-Führung herrscht nach den jüngsten Turbulenzen ein anderer Geist. Viel kooperativer, viel offener will man sein. Gabriel wie auch Ex-Parteichef Martin Schulz erscheinen da inzwischen wie Dinosaurier. Schulz manövrierte sich mit seinem Anspruch, Außenminister zu werden, Anfang Februar ins politische Abseits. Gabriel am Tag drauf mit seinem Konter, seine Tochter freue sich, dass er nun mehr Zeit für sie habe, statt für diesen „Mann mit den Haaren im Gesicht“. Künftig hat er nun wirklich mehr Zeit.