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Ausstellung
Die „German Angst“ im Wandel der Zeit

Dieses Bild zum Thema Volkszählung warnt vor der „Totalerfassung“ durch den Staat. Die machte den Deutschen im Jahre 1983 Angst.
Dieses Bild zum Thema Volkszählung warnt vor der „Totalerfassung“ durch den Staat. Die machte den Deutschen im Jahre 1983 Angst. FOTO: dpa / Federico Gambarini
Bonn. Befürchten Deutsche immer gleich das Schlimmste, neigen sie zu Panikattacken? Eine Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn untersucht das Phänomen. Von Christoph Driessen und Christoph Arens

„German Angst“ – das ist im Ausland ein feststehender Begriff. Wie angstbehaftet Deutsche sind, zeigt sich für Niederländer schon darin, dass sie mit Helm Fahrrad fahren. Sie befürchten eben immer gleich das Schlimmste, heißt es dann schnell. Eine neue Ausstellung im Haus der Geschichte in Bonn geht diesem Phänomen jetzt auf den Grund. 300 Exponate beleuchten bis zum 19. Mai die Entstehung und Verbreitung von gesellschaftlichen Ängsten im jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Zusammenhang.


Die „German Angst“ wird für gewöhnlich auf die traumatische erste Hälfte des 20. Jahrhunderts zurückgeführt. Erst der Erste Weltkrieg, dann die große Inflation, die bis 1923 die Ersparnisse der Deutschen vernichtete, und schließlich der komplette, auch moralische Ruin durch Nazizeit, Holocaust und Zweiten Weltkrieg. Diese Katastrophen führten zu einem ausgeprägten Sicherheitsbedürfnis.

Angela Merkels „Wir schaffen das“ tönt in Bonn aus den Lautsprechern, dazu sieht man ein Modell für einen Düsseldorfer Karnevalswagen: Die CDU-Bundeskanzlerin wird von einer „Flüchtlingswelle“ mitgerissen. In einer Vitrine liegt eine „Safeshort“: Zieht man diese Unterhose gewaltsam herunter, ertönt eine eingebaute Sirene. Die Werbung dazu arbeitet mit Schlüsselbegriffen wie „Kölner Silvesternacht“ und „Übergriffe“.



Wenn die Ausstellung eines deutlich macht, dann, dass vieles schon mal da war. „Angst hat die Deutschen gepackt, Angst vor den Fremden“, schrieb ein Magazin nach einem starken Anstieg der Flüchtlingszahlen – nicht 2015, sondern 1992. Damals flohen viele Menschen vor dem Bürgerkrieg im ehemaligen Jugoslawien. Deutschland war im Bann von Begriffen wie „Flut“, „Welle“, „Strom“.

Lauter Glatzköpfe mit aufgedrucktem Strichcode – so warnt ein Foto vor „Totalerfassung“ – im Jahr 1983, als gerade der Computer aufkam. Zur selben Zeit versetzte die Vorstellung eines großflächigen Waldsterbens die deutsche Öffentlichkeit in Panik. „Fast jede Woche ein Bericht über den sterbenden Wald, jede Woche derselbe Frust, jede Woche die wahnsinnige Angst“, klagte ein „Stern“-Leser 1985. „Lohnt es sich da noch, Kinder in die Welt zu setzen?“

Kurios ist, dass in der Bundesrepublik der deutsche Wald zeitweise fast schon abgeschrieben wurde, während es in der DDR offiziell keinerlei Waldsterben gab. Der saure Regen endete sozusagen an der innerdeutschen Grenze. Interessant auch: Der Klimawandel scheint zurzeit keine ähnliche Angstwelle auszulösen. Da, so sagen die Ausstellungsmacher, sei die Haltung eher, dass man das doch hoffentlich noch in den Griff bekomme. Irgendwie.

Breiten Raum in der Ausstellung nehmen die Medien ein – und sie kommen nicht gut dabei weg. Im Rückblick wird deutlich, dass sie Angstwellen allzu oft eher befeuerten anstatt die Debatte mit Fakten zu versachlichen.

Hans Walter Hütter, Präsident der Stiftung Haus der Geschichte, meint, dass heute die sozialen Netzwerke die Angstwellen noch zusätzlich verstärken. Gleichzeitig würden die Ausschläge immer kürzer: „Nächste Woche ist schon wieder was anderes dran.“ Gesellschaftliche Ängste würden sich immer an wieder bestimmten Ereignissen entzünden und dann irgendwann wieder abebben. Nachweisen lässt sich das insbesondere an der Kölner Silvesternacht von 2015: Zeigte sich bis dahin auf Zeitungstiteln und in Medienberichten eine positive Willkommenskultur, drehte sich die Stimmung anschließend Richtung Angst.

Die Themen, an denen sich Ängste entzünden, wechseln schnell, wie eine Ausstellungsgrafik zeigt: Äußerten 2017 noch 70 Prozent der Deutschen Angst vor Terrorismus, waren es 2018 nur noch 59 Prozent. Inzwischen rangieren die Sorge vor den Auswirkungen der Trump-Politik und die Angst vor einer Überforderung durch den Zuzug von Ausländern mit 69 und 63 Prozent ganz vorn.

Auch die Intensität der kollektiven Angst hat sich verändert. „Krieg und Militär lösen keine Probleme“, hieß es in den 1950er Jahren nüchtern auf Protestplakaten gegen die Wiederaufrüstung der Bundesrepublik. Nato-Doppelbeschluss und Nachrüstungsdebatte in den 80er Jahren standen dagegen deutlich im Zeichen der Angst: Die Ausstellung zeigt eines von 96 großen Holzkreuzen, die die Friedensbewegung in den 80er Jahren auf einem Feld im Hunsrück aufgestellt hatte, um gegen die Stationierung von 96 Cruise Missiles zu protestieren. „Es ist Angst in der Luft“, sangen Teilnehmer des Evangelischen Kirchentags 1981, und das „Time Magazin“ titelte „West Germany – Moment of Angst“.