| 20:14 Uhr

"Hat's geholfen?"

Berlin. Dennis Schubert, 21 Jahre alt und arbeitslos seit Dezember, ist der Erste, der Angela Merkel ein wenig zum Strategiewechsel zwingt - bis dahin ist sie wie immer leicht unterkühlt, überlegt, sachlich. Seit zwei Monaten warte er auf einen Termin bei der Arbeitsagentur, "das ist nicht in Ordnung", entgegnet Angela Merkel Von SZ-Korrespondent Hagen Strauß

Berlin. Dennis Schubert, 21 Jahre alt und arbeitslos seit Dezember, ist der Erste, der Angela Merkel ein wenig zum Strategiewechsel zwingt - bis dahin ist sie wie immer leicht unterkühlt, überlegt, sachlich. Seit zwei Monaten warte er auf einen Termin bei der Arbeitsagentur, "das ist nicht in Ordnung", entgegnet Angela Merkel. Er habe nichts gelernt, sagt Schubert, "da wäre es jetzt aber mal Zeit, was zu lernen! Ich bin nicht die Bundesagentur für Arbeit, aber auf was hätten sie denn Lust?", fragt die Kanzlerin energisch. Im Fernsehstudio wird gelacht. So geht es noch ein wenig hin und her, bis Merkel dann sagt: "Am besten können Sie ihre Familie ernähren, wenn Sie jetzt alle Kraft darauf verwenden, einen Beruf zu lernen." Bei RTL, da wird Ihnen geholfen. Gesternabend höchstpersönlich durch die Kanzlerin.



"Hat's geholfen?", fragt also folgerichtig Moderatorin Maria Gresz. "Hat mir schon geholfen", grinst Schubert. Wenn alles mal so einfach wäre. "Townhall-Meeting" heißt die Sendung - das Etikett klingt neu und nach Obama, der Inhalt bleibt bei RTL aber Merkel: Die Kanzlerin sitzt, sie steht nicht auf, geht nicht auf die Leute zu, "sie fühlt sich in sitzender Position wohler", hat RTL-Chefredakteur Peter Kloeppel vorher erklärt. Ohnehin sei man mit dem Titel nicht ganz so glücklich, aber "Bürgersprechstunde, Bürgerfragestunde klingt nicht so richtig schön", lächelt Kloeppel. Mag sein, doch genau zu dem wird diese Sendung irgendwie. Es sind zum Teil sehr persönliche Fälle, die dort geschildert werden, mitten aus dem Leben, das an der Regierungschefin im Berliner Raumschiff viel zu häufig vorbeiläuft. Und Merkel ist deshalb mitunter gezwungen, nicht nur die routinierte Erklärkanzlerin zu geben, sondern auch ein bisschen Mutti der Nation zu sein. Wie bei Beatrix Krause, drei Kinder, alleinerziehend, rund 1000 Euro im Monat hat sie zur Verfügung. "Ich will nicht drum herum reden, das ist wenig Geld, das ist schwierig", so Merkel mitfühlend. Aber "ich finde es toll, wenn ihre Große Abi macht. Glückwunsch wenigstens dazu." Frau Krause lächelt wieder, das reicht. Auch bei Gisela Mayer darf die Kanzlerin gefühlvoll werden, sie hat ihre Tochter Nina im März beim Amoklauf in Winnenden verloren: Weshalb Waffen überhaupt im Privatbesitz verbleiben müssten, will sie wissen. Merkel erwidert, würden alle Waffen an zentralen Orten gelagert, wäre dies ein unglaubliches Sicherheitsrisiko. "Wenn so etwas passiert wie das, verstehe ich jede Frage, die gestellt wird." Man glaubt es ihr.

Opel, Abwrackprämie die Banken, Steuersenkungen, es wird kein Thema ausgelassen, richtig gefordert wird Merkel aber von den Bürgern nur selten. Kommt eine Mehrwertsteuererhöhung? "Nein", basta. "Wie wollen sie die Steuern senken, aber gleichzeitig den Haushalt waagerecht halten?" "Innovation, Haushaltssanierung und Entlastung, das können wir als Dreiklang machen", lautet die Antwort wie aus einer Parteitagsrede. Politisch routiniert spult sie ihr Pensum einfach hinunter, ohne etwas Neues zu sagen. Kleine Überraschungsmomente gibt es nur, als es ans Private geht, da gerät Merkel manchmal sogar in Verlegenheit, sie muss viel grinsen. Alida Kubala, Studentin, will wissen, wie sie es schaffe, den "Anschluss zum normalen Leben zu erhalten". "Ich koche jeden Samstag und Sonntag, ich versuche einkaufen zu gehen, in die ganz normale Kaufhalle oder Supermarkt, wie man heute sagt." Aha, sie lernt also auch noch dazu. Kartoffelsuppe, "meine Rouladen und mein Rotkohl werden sehr gelobt." Und könne sie abschalten, will eine anderer Bürger wissen: "Phase eins schlafen, Phase zwei Kochen oder ein bisschen was im Garten machen." Nach dem Auftritt kann Merkel jedenfalls beruhigt zurück an den heimischen Herd fahren - und gewiss kommt sie gerne wieder.