| 20:25 Uhr

"Hass gegen den Westen ist kein Massenphänomen"

Herr Ceylan, wie kann ein einziges Video soviel Hass und Gewalt auslösen?Rauf Ceylan: Die Ursache lässt sich nicht auf das Video reduzieren. Denn wo wurde und wird gewaltsam demonstriert? In islamischen Ländern, die eher instabil sind, also Libyen oder Jemen. Dort haben radikale Gruppen großen Zulauf

Herr Ceylan, wie kann ein einziges Video soviel Hass und Gewalt auslösen?


Rauf Ceylan: Die Ursache lässt sich nicht auf das Video reduzieren. Denn wo wurde und wird gewaltsam demonstriert? In islamischen Ländern, die eher instabil sind, also Libyen oder Jemen. Dort haben radikale Gruppen großen Zulauf. Das Video, gemacht von westlichen Extremisten, spielt diesen islamischen Extremisten in die Hände. Es passt leider hervorragend in das von ihnen propagierte Bild, dass der Westen die islamische Welt militärisch und kulturell bekämpft.

Auch hierzulande gab es viel Sympathie für den "arabischen Frühling". War das nur ein Trugbild?



Ceylan: Demokratie ist kein Automatismus. Es bleibt das Verdienst der Bevölkerung in der arabischen Welt, dass sie für die Freiheit und gegen ihre Despoten auf die Straße gegangen ist. Aber daraus entstehen noch keine demokratischen Strukturen. Dafür braucht es wirtschaftliche und politische Stabilität. Hier muss der Westen aktiv werden. Da geht es auch um Bildungsarbeit vor Ort.

Wie stark ist der Hass gegen den Westen im islamischen Raum verankert?

Ceylan: Der Hass gegen den Westen ist kein Massenphänomen. Aber es gibt extremistische Kräfte, die ein großes Interesse haben, den Einfluss des Westens in der arabischen Welt wieder zurückzudrängen, weil sie am Aufbau demokratischer Strukturen nicht das geringste Interesse haben. Übrigens ist auch sehr wichtig, ein Land wie die Türkei in den Demokratisierungsprozess dort mit einzubeziehen. In der Türkei hat das Video keine Unruhen ausgelöst, weil das Land demokratisch stabiler ist.

Sollte die Aufführung des Videos in Deutschland verboten werden?

Ceylan: Ich bin skeptisch bei Verboten. Damit würde man den Film wichtiger machen, als er ist.

Es gibt aber Befürchtungen, dass der Film auch in Deutschland zu Gewalt führen könnte.

Ceylan: Das ist nicht auszuschließen. Fest steht, dass auch Extremisten wie die sogenannte Bürgerbewegung Pro Deutschland von der Situation profitieren wollen. Trotzdem handelt es sich um Randgruppen. Ich sehe hier eine große Verantwortung bei den Medien und in den muslimischen Gemeinden, mit diesem Thema sensibel umzugehen.

Als sich vor ein paar Jahren der Hass gegen die Mohammed-Karikaturen entlud, war noch viel von Presse- und Meinungsfreiheit die Rede. Warum ist das jetzt anders?

Ceylan: Die Karikaturen und das Video lassen sich nicht vergleichen. Wenn die Schauspieler sich schon von dem Film distanzieren, weil sie über die wirklichen Absichten des Autors nicht informiert wurden, dann spricht das Bände.Foto: Uni Osnabrück