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Interview Tarek Al-Wasir
„Das ist eine sensationelle Vorlage“

Tarek Al-Wazir ist Wirtschaftsminister und grüner Spitzenkandidat in Hessen.
Tarek Al-Wazir ist Wirtschaftsminister und grüner Spitzenkandidat in Hessen. FOTO: dpa / Frank Rumpenhorst
Berlin. Nach der Bayern-Wahl ist vor der Hessen-Wahl: Der grüne Spitzenkandidat verspürt mächtig Rückenwind aus dem Freistaat. Von Werner Kolhoff

In Hessen, wo in zwei Wochen gewählt wird, koalieren die Grünen schon mit der CDU. Doch die Union schwächelt. Tarek Al-Wazir, der 47-jährige Wirtschaftsminister und Spitzenkandidat, hofft nun, dass seine Partei vom Rückenwind aus Bayern profitieren kann – und noch weiter zulegt.


Was bedeutet das Ergebnis der Grünen in Bayern für Ihren Wahlkampf in Hessen?

AL-WAZIR Das ist eine sensationelle Vorlage. Jetzt wollen wir nachlegen. Unser Ziel ist es, deutlich stärker zu werden. Wir sehen die Chance, das beste Ergebnis zu erzielen, das wir je hatten.



Also mehr als die 13,7 Prozent aus dem Jahr 2009. Wollen Sie die Bayern-Grünen mit ihren 17,5 Prozent noch übertrumpfen?

AL-WAZIR Die Chance ist da. Ob es gelingt, darüber entscheiden die nächsten zwei Wochen. Wir führen einen sehr ähnlichen Wahlkampf wie unsere bayerischen Freundinnen und Freunde, trotz unterschiedlicher Ausgangspositionen. „Vernunft und Leidenschaft statt Populismus“ ist unser Slogan; die Bayern haben gesagt: „Mut geben statt Angst machen“. Das drückt dieselbe Haltung aus: Wir wollen an Lösungen arbeiten für unser Land, statt Probleme immer noch größer zu reden.

Ist es auch in Hessen Ihr Ziel, die SPD zu überholen?

AL-WAZIR Mein Ziel ist es, dass wir Grüne möglichst stark werden. Auf welchem Platz wir landen, ist da eher zweitrangig. Wenn wir sehr stark werden, können wir das, wofür die Menschen uns wählen, auch in die Realität umsetzen. Darum geht es uns.

Der Sieg der Grünen in Bayern ist aber auch ein Pyrrhussieg, denn fürs Regieren werden sie nach Lage der Dinge nicht gebraucht. Könnte Ihnen Ähnliches drohen, wenn die Union mit der SPD in Wiesbaden eine große Koalition bildet?

AL-WAZIR Natürlich ist es immer eine Gefahr, dass man trotz guter Ergebnisse am Ende seine Ziele nicht umsetzen kann. Das entscheiden die Wählerinnen und Wähler. Je stärker wir werden, umso grüner wird es. Und dann werden wir schauen, mit wem geht es rechnerisch, und was geht in der Sache. Eine große Koalition ist eine reale Gefahr, sie droht am Ende immer dann, wenn andere Konstellationen nicht zustande kommen. Das haben wir ja in Berlin nach dem Scheitern von Jamaika gesehen.

Ist der gegenwärtige grüne Hype das Ergebnis einer inhaltlichen Neuorientierung der Wähler? Oder hat er eher mit der Schwäche anderer Parteien, vor allem der Volksparteien, zu tun?

AL-WAZIR Natürlich profitieren wir von dieser Schwäche, aber ich glaube, es steckt mehr dahinter. Das eine ist: Es gibt viel mehr Menschen, die eine echte Klima- und Umweltschutzpolitik wollen, als die anderen Parteien so denken. Das zweite ist unsere klare Haltung: Wir haben nie einen Zweifel daran gelassen, dass wir unser offenes, vielfältiges und demokratisches Deutschland verteidigen und der Gegenpol zur AfD sind. Andere sind da nicht so klar. Siehe Horst Seehofer und seine Strategie in der Flüchtlingsfrage. Oder Sahra Wagenknecht, die am Sonnabend bewusst nicht unter den 200 000 Demonstranten in Berlin war.‎

Sind die Grünen jetzt, vor allem nach dem Abschneiden in Bayern, auf dem Weg zur Volkspartei?

AL-WAZIR Wir können noch viel stärker werden, aber eine Volkspartei im früheren Sinne werden wir nicht. Einfach, weil es die Volksparteien alten Typs mit 40 Prozent und mehr so gar nicht mehr gibt.

Das Gespräch führte
Werner Kolhoff