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Gröhe sagt den Killer-Keimen den Kampf an

Berlin. In deutschen Kliniken sterben jährlich bis zu 15 000 Menschen, weil sie sich dort mit resistenten Erregern infizieren, gegen die keine Medizin hilft. Etwa jede dritte Infektion gilt als vermeidbar. Dieses Potenzial will Gesundheitsminister Gröhe nun ausschöpfen. Stefan Vetter

Vor ein paar Wochen sorgte das Universitätsklinikum Kiel für Schlagzeilen. Mehr als 30 Patienten hatten sich dort mit dem hoch gefährlichen Bakterium Acinetobacter baumanii angesteckt. 13 von ihnen starben. Untersuchungen ergaben, dass eine einzige Person die Verbreitung des Keims ausgelöst hatte. Experten zufolge könnten solche Fälle in Zukunft sogar noch häufiger auftreten. Zum einen, weil es immer mehr Erreger gibt, gegen die verfügbare Medikamente nichts ausrichten können. Zum anderen, weil die medizinischen Eingriffe immer komplizierter werden. Und drittens, weil in einer älter werdenden Gesellschaft auch immer mehr betagte Patienten behandelt werden, die naturgemäß weniger Abwehrkräfte besitzen. Insbesondere Patienten auf Intensivstationen gelten als Angriffsziel.

Mit einem Zehn-Punkte-Plan, der unserer Zeitung vorliegt, will Gesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU ) den multiresistenten Krankheitserregern nun den Kampf ansagen. Kern seines Positionspapiers, das noch mit den anderen Ministerien abgestimmt werden muss, sind mehr Kontrollen und eine verbesserte Hygiene im stationären Bereich:

Mehr Kontrolle: Schon heute sind Kliniken verpflichtet, Risikopatienten wie Pflegebedürftige bei stationärer Aufnahme auf multiresistente Erreger zu untersuchen. Hier sollen die zuständigen Länder stärker auf die Einhaltung dieser Vorgabe achten. Zugleich erwägt Gröhe, künftig ausnahmslos alle Patienten vor planbaren Klinikaufenthalten entsprechend zu testen.

Geschultes Personal: Ärzte und Pflegekräfte sollen bei der Krankenhaushygiene weitergebildet werden. Außerdem wird ein sachgemäßer Antibiotika-Einsatz angemahnt. Dazu soll eine verpflichtende Fortbildung des medizinischen Personals eingeführt werden.

Bessere Informationen: Patienten sollen sich einfach und verständlich ein objektives Bild von der hygienischen Situation in der jeweiligen Klinik verschaffen können. Die Krankenhäuser werden deshalb verpflichtet, ihre Qualitätsberichte mit entsprechenden Informationen zu ergänzen. Darüber hinaus sollen Kliniken gefährliche Erreger schon beim ersten Nachweis melden, damit die Gesundheitsbehörden schnell handeln können.

Intensive Forschung: Zur Bekämpfung multiresistenter Erreger sollen verstärkt Forschungsvorhaben gefördert werden. Außerdem soll die Pharma-Industrie zur Entwicklung neuer Wirkstoffe angehalten werden.

Vom Koalitionspartner bekam Gröhe gestern Rückendeckung für sein Vorhaben. "Damit geht der Minister auf unsere Vorstellungen ein", sagte die gesundheitspolitische Sprecherin der SPD , Hilde Mattheis, unserer Zeitung. Nötig sei allerdings auch mehr Personal, meinte Mattheis. Genau darauf hatte schon die Gewerkschaft Verdi im Zusammenhang mit den Vorfällen am Kieler Uni-Klinikum hingewiesen: Personal- und Zeitmangel, so Verdi damals, führten zu Verstößen gegen die Hygienevorschriften.



Zum Thema:

HintergrundSeit 2010 beschäftigt sich das MRSA-Netzwerk Saar mit dem "Methicillin-resistenten Staphylococcus aureus", mit 5000 Fällen jährlich im Saarland einer der häufigsten resistenten Keime. "Wir finden mit unserem Netzwerk auch bundesweit Beachtung", sagt Professor Mathias Herrmann, Direktor des Institutes für Medizinische Mikrobiologie und Hygiene an der Uni-Klinik Homburg. Das MRSA-Netzwerk erfasst die Fälle und bietet unter anderem Schulungen für Krankenhäuser , Ärzte, Altenheime und Pflegeeinrichtungen an. Dabei geht es vor allem darum, mögliche Risikogruppen schon früh festlegen zu können. "Wir können sehr genau sagen, welche Patienten ein Risiko haben, besiedelt zu sein, und wie die Einrichtungen damit umgehen können", erklärt Herrmann. jbö