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Reportage der Woche
Gravieren bis zum bitteren Ende

Jetzt ist Konzentration gefragt: Graveurin Sarah Polanz fräst Buchstaben in einen Uhrendeckel ein.
Jetzt ist Konzentration gefragt: Graveurin Sarah Polanz fräst Buchstaben in einen Uhrendeckel ein. FOTO: Thomas Seeber
Neunkirchen. Sarah Polanz aus Neunkirchen hat einen seltenen Beruf. Und ist vermutlich die letzte Saarländerin, die ihn erlernt haben wird. Von Fatima Abbas
Fatima Abbas

Was in Himmels Namen ist das? Nur knapp 500 Meter vom Neunkircher Hauptbahnhof wartet etwas aufwühlend Altes, ein Rendezvous mit…Ja, womit eigentlich? Mit 1978, als der Laden gegründet wurde? Man weiß es nicht so genau. Denn sie sieht aus wie aus der Zeit gefallen, die „Stempelfabrik und Gravieranstalt“ von Sarah Polanz. Schon allein der Name wirkt so anachronistisch wie das „Haus Flohmarkt“, die „Alt-Backstubb“ oder das Elektronikgeschäft „Sat-Digital“, die nur wenige Meter entfernt die Wellesweilerstraße in eine asphaltierte Kuriositäten-Schau verwandeln. Das Schaufenster zu Kuriosität Nummer 22 könnte der Trophäenbunker von Cristiano Ronaldo sein: ein Meer aus Pokalen und Medaillen. „Es ist retro“, sagt Polanz und lacht. Doch man kann sich kaum auf die Worte der Inhaberin konzentrieren. Zu groß ist die Ablenkung auf diesen 250 Quadratmetern. Schon der Eingangsbereich ist überfrachtet mit Stempelkissen, Firmenadressen hinter Plexiglas, Halteverbotszeichen, einem Schild mit der Aufschrift „Keine Hundetoilette“, zwei Sofas, einem Ofen. Die 40-Jährige ist von dieser Welt umgeben.


Doch wie lange diese noch von ihr umgeben sein wird, ist ungewiss. „Zehn Jahre“ bleiben ihrem Laden noch. Vielleicht gar nicht so unrealistisch. Denn Polanz gehört zu einer bedrohten Spezies. Sie ist nach aktuellem Stand die letzte und einzige Frau, die im Saarland eine Ausbildung zur Graveurin absolviert haben wird. Vor 20 Jahren, im Alter von 17. „Ich war der letzte Lehrling.“

Wer über Google „Ausbildung zum Graveur“ sucht, stößt auf eine rote Null. Im Saarland gibt es keine mehr. Graveure würden deutschlandweit nur noch an wenigen Standorten ausgebildet, unter anderem im baden-württembergischen Pforzheim, sagt Polanz.

Ein Anruf bei der Graveur- und Galvaniseur-Innung für das Saarland und Rheinland-Pfalz bestätigt das. Am Apparat ist Landesinnungsmeister Uwe Müller. „Der Beruf stirbt wie eine Pflanze aus“, sagt er. Nur noch drei Graveure gebe es im Saarland. Als Meister könnte Müller, anders als Polanz, die „nur“ einen Gesellenbrief hat, sogar noch ausbilden. Wenn er Zeit und Ressourcen hätte. Und selbst dann wäre es wie der Versuch, mit stumpfem Messer auf Granit zu gravieren. „Wir sind eine aussterbende Rasse.“

Sein Handwerk sei der Globalisierung zum Opfer gefallen. Heute beziehe man Fertigwaren aus China. Viele Firmen hätten ihre eigenen Graviermaschinen, die zwar nicht an die Präzision der Handarbeit heranreichen, aber doch  ihren Zweck erfüllen. Nach Angaben der Handwerkskammer gibt es im Saarland neun solcher Anbieter.



„Wozu braucht man Sie dann eigentlich noch?“ Eine Frage, die bei Sarah Polanz erst Lachen, dann Grübeln auslöst. Schließlich kramt sie ihre Daseinsberechtigung hervor: „die dreieinhalbjährige Ausbildung, das Wissen über Werkstoffeigenschaften, das ästhetische Gespür, die individuelle Fertigung“. All das könne keine Maschine in einem Großunternehmen ersetzen.

Hinten in ihrer Werkstatt spürt man sofort, was sie damit meint. Fachbegriffe wie „Diamantfräser“ oder „Pantograf“ gehen ihr wie „Butter“ und „Mehl“ von den Lippen. Sie zeigt auf ihre Graviermaschine. „Ultra-ewig-alt“ sei die. „Aber der Motor läuft noch“ und klingt wie eine Mischung aus Kreissäge und Staubsauger. Ein Uhrendeckel liegt unter dem Pantografen, dem Gerät, ohne das eine Gravur in Miniatur nicht möglich wäre. „Gemeinde Merchweiler“ soll am Ende auf dem Deckel stehen.

Der handgemachte Fräser ist bereit, die Buchstaben ins Metall zu ritzen, während Polanz mit der rechten Hand über die Schablonen fährt. Sie liegen quasi in der oberen „Etage“ des Geräts. Während Polanz die etwa fünf Zentimeter hohen Buchstaben in der Schablone abfährt, graviert sie mit dem Fräser unten den exakt gleichen Buchstaben in den Uhrendeckel. Aus Groß wird zeitgleich Klein. Manchmal sind es Buchstaben, die mit bloßem Auge nicht mehr erkennbar sind. „Wenn man was sehr Feines gravieren will, muss man mit der Nase auf dem Werkstück hängen.“ Und sollte mal aus „Gemeinde“ auf dem Uhrendeckel aus Versehen „Geminde“ oder „Gemende“ werden, sei das nicht weiter tragisch, erklärt die Expertin. Denn: Der Pantograf hinterlässt automatisch eine Lücke, der fehlende Buchstabe kann nachträglich eingraviert werden.

Irreversibler Schaden entsteht nur dann, wenn der Fräser nicht rechtzeitig vom Werkstück entfernt wird und sich zum Wort „Gemeinde“ ein ungebetener Strich gesellt. Innerhalb von einer Sekunde ist der Uhrendeckel dann bereit für die Tonne, die Graveurin in Erklärungsnot. So wie vor kurzem, als ihr ein Kunde einen Ring mit einem 650 Euro teuren Rubin anvertraute. Sie sollte in sein Inneres „Ich liebe dich“ eingravieren. Doch: „Beim Einspannen habe ich zu fest gedrückt und hatte dann den zerbröselten Rubin in der Hand.“ Dennoch geht die 40-Jährige das Wagnis immer wieder ein: „Ich mache mir gerne die Hände dreckig. Ich habe diesen Beruf von Anfang an geliebt.“

In den 80er Jahren hatte der Laden noch vier Angestellte. 2013 verließ der letzte Mitarbeiter das Geschäft. Ab und an hilft noch der 73-jährige Vater, Wolfgang Polanz, aus. Ansonsten kämpft sich die junge Frau montags bis freitags mindestens von 9 bis 17 Uhr alleine durch. Für 150 000 Euro Umsatz im Jahr. Mit Maschinen, die auch mal 16 000 Euro kosten. „Mit der Gesellenprüfung des Graveurs legt man das Gelübde zur ewigen Armut ab.“ Und doch kann sie es nicht lassen. Graviert acht Pokale in 30 Minuten, telefoniert, beantwortet E-Mails, bohrt fertige Schilder an Hauswände, bedient die Kundschaft persönlich. Und auch wenn man es kaum für möglich hält: Das kommt noch vor.

Ein Klingelgeräusch ertönt. Eine junge Frau von der evangelischen Gemeinde will einen Glasständer für den Pastor abholen. Polanz hat ihn mit einer großen „18“ und Dankesworten versehen. Nach 18 Jahren verlässt der Pastor die Gemeinde. Die Frau ist gerührt. „So schön hatte ich mir das nicht vorgestellt.“

Neben Gemeinden machen Vereine einen großen Teil der Kundschaft aus. Für den Saarländischen Fußballverband gestaltet Polanz Zinnteller und Medaillen für Pokalsieger. Für Automobilkonzerne wie Audi fertigt sie Typenschilder – Kennzeichnungsplaketten für Maschinen und Fahrzeuge. Auch Liebesschlösser und Schmuck landen bei Polanz. „Die Kunden kriegen alles graviert, was ich einspannen kann.“ Eine spannende Sache: Denn einige Objekte sind so schwer zu fassen, dass selbst das besitzergreifendste Spannwerkzeug sie nicht zähmen kann. Deshalb muss Polanz häufig kreativ sein („Manchmal bekomme ich nachts die Eingebung“). Wenn Babykettchen nicht „stillhalten“ wollen, werden sie kurzerhand mit Siegellack an Holz gekettet und dann eingespannt.

Ohne Fantasie geht nichts. „Graveure sind Old-School-Grafiker“, sagt Polanz und lacht wieder einmal. Alte Schule eben. Mit von Hand geschriebenen Widmungen, „die so aussehen, als wären die Hühner drüber gelaufen“. Auch wenn es das Handwerk von Sarah Polanz vielleicht in zehn Jahren nicht mehr gibt, so hinterlässt sie doch eine ganz eigene Welt – eingraviert bis in alle Ewigkeit.