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Gottlose Geschichten aus der Petrusstraße

Herrensohr. Die Alleestraße am Ortseingang wird gesäumt von fünf Bäumen. Prächtige Kastanien, aber für eine viele hundert Meter lange Straße mit diesem Anspruch im Namen vielleicht doch ein bisschen wenig Von SZ-Redakteur Roman Länger

Herrensohr. Die Alleestraße am Ortseingang wird gesäumt von fünf Bäumen. Prächtige Kastanien, aber für eine viele hundert Meter lange Straße mit diesem Anspruch im Namen vielleicht doch ein bisschen wenig. Am Anfang der Römerstraße, gleich neben der Bushaltestelle Richtung Saarbrücken-Innenstadt, parkt ein lila Auto mit einem etwas überdimensionierten Aufkleber im Design eines gelben Ortseingangsschildes: "Kaltnaggisch grüßt den Rest der Welt." Der Rest der Welt wird zwar nicht lückenlos wissen, dass "Kaltnaggisch" eigentlich Herrensohr heißt, inzwischen aber sehr wohl, dass dieser Ort zum Saarbrücker Stadtteil Dudweiler gehört und dass hier ein Terrorverdächtiger namens Daniel Schneider (Foto: ddp) bis kurz vor seiner Verhaftung im September 2007 gewohnt und gewirkt hat.Aber ausgerechnet hier? Herrensohr eine Keimzelle des Terrors? Ein Ort des Bösen? Der Flieder blüht: Violett, pink und weiß. Sein süßlicher Duft vermengt sich mit Abgasschwaden eines Rasenmähers und dem Dieselgestank eines vorbeiknatternden Autos Marke Schrottreif. Propere Häuser stehen in Reih und Glied - die meisten beidseitig angebaut: Die Fassaden mit Waschbeton, Eternit- oder Plastikplatten verkleidet. Gern genommen auch Pink neben Braun, Grau und Grasgrün als Frontbemalung. Jedes Haus für sich fein, in Anbaukombination eines Straßenzuges aber eine Galerie ästhetischer Grausamkeiten. Zwei ältere Frauen fachsimpeln über die betörende Schönheit der Akelei in einem der gepflegten Vorgärten. Im Garten ein paar Meter weiter amüsiert sich eine junge Mutter mit dem Großohrhasen ihres Kindes. Und die Tatsache, dass sie dabei ein so genanntes Palästinensertuch um den Hals trägt, ist keinesfalls als Sympathiebekundung in Richtung Islamismus misszuverstehen, sondern dürfte den unwirtlichen Temperaturen an diesem Mai-Nachmittag geschuldet sein. Nein, hier in diesem Umfeld kann der Terror nur Zufall und ein Kurzzeitgast gewesen sein. Im erstmals urkundlich 1856 erwähnten 2400-Seelen-Dorf am Ende des Sulzbachtals werden die Menschen deshalb nur ungern auf dieses dunkle Kapitel ihrer Historie angesprochen. "Ach nee, dazu saan ich nix", ist noch einer der freundlicheren Kommentare. Ilse Müller (alle Namen auf Wunsch von der Redaktion geändert) schämt sich für die, wie sie sagt, "gottlosen Geschichten aus der Petrusstraße". Gemeint ist das Haus Nummer 36, mit der Moschee namens "Omar" im Hinterhof. Im ersten Stock dieser jetzt verlassen wirkenden Abbruchbude, die vielleicht nur noch durch die brüchige Fassadenverkleidung zusammengehalten wird, hat Daniel Schneider gewohnt. Dort soll seine Radikalisierung rasant vorangeschritten sein. Dort waren schon unzählige Reporter und haben in die Welt getragen, dass es eben nichts zu sehen gibt. Dass ein islamistischer Gotteskrieger aber ausgerechnet in der Petrusstraße seine Mordpläne geschmiedet haben soll, finden die Tresengäste im Gasthaus Arend nach dem dritten Gerstensaft-Gebräu schon wieder komisch. Einer sagt, dass hinter vorgehaltener Hand zwar noch häufig über das Thema geredet wird im Ort, dass wohl aber niemand seinen Namen in diesem Zusammenhang in der Zeitung lesen möchte. Dem ist auch so. Denn während der derzeit berühmteste Mensch aus Herrensohr mit scheinbar eingefrorenem Dauerlächeln seiner Verurteilung vor dem Düsseldorfer Landgericht entgegensieht, will man vor Ort vergessen. Einfach weiterleben in der kleinstädtischen Idylle, Saarbrücken Hanglage. "Ach gehen Sie maa fort mit demm Thema. Mir hann alle nix gewusst, unn es iss uns aach egal", sagt Bruno im Kreise seiner Kumpel in der Stammkneipe. Der "Mattse", wie sie den Mann mit schütterem Haar nennen, der reichlich Durst aber keine Illusionen mehr hat, philosophiert dagegen in eine ganz andere Richtung: "Der so genannte Terrormann aus Herrensohr hat doch eigentlich noch nichts verbrochen. Vielleicht hat er nur großspurig geredet und geplant." "Mattse" begründet in der Folge seine Theorie mit einem Erlebnis, das die Runde mit wissendem Gelächter begleitet. "Was meinen Sie, wie oft ich meine Schwiegermutter schon verflucht habe und killen wollte. Aber habe ich es gemacht, und muss ich deshalb in den Knast? Nee! Sehen Sie", beantwortet er sich die Frage gleich selbst. Was der Mann nicht bedenkt ist, dass in Deutschland die Planung einer terroristischen Tat, die mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit dutzende US-Soldaten in einer Disco in Ramstein das Leben gekostet hätte, sehr wohl unter Strafe steht. Daniel Schneider, war - laut Abhörprotokollen des Geheimdienstes - treibende Kraft hinter diesem nur knapp vereitelten Massaker und muss nun womöglich lebenslang hinter Gitter. In Herrensohr geht das Leben derweil weiter: Mittags sind die Bürgersteige hochgeklappt, die Gartenzwerge glänzen in der Sonne, und auch die griechische Plastikstatue findet vor dem üppig mit Holz verzierten Schwarzwaldhaus ihren Platz. Und somit bleibt die einzig echte Provokation an diesem Nachmittag ein sträflich von der Ortsreinigung vernachlässigter Verteilkasten vor dem Hauptportal der katholischen Sankt Marienkirche. Dort steht in dicker Schmierschrift: "Sex, Sex, Sex". Soll heißen, Herrensohr ist auf dem besten Wege zurück in die Normalität . . . "Ach gehen Sie maa fort mit demm Thema. Mir hann alle nix gewusst, unn es iss uns aach egal." Bruno aus Herrensohr


Auf einen Blick"Die Götter von Dudweiler" hat der 1966 in Dudweiler geborene Journalist und Autor Nils Minkmar ein ausführliches Kapitel von 45 Seiten in seinem ersten Buch "Mit dem Kopf durch die Welt" (S. Fischer, 224 Seiten, 17,95 Euro) genannt. Darin arbeitet er die Ereignisse in Herrensohr auf. Seine "ganz persönlichen Geschichten aus der Normalität" beschäftigen sich mit Gott und der Welt und sind von der ersten Zeile an bereichernd und spannend zu lesen - nicht nur für Menschen aus Herrensohr. rol