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Glaube kann auch cool sein

Wenn sonntags der Gang zum Gottesdienst droht, verdrehen Jugendliche meist genervt die Augen. Beten, Singen und der Predigt lauschen finden viele einfach nur öde. Für die Kirche wird das zunehmend zum Problem: Wegen des demografischen Wandels fehlt den Gemeinden der Nachwuchs. Gleichzeitig sind es vor allem junge Menschen, die aus der Kirche austreten Von dpa-Mitarbeiterin Irena Güttel

Wenn sonntags der Gang zum Gottesdienst droht, verdrehen Jugendliche meist genervt die Augen. Beten, Singen und der Predigt lauschen finden viele einfach nur öde. Für die Kirche wird das zunehmend zum Problem: Wegen des demografischen Wandels fehlt den Gemeinden der Nachwuchs. Gleichzeitig sind es vor allem junge Menschen, die aus der Kirche austreten. "Früher war es selbstverständlich, dass die Leute in die Kirche gehen", sagt Katrin Funke, Vorsitzende der evangelischen Jugend in Bremen. "Heute müssen wir aktiv um Mitglieder werben." Dabei setzen die Jugendvereine auch auf ungewöhnliche Strategien - eine kleine Kostprobe gibt der Kirchentag in Bremen.


Techno-Gottesdienste, Pop-Gebete, Heavy-Metal-Konzerte, gerappte Psalme, Graffiti-Workshops und Internet-Chats - das Programm vom 20. bis 24. Mai soll möglichst viele junge Menschen ansprechen. Die Erfahrungen der vergangenen Kirchentage zeigen, dass etwa 40 Prozent der Besucher unter 30 Jahren sind. Allein im "Zentrum Jugend" - bestehend aus mehreren Hallen und Bühnen im alten Hafen - erwarten die Veranstalter täglich bis zu 15 000 Teilnehmer. 100 verschiedene Projekte sorgen für Unterhaltung und Diskussionsstoff.

"Jugendliche wollen nicht einfach nur konsumieren, sie wollen sich beteiligen", erläutert Hans-Albert Eike, verantwortlich für das Jugendprogramm beim Kirchentag.
So laden viele Konzerte zum Mitsingen ein, Ausstellungen sind interaktiv und in der Castingshow "Deutschland sucht den Klimastar", die an die ähnlich klingende Sendung mit Dieter Bohlen erinnert, wählt das Publikum den Kandidaten mit der besten Idee gegen die Erderwärmung. "Wir haben uns auf die Fahne geschrieben, auch die Jugendlichen zu erreichen, die nicht zu den klassischen Kirchengängern gehören", sagt Eike. "Wir wollen ihnen zeigen, dass Glaube auch cool sein kann."

Wie viele der etwa 25 Millionen Mitglieder der Evangelischen Kirche in Deutschland unter 18 Jahre alt sind, ist nach Angaben des Oberkirchenrats Thorsten Latzel nicht bekannt. Eins ist aber sicher: "Der demografische Wandel trifft die evangelische Kirche noch kritischer als die Gesellschaft insgesamt." Zwar sei die Zahl der Konfirmanden immer noch hoch. Im Jahr 2007 ließen sich 250 000 Jugendliche konfirmieren. Doch danach sinke das Interesse an der Kirche rapide, sagt die Bremer Jugend-Vorsitzende Funke. "Für die über 14-Jährigen fehlen in den Gemeinden oft die attraktiven Angebote." Die finden die jungen Leute dann eher in den Sportvereinen oder Jugendzentren.


Das Internet ist mittlerweile aus der kirchlichen Jugendarbeit nicht mehr wegzudenken. 
"Es ist das Leitmedium der Jugend", sagt Martin Weber von der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Kirche und Projektleiter des christlichen Internetportals "Youngspirix". "Die liebste Freizeitbeschäftigung der Jugend ist immer noch, Freunde zu treffen - aber die Fortsetzung dieser Treffen findet im Internet statt."



Auf "Youngspirix" können sich junge Christen über Gott, die Bibel und Themen austauschen, die sie beschäftigen. In Zukunft soll das Netzwerk mal eine Alternative zu "StudiVZ" oder "Facebook" werden.

Auf User-Treffen während des Kirchentags können sich die Chatpartner endlich persönlich kennen lernen. Am meisten werden sich die jungen Gäste aber wohl auf die Konzerte von Pop-Größen wie Stefanie Heinzmann, Thomas D. von den Fantastischen Vier, Die Happy, Bosse oder Cassandra Steen freuen. Dass so viel Festival-Charakter das eigentliche Anliegen von Kirche in den Hintergrund rückt, befürchtet Funke jedoch nicht. "Der Kirchentag ist da, um Gemeinschaft zu erleben - wie das alltägliche Gemeindeleben auch." Und für Jugendarbeit sei das eine große Chance: "Wir können beweisen, dass Kirche mehr ist, als nur im Gottesdienst zu sitzen." dpa

Hintergrund

Der Glaube an die Machbarkeit einer besseren, gerechteren Welt wird in dieser Woche in Bremen beschworen und vorgelebt. Etwa 100 000 Dauerteilnehmer und hunderttausende Tagesgäste werden beim 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag vom 20. bis 24. Mai beten, singen, die Bibel lesen und Gottesdienste feiern - aber auch mit Politikern und Wirtschaftskapitänen hart diskutieren und dabei solidarische Weltverantwortung einfordern. "Die Auswirkungen der Krise haben wir ganz oben auf die Tagesordnung gesetzt", betont Kirchentagspräsidentin Karin von Welck. dpa