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Schadstofftests
Giftige Autogase für Menschen und Affen?

Abgase belasten Menschen auf der ganzen Welt. Diese Menschen in China etwa schützen sich beim Schattenboxen mit Atemmasken. Dürfen Forscher aber Tests an Menschen durchführen, um die Luftverschmutzung  zu senken?
Abgase belasten Menschen auf der ganzen Welt. Diese Menschen in China etwa schützen sich beim Schattenboxen mit Atemmasken. Dürfen Forscher aber Tests an Menschen durchführen, um die Luftverschmutzung zu senken? FOTO: An Ming / dpa
Wolfsburg/Hannover/Saarbrücken. Der VW-Konzern steckt erneut in der Bredouille. Abgas-Studien bringen die Wolfsburger Autobauer in ernsthafte Erklärungsnot.

Ein Student sitzt an einem Tisch in einem kleinen Laborraum, durch die Lüftung wird Stickoxid hineingeblasen. Es ist eines der unerwünschten Nebenprodukte bei Verbrennungsprozessen, etwa in Dieselmotoren. Insgesamt drei Stunden atmet der Student die Luft mit dem Gas ein, fährt zwischendurch auf einem Fitnessrad. Davor und danach wird sein Atem getestet, sein Blut und auch sein Nasenschleim.



Es handelt sich um ein umstrittenes Experiment, das Forscher der Uniklinik Aachen gefördert von einem Verein der Autoindustrie 2013 durchführten. Eben dieser Verein, die Forschungsvereinigung für Umwelt und Gesundheit im Transportsektor (EUGT), hatte eine weitere Studie beauftragt, die für Diskussion sorgte: Es geht um Tierversuche in einem Testlabor im US-Bundesstaat New Mexico. Zehn Affen atmen stundenlang Abgase eines VW Beetles ein, während ihnen zur Beruhigung Zeichentrickfilme gezeigt werden. So beschreibt Jake McDonald, was sich 2014 auf Betreiben von VW in seinem Forschungsinstitut in Albuquerque abgespielt haben soll. Die Tests mit den Javaneraffen waren Teil einer Studie, die beweisen sollte, dass die Diesel-Schadstoffbelastung dank moderner Abgasreinigung erheblich abgenommen hat. Deshalb hatte die EUGT – eine von Volkswagen, Daimler und BMW finanzierte Lobby-Initiative – sie beim Lovelace Respiratory Research Institute in Auftrag gegeben. Federführend war laut Studienleiter McDonald dabei VW.

Volkswagen räumt angesichts öffentlicher Empörung ein, es wäre besser gewesen, auf eine solche Untersuchung von vornherein zu verzichten. „Wir entschuldigen uns für das Fehlverhalten und die Fehleinschätzung Einzelner“, heißt es aus der Wolfsburger Zentrale des Autokonzerns. Auch die anderen EUGT-Partner gingen rasch auf Abstand.

Gestern meldete sich auch die Bundesregierung zu Wort. „Diese Tests an Affen oder sogar Menschen sind ethisch in keiner Weise zu rechtfertigen“, sagte Regierungssprecher Steffen Seibert. Zuvor war der Verdacht aufgekommen, dass das Experiment an Menschen im Zusammenhang mit Schadstofftests stehe. Das bestritt Institutsleiter Thomas Kraus von der Universität Aachen jedoch vehement: „Es gibt keinen Zusammenhang mit dem Dieselskandal.“ Die Studie sei bereits durchgeführt worden, bevor dieser im September 2015 bekannt wurde, erklärte er. Bei den Tests sei es hingegen um den Stickstoffdioxidgrenzwert am Arbeitsplatz gegangen. Sind solche Tests an Menschen tatsächlich erlaubt? Die Ethikkommission der Uniklinik habe den Auftrag damals geprüft und genehmigt, so Kraus. Professor Michael Menger, Dekan der Medizinischen Fakultät an der Uniklinik Homburg, erklärt dazu auf SZ-Anfrage: „Jeder Studienbetreiber muss einen Antrag an die Ethikkommission schreiben.“ Die Hürden für eine Studie am Menschen seien sehr hoch, ergänzt Claudia Traidl-Hoffmann, Professorin für Umweltmedizin an der Technischen Universität München. Und in der Studie seien die Stickoxid-Konzentrationen lediglich vergleichbar mit der in der Umwelt vorhandenen gewesen.

Bleiben die umstrittenen Versuche an den Affen. VW-Aufsichtsratschef Hans Dieter Pötsch ging gestern in die Offensive: „Im Namen des gesamten Aufsichtsrates distanziere ich mich mit allem Nachdruck von derlei Praktiken.“ Die Vorgänge müssten „vorbehaltlos und vollständig aufgeklärt werden“. Pötsch kündigte an, auch der Aufsichtsrat werde sich bald mit dem Thema beschäftigen. „Wer auch immer dafür Verantwortung zu tragen hat, ist selbstverständlich zur Rechenschaft zu ziehen.“ Betriebsratschef Bernd Osterloh verlangte gar personelle Konsequenzen.



Der geschäftsführender Verkehrsminister Christian Schmidt (CSU) betonte, er sei als Verkehrsminister „und auch als Tierschutzminister in keiner Weise bereit, solche Verhaltensweisen hinzunehmen“. Die betroffenen Hersteller seien zu einer Sondersitzung der Untersuchungskommission des Verkehrsministeriums zum Abgasskandal gebeten worden und sollten dort umgehend und detailliert informieren.

Die ethische Frage der von VW in Wolfsburg unterstützten Tests beschäftigte gestern auch Niedersachsens Ministerpräsident Stephan Weil: Maßgeblich sei der Zweck solcher Testreihen, erklärte er. Gehe es darum, die Belastung am Arbeitsplatz zu testen, lasse sich das vertreten. Dienten die Testreihen aber Marketing und Verkaufsförderung, „fällt mir keine auch nur von ferne akzeptable Begründung für ein solches Vorgehen ein“. Das Land Niedersachsen ist VW-Großaktionär.

Anders der Verband der Automobilindustrie (VDA), der die Schadstofftests verurteilte: „Hier zeigt sich einmal mehr: Technik und Wissenschaft müssen sich grundsätzlich im Rahmen des gesellschaftlich und ethisch Verantwortbaren bewegen“, sagte VDA-Präsident Matthias Wissmann. Dies sei eine ständige Aufgabe für jede Industrie. „Ohne ethisches Fundament gewinnt man keine Zukunft.“

Auch Daimler meldete sich zu Wort und distanzierte sich von den Studien und der EUGT. „Wir sind über das Ausmaß der Studien und deren Durchführung erschüttert“, hieß es in einer Stellungnahme. Daimler verurteile die Versuche auf das Schärfste. „Auch wenn Daimler keinen Einfluss auf den Versuchsaufbau hatte, haben wir eine umfassende Untersuchung eingeleitet, wie es dazu kommen konnte.“ BMW erklärte indes, an den genannten Studien gar nicht mitgewirkt zu haben. „Wir haben umgehend mit einer internen Untersuchung begonnen, um die Arbeit und Hintergründe der EUGT sorgfältig aufzuklären“, teilte der Autobauer mit.

Alarmiert reagierten die Tierschutzverbände: „Weder Mensch noch Tier dürfen für solche sinnlosen Versuche herhalten. Es ist unfassbar, dass Lebewesen missbraucht werden, um diese Umweltsünder auf vier Rädern, die Mensch und Umwelt massiv schädigen, auf die Straße zu bringen“, meinte Marius Tünte, Sprecher des Deutschen Tierschutzbundes.

Für die Tierschutzorganisation „Ärzte gegen Tierversuche“ sind die Versuche mit Affen kein Einzelfall. „Toxikologische Versuche an Affen sind leider gängig, auch in Deutschland“, sagte Vereins-Vize Corina Gericke. „Danach werden sie meistens getötet, um die Organe zu untersuchen.“ Dabei könnten keine Rückschlüsse für den Menschen gezogen werden.