| 00:00 Uhr

Gesucht: Die letzten Nazi-Schergen

Berlin/Saarbrücken. Sie müssen jetzt um die 90 Jahre alt sein: die letzten noch lebenden Nazi-Verbrecher. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum will die letzte Chance nutzen, sie mit Hilfe der Bevölkerung zu enttarnen und vor Gericht zu stellen. Von Kirsten Baukhage (dpa) und Pascal Becher (SZ)

"Es ist unsere letzte Chance, noch lebende Nazi-Verbrecher in Deutschland aufzuspüren", sagt Efraim Zuroff. Der Initiator einer neuen Kampagne des Simon-Wiesenthal-Zentrums möchte sie nutzen. Vielleicht zwei bis drei Jahre blieben noch, um diese rund 60 bis 120 noch lebenden Täter zu finden, schätzt der Leiter des Jerusalemer Büros des Wiesenthal-Zentrums, das weltweit nach Nazi-Verbrechern und deren Handlangern sucht. Denn die Mitglieder der Einsatzgruppen in den Konzentrationslagern und mobilen Mordkommandos, um die es geht, dürften heute um die 90 Jahre und älter sein.

Seit gestern hängen in Berlin, Hamburg und Köln 2000 Plakate der "Operation Last Chance". Ein Foto des Eingangstores zum Vernichtungslager Auschwitz, darunter wird zur Mithilfe bei der Suche nach den Mördern aufgerufen. "Millionen Unschuldiger wurden von Nazi-Kriegsverbrechern ermordet. Einige der Täter sind frei und am Leben! Helfen Sie uns, diese vor Gericht zu bringen. Bis zu 25 000 Euro Belohnung für wertvolle Hinweise."

Den Aufruf jetzt begründet Zuroff damit, dass das sensationelle Urteil gegen den früheren KZ-Wachmann John Demjanjuk 2011 in München die Strafverfolgung von Nazi-Verbrechern in Deutschland sehr viel leichter gemacht habe. Der gebürtige Ukrainer wurde ohne konkreten Tatnachweis zu fünf Jahren Haft verurteilt. Das Gericht war überzeugt davon, dass Demjanjuk an der Ermordung von 29 000 Juden im Todeslager Sobibor beteiligt gewesen war. Das habe die juristische Basis komplett verändert, sagt Zuroff. Bis dahin habe man den Nazi-Tätern spezifische Verbrechen an namentlich zu benennenden Opfern nachweisen müssen.

Das hohe Alter der Gesuchten kann nach Ansicht Zuroffs keine Rolle spielen. "Die verstrichene Zeit mindert ihre Schuld nicht", sagt der Initiator. Das sieht auch der Zentralrat der Juden in Deutschland so. "Es geht hier schließlich um Gerechtigkeit. Und Gerechtigkeit kennt keine Verfallszeit", sagt dessen Präsident Dieter Graumann. Zuroff ergänzt, wer nach solchen Taten bis heute lebe, müsse physisch und geistig gesund sein. Als junge Männer hätten sie "ihre ganze Kraft und Energie darauf verwendet, unschuldige Menschen zu ermorden".

Als "sehr in Ordnung und sehr notwendig" bezeichnet der Leiter der Saarländischen Landeszentrale für politische Bildung, Burkhard Jellonnek, die Kampagne - auch wenn sie "etwas reißerisch" rüberkommt. Jellonnek ist der Meinung, man müsse den "Opfern der Schreckensherrschaft und deren Angehörigen zeigen, dass man die Täter stets weiter verfolgen wird". Die Belohnung von bis zu 25 000 Euro sehen Jellonnek und Zuroff nicht als Problem. Die besten Hinweise seien sowieso immer von Menschen gekommen, die kein Geld, sondern Gerechtigkeit wollten, sagt der Israeli. Doch die Belohnung garantiere hohe mediale Aufmerksamkeit. Der deutsch-israelische Historiker Michael Wolffsohn lehnt das "ausgeschriebene Kopfgeld" dagegen als "pietät- und schamlos" ab. Es werde eher "Mitleid mit den betagten Kriegsverbrechern hervorrufen", kritisierte Wolffsohn im Deutschlandradio Kultur. Daran glaubt der Saarländer Jellonnek nicht. Vereinzelt könne das zwar passieren. Doch generell könne es nicht angehen, "die Gräueltaten der Nationalsozialisten auszublenden" - nur weil die Täter im Greisenalter auf der Anklagebank sitzen würden.

Der Berliner Politologe Professfor Hajo Funke hätte für die Kampagne allerdings eine andere Form gewählt. "Die Plakate könnten zu populistisch sein und bergen die Gefahr, dass es in einer Art öffentlicher Jagd Falsche trifft", sagt Funke. Doch das Anliegen selbst hält der Antisemitismus-Forscher für "hoch sinnvoll und berechtigt". Die Suche hätte "viel früher geschehen müssen", sagt Funke. "Das ist die Spätlast der unaufgearbeiteten Vergangenheit." Dieser hätten sich Politik und Justiz in den 1950er und 1960er Jahren nicht stellen wollen. Viele KZ-Wächter habe man ganz ohne oder mit geringsten Strafen laufen lassen. "Es gab geradezu ein Gnadenfieber in der Bundesrepublik."



Zum Thema:

HintergrundNeben dem Simon-Wiesenthal-Zentrum sucht auch die Zentralstelle zur Aufklärung nationalsozialistischer Verbrechen in Ludwigsburg nach den Schergen der Nazi-Zeit. Gegen 50 frühere KZ-Aufseher des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau sollen laut Waz-Mediengruppe bereits Vorermittlungen eingeleitet worden sein. Der Vorwurf der Fahnder gegen die etwa 90-Jährigen lautet auf Beihilfe zum Mord. Die NS-Fahndungsstelle darf im Unterschied zu Staatsanwaltschaften keine Anklage erheben, sondern liefert das Material dazu. dpa