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Gelassenheit trotz Massenansturms beim Kirchentag "Wusste nicht, was da eigentlich auf mich zukommt"

Bremen. Rockige Klänge schallen über das Weserufer. Wenige Meter weiter stimmt ein Chor einen Kanon an, in den sich aus der Ferne Posaunen mischen Von dpa-Mitarbeiterin Irena Güttel

Bremen. Rockige Klänge schallen über das Weserufer. Wenige Meter weiter stimmt ein Chor einen Kanon an, in den sich aus der Ferne Posaunen mischen. Ein Zauberkünstler unterhält einige Kinder, während die Eltern auf Bänken in der Sonne verschnaufen oder wie Rachel Smith auf einer Jacke im Gras liegen: "Eigentlich wollte ich ja gerade zu einer Veranstaltung gehen, aber die war wegen Überfüllung geschlossen." Doch die junge Amerikanerin nimmt es gelassen - wie viele andere Kirchentagsgäste in Bremen auch. "Es ist total aufregend hier", schwärmt die 23-Jährige. "Es gibt so viel zu entdecken."


Mehr als 100 000 Menschen erwarteten die Veranstalter gestern auf dem 32. Deutschen Evangelischen Kirchentag. Viele von ihnen reisten bereits am frühen Morgen mit Regionalzügen aus dem Umland an, um einen Blick auf prominente Gäste wie Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) oder Außenminister Frank-Walter Steinmeier (SPD) zu erhaschen. "Der Zug war total voll", erzählt Gesa Haake, die mit ihrer zehnjährigen Nichte Laura aus dem ostfriesischen Aurich angereist ist. "Die Atmosphäre war aber trotzdem gut. Alle sind freundlich, keiner ist gestresst."

Im Abstand von wenigen Minuten spucken die Straßenbahnen Massen von Menschen aus, die zwischen den Veranstaltungsorten hin und her pendeln. Damit es nicht zum Chaos kommt, weisen Ordner den Besuchern an jeder Station den Weg. "Die Fahrgäste sind sehr diszipliniert und geduldig", sagt einer der Mitarbeiter in neongelber Weste. "Das war auch gestern so." Beim großen Eröffnungsfest feierten 300 000 Gläubige in der Innenstadt. Auf drei Bühnen heizten Maskentänzer, Stelzenkünstler, Bands und Chöre dem Publikum ein, darunter die Pop-Sängerin Stefanie Heinzmann.

Auch Bundespräsident Horst Köhler mischte sich nach seiner Rede unter die Feiernden, um sich an den Ständen der Gemeinden zu unterhalten. Unter dem Applaus der Zuschauer fischte er bei einem Angelspiel die Beute erfolgreich aus dem Becken. Die ihm angebotene Bratwurst lehnte er genauso ab wie das Chili con Carne, bei Reibekuchen wurde er aber dann doch schwach.

Von der Begeisterung ließen sich auch viele Bremer mitreißen, die den Feiertag für einen Bummel über das Festgelände oder einen Ausflug mit dem Fahrrad nutzten. "Es ist wunderbar. Ich fahre einfach rum und schaue, was los ist", schwärmt Dörte Grossmann.



Auch die Gastronomen freuen sich. "Ich hoffe, dass ich jetzt das Geschäft des Jahres machen kann", sagt Jolly Findler, Gastronomin an der Flaniermeile Schlachte. "Ich habe mit der Kirche nichts am Hut, aber ich glaube daran, dass wir richtig viel Bier verkaufen." Sogar die Flächen um das Weserstadion haben die Kirchentagsgäste erobert. 1200 Menschen aus Deutschland, Schweden und den Niederlanden sind mit ihren Wohnmobilen angereist, um dort zu campen. Rund 90 Helfer sind auf dem Gelände damit beschäftigt, das Frühstück, Gottesdienste, Andachten und Gebete zu organisieren. Da bleibt meist keine Zeit dafür, die vielen Veranstaltungen zu besuchen. Stephan Teichmann ist das aber egal: "Für mich ist das hier Kirchentag. Frau Merkel brauch' ich nicht zu sehen."Bremen. Das Erkennungszeichen der knapp 4700 Helfer beim Evangelischen Kirchentag in Bremen ist das gelb-blaue Halstuch. Neals Nowitzki ist einer von ihnen. In diesem Jahr, bei seinem dritten Kirchentag, gehört er zu den "Hakas", den Helfern des "harten Kerns". Er trägt ein graublaues Pfadfinderhemd. Um den Hals schlingt er das blaue Pfadfindertuch mit der Auszeichnung, dass er international anerkannter Gruppenleiter ist, und das gelb-blaue Helfertuch.

Mit roten Ohren und rotem Gesicht - ob nun vor Eifer oder wegen eines Sonnenbrands - koordiniert der 22-Jährige die Helfer-Anlaufstelle in einem Bremer Parkhaus. "Es ist sehr leicht zu finden", erklärt Nowitzki am Telefon, "es gibt eigentlich nur ein Parkhaus in der Wilhaldistraße." Mit sieben Jahren wurde er Mitglied im Bund der Pfadfinderinnen und Pfadfinder in Kassel. Seit dem Umzug nach Villingen-Schwenningen vor acht Jahren ist er nun Mitglied im Verband christlicher Pfadfinder. "Es geht bei den Pfadfindern eigentlich nicht so direkt um christliche Werte, die werden eher nebenbei beigebracht", erläutert der junge Mann.

Nowitzki indes studiert im vierten Semester Religionspädagogik an der evangelischen Fachhochschule in Weingarten: "Ich wollte mich kritisch mit dem Glauben auseinandersetzen und einen eigenen Glaubensweg finden." Als Diakon möchte er später junge Menschen an den Glauben heranführen und ihnen damit Orientierung bieten — aber ihnen den Glauben nicht aufzwängen.

Schon seit dem Donnerstag vor Beginn des Kirchentags ist Nowitzki vor Ort, hat "gepapphockert" und Zäune an der Bürgerweide mit aufgebaut. Die zwei Fehlstunden, die er in seinen Vorlesungen haben darf, hat er mit seinen ehrenamtlichen Aufgaben inklusive Kirchentag schon verbraucht. "Jetzt darf ich nicht mehr krank werden, sonst muss ich mit Sanktionen rechnen."

Ursprünglich hatte sich Nowitzki als Haka-Helfer angemeldet, dann wurde er zum Gruppenleiter, außerdem sollte er Ansprechpartner für andere Helfer sein, und schließlich wurde er mit der Aufgabe betraut, die zentrale Helfer-Anlaufstelle am Abend der Begegnung zu organisieren. "Was da eigentlich auf mich zukommt, das kam erst hier raus", sagt Nowitzki und lacht. Die langen Einsatztage verbringt er damit, Lunchtüten an die Helfer auszugeben, das Zeitungs-, Leporello- und Kerzen-Verteilen zu delegieren und vieles mehr.

Jetzt muss er sich um die neu eintrudelnden Helfer kümmern. "Ihr habt nichts zu tun?", fragt er die Kuchen essenden älteren Helfer. "Eigentlich wollten wir nur schon mal schauen, wo wir ab 19.30 Uhr zum Kerzenverteilen hinkommen sollen", sagt Gerlinde Westerbusch. "Also, ich freue mich über jede Hilfe", lächelt Neals Nowitzki die Helfer an. Sie zögern zunächst etwas, setzen sich dann aber in Bewegung.epd

Hintergrund

Rund 2500 Veranstaltungen in fünf Tagen. Da können die Füße schon mal lahm werden, wenn die Besucher von einem Programmpunkt zum anderen hetzen. An der Weser laden deshalb rund 45 Kirchenbänke zum Verschnaufen in der Sonne ein. Dafür haben die Veranstalter lauter ausgemusterte und überzählige Stücke aus ganz Deutschland herangeschafft.

Freunde der Rock-Musik kommen auf dem Kirchentag voll auf ihre Kosten. Von Donnerstag bis Samstag können Besucher im Vegesacker Hafen mit einer Rockandacht in den Tag starten.

Ganz nah bei Gott können mutige Christen auf dem Kirchentag wandeln. Zwischen den Türmen des St. Petri-Doms spannt sich in luftiger Höhe von 65 Metern eine Hängebrücke. 13 Meter lang und 90 Zentimeter breit ist die wackelige Glaubensprüfung, der sich 350 ausgewählte Kirchentagsbesucher stellen können. dpa