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Streit zwischen Prevent und VW
Gehen bei Halberg Guss die Lichter aus?

Betriebsratschef Bernd Geier spricht auf dem Werksgelände über die Sorgen, die er sich um die Neue Halberg Guss macht. Eine bedrückte Stimmung herrscht auf der Betriebsversammlung.
Betriebsratschef Bernd Geier spricht auf dem Werksgelände über die Sorgen, die er sich um die Neue Halberg Guss macht. Eine bedrückte Stimmung herrscht auf der Betriebsversammlung. FOTO: Halberg Guss
Saarbrücken. Rund 1500 Beschäftigte in Saarbrücken fürchten um ihre Arbeitsplätze. Der Grund ist ein Machtkampf des Halberg-Guss-Eigners mit Volkswagen. Von Volker Meyer zu Tittingdorf
Volker Meyer zu Tittingdorf

Angst ist in den Gesichtern zu sehen. Auch Unmut und Wut. Rund 600 Mitarbeiter der Neuen Halberg Guss (NHG) haben sich gestern hinter dem Werkstor in Saarbrücken-Brebach versammelt. Sie hören angespannt zu, was ihnen ihr Betriebsratsvorsitzender Bernd Geier und Patrick Selzer, 2. Bevollmächtigter der IG Metall Saarbrücken, zu sagen haben. Hinter allem, was die beiden vortragen, steht eine große Frage: Hat das Unternehmen eine Zukunft, oder gehen schlimmstenfalls alle Arbeitsplätze verloren? Rund 1530 Menschen – inklusive etwa 280 Leiharbeiter – sind dort beschäftigt. So die Zahlen des Betriebsrats.


„Das sind alles Verbrecher!“, ruft jemand im Anschluss an die Versammlung und meint damit offenbar den neuen Eigentümer des Unternehmens, die Prevent-Gruppe, hinter der die bosnische Unternehmerfamilie Hastor steht. Sie hatte erst im Januar überraschend die Gießerei-Gruppe von der Süddeutschen Beteiligungs-GmbH gekauft.

Was ist passiert? Seit Mittwoch wurde nach Darstellung Selzers die Auslieferung von Motorblöcken an Volkswagen – mit Unterbrechungen – gestoppt, in Brebach sowie im Leipziger Schwesterwerk. Lkw mit Ziel Volkswagen-Werke durften demnach nicht beladen werden. Betriebsrat und IG Metall schlagen Alarm, weil die Prevent-Gruppe seit Jahren mit Volkswagen im Streit liegt. Und dieser Machtkampf spitzt sich weiter zu, indem die Neue Halberg Guss in die Auseinandersetzung hineingezogen wird. Selzer vermutet, dass der Lieferstopp  „Auftakt eines inszenierten Konflikts ist, um mit Gewalt höhere Preise durchzusetzen“. Angeblich fordere Prevent eine Anhebung um das Vier- bis Fünffache. Eine Erhöhung, die dann wahrscheinlich zu Preisen weit über den am Markt üblichen führen würde. Der Gewerkschafter und der Betriebsratschef befürchten, dass Prevent die Lieferbeziehungen zu VW aufs Spiel setzt und am Ende die Neue Halberg Guss den wichtigsten Kunden verliert. VW steht nach Angaben des Betriebsratschefs für mehr als die Hälfte des Geschäfts. Selzer hat den Verdacht, dass „die Neue Halberg Guss dazu missbraucht wird, um zum Gegenschlag gegen VW auszuholen“. Wenn VW sich dann einen neuen Zulieferer sucht, könnte in der Saarbrücker Gießerei das Licht ausgehen. Storniert VW seine Aufträge, wäre die Neue Halberg Guss „nicht überlebensfähig“, zumindest nicht mit den mehr als 2000 Beschäftigten in Brebach und Leipzig, sagt Geier.



Die Prevent-Gruppe bestreitet, dass überhaupt ein Lieferstopp verhängt wurde. „Bei der Neuen Halberg Guss hat Volkswagen Rechnungen im Millionenbereich nicht pünktlich bezahlt. Es ist daher zu Lieferverzögerungen gekommen“, teilt das Unternehmen auf Anfrage mit. „Von einem Lieferstopp oder einer etwaigen Androhung kann keine Rede sein“, heißt es weiter, und Prevent versichert: „Volkswagen wird auf Basis pünktlicher Zahlungen beliefert.“ Volkswagen selbst äußert sich dazu nicht. Es heißt nur: „Wir haben gültige und ungekündigte Lieferverträge mit der Neuen Halberg Guss.“

Selzer verweist auf die Geschehnisse um die Prevent-Töchter ES Guss im Erzgebirge, einem Hersteller von Getriebeteilen, und Car Trim in Wolfsburg, einem Lieferanten von Sitzen und Sitzbezügen. Prevent hatte über diese beiden Tochterunternehmen Volkswagen im Sommer 2016 unter Druck gesetzt. Volkswagen hatte Aufträge im Wert von 500 Millionen Euro storniert, worauf die Prevent-Töchter ihre Lieferungen einstellten und Schadenersatz forderten. Zeitweise standen in VW-Werken die Bänder still. Jetzt im März hat Volkswagen die eigentlich für sechs Jahre festgeschriebenen Geschäftsbeziehungen kurzfristig gekündigt. Das habe der Konzern tun können, weil er sich in einer Zwangslage befunden habe, berichtet das „Handelsblatt“. Es bestehe für die betroffenen Beschäftigten bei ES Guss wenig Hoffnung auf Erhalt ihrer Arbeitsplätze, sagt Selzer. Er spricht von einer Masche, die Prevent gegenüber VW anwende: „massive Preiserhöhungen erzwingen und anschließend das Geld aus Standorten abziehen“, um sie schließlich fallen zu lassen.

Gewerkschaft und Betriebsrat verlangen nun Aufklärung: „Wir fordern belegbare Hinweise von Management und Eigentümer, dass unsere Befürchtungen gegenstandslos sind.“ In einem Fragenkatalog wird auch nach einem etwaigen Insolvenzrisiko gefragt, zumal angeblich im März Arbeitgeberanteile an Sozialversicherungsbeiträgen nicht vollständig bezahlt worden sein sollen. Bis Montag sollen Antworten vorliegen. Falls nicht, denken die Arbeitnehmervertreter über eine Kündigung des noch bis Jahresende laufenden „Zukunftstarifvertrags“ nach. Der im Sommer 2015 geschlossene Vertrag sieht vor, dass die Mitarbeiter auf Teile des Lohns verzichten und mehr Stunden arbeiten, als im Flächentarifvertrag vorgesehen.

Überhaupt sind IG Metall und Betriebsrat wegen des Umgangs der Geschäftsführung mit dem „Zukunftstarifvertrag“ verärgert. Die Arbeitnehmervertreter werfen Prevent und dem Management Vertragsbruch vor. So seien vereinbarte Lohnerhöhungen nicht gezahlt worden. Die IG Metall droht nun mit dem Arbeitsgericht. Außerdem sei Atlantis Foundries, die südafrikanische Tochter der Neuen Halberg Guss, aus dem Unternehmen herausgelöst und Prevent zugeordnet worden – als „sachliche Dividende“, wie es Selzer formuliert. Solche Ausschüttungen schließt der Vertrag seiner Auffassung nach aus.

Patric Hallmann ist erschüttert über all das, was er auf der Betriebsversammlung gehört hat. Der 49-jährige Saarbrücker spricht sicherlich für viele, wenn er sagt: „Ich mache mir Gedanken über meine Familie, über mein Haus, das ich zu bezahlen habe, und um meinen Arbeitsplatz.“

Bei der Betriebsversammlung am Werkstor informierten Betriebsrat und Gewerkschaft über ihre nächsten Schritte.
Bei der Betriebsversammlung am Werkstor informierten Betriebsrat und Gewerkschaft über ihre nächsten Schritte. FOTO: BeckerBredel