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„Für mein Land, für meine Kinder“

Céline lässt sich in der Nähe von Grenoble zur Reservistin ausbilden. Foto: Longin
Céline lässt sich in der Nähe von Grenoble zur Reservistin ausbilden. Foto: Longin FOTO: Longin
Paris. Der Terror hat das Leben der Franzosen verändert. Viele wollen nicht nur zuschauen, sondern etwas tun gegen die Bedrohung. Tausende Freiwillige unterstützen inzwischen die Armee und opfern dafür Urlaub und Wochenenden. Christine Longin

An den 14. November 2015 erinnert sich Céline noch genau. Es war der Tag nach den Anschlägen in Paris . Der Tag, an dem das ganze Land unter Schock stand. Céline ging an diesem Tag auf die Herbstmesse, die jedes Jahr in Grenoble stattfindet. Und auf der Veranstaltung, wo Küchen ebenso verkauft werden wie Hundehalsbänder, fand sie, was sie suchte: einen Stand der Rekrutierungsstelle der Armee . "Es lag einfach auf der Hand, dass ich mich engagieren muss. Für mein Land, für meine Kinder", sagt die schmale blasse Frau, die acht Monate nach dem denkwürdigen Tag bereits eine Uniform trägt. Im Lager Chambaran, rund eine Autostunde von Grenoble entfernt in den Alpen gelegen, lässt sie sich als Reservistin ausbilden.


Xavier betreute am 14. November den Stand der Armee auf der Herbstmesse. Und auch der Vize-Kommunikationsoffizier des 93. Regiments der Gebirgsartillerie, der wie die anderen Soldaten aus Sicherheitsgründen nur seinen Vornamen nennt, erinnert sich genau: "Die Leute kamen, um ihre Trauer auszudrücken. Sie wollten wissen, wie es nun weitergehen soll." Besucher, die sich wie Céline schon ganz konkret für die "réserve operationelle" interessierten, waren dagegen selten. Für die 35-Jährige hatte der Angriff auf den Konzertsaal Bataclan den Ausschlag gegeben. "Ich habe gemerkt, dass so ein Attentat jeden treffen kann."

Ihr Mann unterstützt ihre Entscheidung, Reservistin zu werden. Auch die beiden neun und elf Jahre alten Kinder wissen Bescheid. "Meine Tochter dachte, ich ziehe in den Krieg. Wir haben sie beruhigt, aber das, was ich mache, ich schon gefährlich", sagt die Schreinerin, die eine kleine Renovierungsfirma in der Nähe von Grenoble betreibt. Die Soldaten, die seit den Anschlägen im vergangenen Jahr Touristenattraktionen, Bahnhöfe und Museen bewachen, sind leicht auszumachende Ziele. Nach dem Ende ihres ersten Ausbildungsjahres wird Céline ebenfalls mit ihrer zehn Kilogramm schweren kugelsicheren Weste und dem Sturmgewehr in Grenoble und anderswo stehen.

Auch Jean-Philippe gehört seit mehr als 20 Jahren zur "réserve operationelle" mit ihren insgesamt rund 28 000 Mitgliedern, die rund vier Wochen im Jahr die Armee verstärken. In diesem Sommer verzichtet der Offizier mit dem graumelierten Bürstenschnitt auf seinen Urlaub, um Céline und 48 andere Freiwillige zu schulen. Céline ist die Älteste in dem Kurs, der zu einem Viertel aus Frauen besteht, denn die Altersgrenze für Reservisten liegt bei 35 Jahren. Die Gruppe ist diesmal besonders groß - aufgrund der Anschläge . "Nach jedem Ereignis haben wir einen neuen Spitzenwert an Nachfragen. Auch nach Nizza", sagt Jean-Philippe. Bevor die Kandidaten, etwa drei Viertel davon Studenten, ihre Ausbildung antreten, werden sie auf Herz und Nieren geprüft. Nicht nur sie selbst, sondern auch ihr Umfeld darf keine "Sicherheitslücken" aufweisen.

Jean-Philippe ist im zivilen Leben bei einer kleinen Firma im Großraum Grenoble angestellt, die medizinische Geräte herstellt. Doch sein Unternehmen gehört zu jenen, die mit dem Verteidigungsministerium einen Vertrag geschlossen haben und die Reservisten unbürokratisch freistellen. 13 Tage lang bringt der Hauptmann in diesem Sommer den Rekruten die Grundlagen der Armee bei. Danach folgen noch mehrere Wochenenden übers Jahr verteilt. Schon am vierten Tag steht der Umgang mit der Waffe auf dem Stundenplan, denn meist entscheidet sich daran, ob die Freiwilligen die Ausbildung fortsetzen. Fünf haben den Kurs nach ein paar Tagen abgebrochen. "Manche haben eine psychologische Barriere beim Schießen", sagt der Ausbildungsleiter. "Andere führen sich auf, als wären sie im Wilden Westen."



Auch Céline fiel das Schießen schwer. "Ich habe mir viel Druck gemacht", gesteht die zarte Frau mit der tätowierten schwarzen Rose auf dem Unterarm, die in ihrer Uniform noch etwas verloren wirkt. Auf Zeit müssen die Rekruten aus verschiedenen Position feuern können. "Das ist wichtig für die Operation Sentinelle", erklärt Xavier. Von "Sentinelle", dem Wachposten, ist derzeit viel die Rede in Frankreich. Der Einsatz von 10 000 Soldaten im Inneren, darunter viele Reservisten, begann nach den Anschlägen Anfang 2015. Inzwischen heißen ihn fast 80 Prozent der Franzosen gut. "Die Leute haben kapiert, dass wir dazu da sind, sie zu beschützen", sagt Xavier.

Auch Céline ist von dieser Mission überzeugt. Hat sie Angst? "Ich kann nicht sagen, dass ich keine Angst habe", gibt sie offen zu. "Aber wir sind Soldaten."