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Front National könnte wieder zum Wahlsieger werden

Paris/Metz. Das politische Frankreich ist hypernervös. Dabei geht es eigentlich nur um die erste Runde der Départementswahlen. Dennoch könnte das Ergebnis das Nachbarland erschüttern. clo/rob

Rote, gelbe und blaue Punkte sind ziemlich gleichmäßig über Frankreich verteilt. Die "Karte der Entgleisungen" nennt die Zeitung "Libération" den bunten Mix. Denn jeder der rund hundert runden Flecken markiert einen Ort, wo es zu islamfeindlichen, antisemitischen oder rassistischen Beleidigungen von Kandidaten des Front National gegen Muslime , Juden, Schwule und Ausländer kam. So hetzte beispielsweise Thierry Kern gegen die "Scheiß-Muslime, die wir loswerden müssen". Kern, gegen den die Anti-Rassismus-Organisation SOS Racisme Anzeige erstattete, tritt trotzdem bei der Départementswahl am Sonntag in Brunstatt bei Mulhouse an.

Auf landesweit rund 30 Prozent soll der FN Umfragen zufolge kommen. Damit wäre die rechtspopulistische Partei von Marine Le Pen zum zweiten Mal nach den Europawahlen die stärkste Kraft in Frankreich, knapp vor dem konservativen Lager und deutlich vor den Sozialisten . Das Mehrheitswahlrecht dürfte zwar verhindern, dass die Partei, die offen einen Einwanderungsstopp und den Ausstieg aus dem Euro fordert, mehr als ein oder zwei der 101 französischen Départements gewinnt. Doch das Ergebnis wäre ein Zeichen für die Dynamik, die die Rechtspopulisten seit vier Jahren trägt.

Und genau gegen diese Dynamik kämpft Regierungschef Manuel Valls erbittert. "Verloren sind nur die Schlachten, die man gar nicht erst geschlagen hat", sagte der Sozialist im Wahlkampf im Norden des Landes. Dort, in der alten Arbeiterregion um Lille, ist der FN besonders stark. Denn die Menschen sind enttäuscht von der Politik der Regierung, die die Arbeitslosigkeit nicht in den Griff bekommt. Die Sozialisten , die bisher mit den Linksparteien 60 der Départements kontrollieren, dürften mindestens 30 davon an das konservative Lager verlieren.

Doch die Konservativen können sich nicht so richtig am Niedergang des Erzfeindes freuen, denn die neue Konkurrenz kommt von rechts außen. "Es gibt vor allem auf lokaler Ebene eine wachsende Durchlässigkeit zum FN", beschreibt der FN-Experte Jean-Yves Camus das Wahlverhalten der Konservativen. Bei der Nachwahl im ostfranzösischen Doubs stimmten im Februar 49 Prozent der Wähler der UMP in der zweiten Runde für die Kandidatin des FN. Auch in der Stichwahl der "Départementales" am 29. März müssen sich die UMP-Anhänger in einigen Wahlkreisen zwischen FN und PS entscheiden, wenn der eigene Kandidat in der ersten Runde ausscheidet. "Weder/noch" lautet die Parole, die die Parteispitze im Februar ausgab. Doch unumstrittenen ist diese Haltung nicht, die Parteichef Nicolas Sarkozy schon bei den Wahlen 2011 vertrat. So plädiert beispielsweise Ex-Außenminister Alain Juppé dafür, in solchen Fällen mit den Sozialisten eine "republikanische Front" gegen den FN zu bilden.

Auch im lothringischen Dépar-tement Meurthe-et-Moselle könnte der Front National laut einer Umfrage des Meinungsforschungsinstituts "Election-Scope" als Sieger hervorgehen. In ganz Lothringen könne die Partei 17 von 157 Kantonen für sich gewinnen, so die Prognose.