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Mindestens 26 Fälle
Frankreich rätselt über die Kinder ohne Arme

Wie Louis Laissy, hier mit seiner Mutter, wurden mindestens 25 weitere Kinder in Frankreich zwischen 2000 und 2014 ohne Hand geboren.
Wie Louis Laissy, hier mit seiner Mutter, wurden mindestens 25 weitere Kinder in Frankreich zwischen 2000 und 2014 ohne Hand geboren. FOTO: picture alliance/dpa / dpa Picture-Alliance / Laurent Thevenot
Paris. In drei ländlichen Regionen werden auffällig viele Kinder mit Fehlbildungen geboren. Umweltschützer vermuten Pestizide als Ursache. Von Christine Longin

Louis Laissy ist ein kleiner Junge mit dunklen Haaren und einer dunkel gerahmten Brille. Er sitzt neben seiner Mutter auf dem schwarzen Ledersofa und schaut ernst in die Kamera. Der Sechsjährige wird in diesen Tagen viel gefilmt und fotografiert, denn ihm fehlt eine Hand. So wie mindestens 25 anderen Kindern in Frankreich. Die Geschichte der zwischen 2000 und 2014 geborenen „Babys ohne Arme“ sorgt für Aufregung, weil sie sich auf einige wenige Regionen konzentriert. 18 der Fälle wurde im Departement Ain registriert, nordöstlich von Lyon. Acht allein rund um das Dorf Druillat, wo auch Axelle Laissy, die Mutter von Louis, während der Schwangerschaft wohnte. „Wir leben auf dem Land und sind von Feldern umgeben. Kann das von den Pestiziden kommen? Das fragen wir uns“, sagte sie dem Fernsehsender BFMTV. Ein Gendefekt wurde bei ihrem Sohn ebenso wie bei den meisten anderen Kindern bereits ausgeschlossen.


Für den Grünen-Politiker Yannick Jadot ist die Ursache klar. „Es ist sehr wahrscheinlich, dass diese Fehlbildungen mit dem Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zusammenhängen“, bemerkte er im Radio. „Alle betroffenen Familien haben am Rand von Mais- oder Sonnenblumenfeldern gewohnt.“ Die Kinder erinnern mit ihren Fehlbildungen an den Contergan-Skandal. In den 50er und 60er Jahren wurden mehr als 10 000 Kinder ohne Arme geboren, nachdem ihre Mütter ein Schlafmittel mit dem Wirkstoff Thalidomid genommen hatten.

Was diesmal die Hände der Kinder im Mutterleib verstümmeln ließ, soll nun eine landesweite Untersuchung klären, die Gesundheitsministerin Agnes Buzyn ankündigte. „Wir können erst zufrieden sein, wenn wir die Ursachen gefunden haben. Ich denke, ganz Frankreich will es wissen“, sagte die Ärztin. Allerdings gibt es nur sechs regionale Register, die Fehlbildungen erfassen und nur ein Fünftel des Landes abdecken. Einige Fälle sind deshalb möglicherweise noch gar nicht bekannt geworden. Auch Axelle Laissy meldete sich erst, als sie von den anderen Kindern hörte, die dasselbe Schicksal wie ihr Sohn haben.



Bisher sind neben dem Departement Ain die Region Loire-Atlantique und die Bretagne betroffen, wo es ebenfalls eine Konzentration rund um zwei Gemeinden gibt. In Druillat und Umgebung spekulieren die Einwohner über die Ursachen der ungewöhnlichen Häufung. „In den Teichen der Dombes, die regelmäßig für die Getreidefelder abgepumpt werden, muss man sich nur die Pestizide anschauen. Die sind sicher nicht gut für die Gesundheit“, sagte ein Vater der Zeitung „Le Parisien“.

Der Leiter des örtlichen Bauernverbandes wehrte sich umgehend gegen die Unterstellungen: „Es ist nicht gut, mit dem Finger auf eine Berufsgruppe zu zeigen.“ Die betroffenen Familien äußern inzwischen offen den Verdacht, dass die Behörden jahrelang keinen Ehrgeiz zeigten, die Fälle aufzuklären. Denn schon 2011 machte die Leiterin des regionalen Registers für vorgeburtliche Missbildungen (Remera) auf die Häufung der ohne Hände oder Unterarme geborenen Kinder rund um Druillat aufmerksam. In einem 2015 veröffentlichten Bericht vermutete Emmanuelle Amar eine Substanz, „die in der Landwirtschaft oder der Tiermedizin benutzt wird“, als Ursache und forderte eine groß angelegte Untersuchung. Doch ihr Bericht verschwand in einer Schublade, bis vor vier Wochen der Fernsehsender France 2 über die „Babys ohne Arme“ berichtete.

Die Bilder alarmierten zwar die Öffentlichkeit, ließen aber die Gesundheitsbehörde kalt. „Nach der Untersuchung der sieben berichteten Fälle im Departement Ain, die zwischen 2009 und 2014 geboren wurden, zeigt die statistische Analyse keinen übergroßen Anteil im Vergleich zum nationalen Durchschnitt. Da es keine Hypothese für eine gemeinsame Ursache gibt, müssen keine zusätzlichen Nachforschungen angestellt werden“, hieß es in einem Anfang Oktober veröffentlichten Bericht.

Erst als sich immer mehr Mütter wie Axelle Laissy meldeten und endlich Aufklärung forderten, schaltete sich die Gesundheitsministerin ein. Erste Ergebnisse ihrer landesweiten Untersuchung werden Ende Januar erwartet. Dann wird auch die Familie Laissy Klarheit bekommen.