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Europawahl 2019
Satiriker Sonneborn will die AfD jagen

2014 feierte Martin Sonneborn den Einzug ins Straßburger Parlament. 2019 wagt er einen neuen Anlauf.
2014 feierte Martin Sonneborn den Einzug ins Straßburger Parlament. 2019 wagt er einen neuen Anlauf. FOTO: Patrick Seeger/epa/dpa / Patrick Seeger
Brüssel. Der EU-Abgeordnete und Spaßvogel tritt bei der Europawahl wieder an. „Die Partei“ kündigt eine Kandidatenliste mit Nazi-Namen an. Von Detlef Drewes

Wenn es nach ihm gehen würde, dann müsste dieser Beitrag vermutlich so beginnen: „Paukenschlag in Brüssel: Sonneborn macht weiter.“ Immerhin hatte Martin Sonneborn (53), Satiriker, Chef der Spaß-Partei „Die Partei“ und Europa-Abgeordneter seit 2014, den gestrigen Mittwoch vor dem Ende der EU-Sommerpause ausgewählt, um sich ohne Ablenkung durch andere Brüsseler Termine wieder zu Wort melden.


Gemeinsam mit dem von der ZDF-Satiresendung „heute-show“ bekannten Kabarettisten Nico Semsrott (32) wolle er ein „Kandidaten-Duo“ bei der Europawahl 2019 bilden und einen „Präsidentschaftswahlkampf nach amerikanischem Vorbild“ führen. Man habe sich mit dem Spiel „Schere-Stein-Papier“ darauf geeinigt, dass Sonneborn für den Spitzenjob der Kommission antrete, Semsrott wolle den Chefsessel des Parlaments erobern. Das Wahlziel bestehe darin, der AfD Wähler abzujagen. Und da Satire gerne auch mal böse sein soll und wehtun muss, kündigten beide eine Kandidaten-Liste mit Parteimitgliedern an, die die gleichen Nachnamen wie bekannte Nazis tragen: Göbbels, Göring, Speer oder Eichmann. Das sei ein probates Mittel, um „verwirrte CSU-Wähler“ und „demente CDU-Wähler“ einzufangen.

Sonneborn setzt seinen Versuch, die EU zu entlarven und ihre Vertreter öffentlich zu brüskieren, also fort. Vor vier Jahren hatten 0,6 Prozent der deutschen Wähler für die 2004 gegründete „Partei“ gestimmt – ohne eine Sperrklausel, die das Bundesverfassungsgericht zuvor gekippt hatte, reichte dies für einen Sitz im Straßburger Plenum. Dennoch ging Sonneborns Plan nicht auf. Denn eigentlich hatte er angekündigt, sich „vier Wochen lang intensiv auf seinen Rücktritt“ vorzubereiten. Denn: „Wir werden versuchen, monatlich zurückzutreten, um 60 Parteimitglieder durchzuschleusen durch das EU-Parlament. Das heißt, dass jedes dieser Mitglieder einmal für 33 000 Euro im Monat sich Brüssel anschauen kann und dann zurücktritt und noch sechs Monate lang Übergangsgelder bezieht.“



Doch aus dem spaßigen Rotationsprinzip wurde nichts. Die Geschäftsordnung des hohen Hauses machte das Vorhaben zunichte. Sonneborn blieb, wurde Mitglied im Ausschuss für Kultur und Bildung sowie in der Delegation für die Beziehungen zur Koreanischen Halbinsel. „In der vergangenen Woche habe ich zwei Mal 60 Sekunden gearbeitet“, erzählte der Verfechter beißender Ironie in einem Gespräch wenige Monate nach seiner Wahl.

Seither ließ er keine Gelegenheit aus, um mit Spott und Zynismus die Politik der etablierten Parteien durch den Kakao zu ziehen. „Aus Gründen möchte ich einmal darauf hinweisen, dass es verboten ist, Marschflugkörper in fremde Länder zu schießen“, sagte er Ende April in der Plenardebatte zu Syrien. Und Sonneborn schlug für den Fall einer Beteiligung der Bundeswehr vor, dass diese „höchstens defektes Militärgerät auf Assads Palast abwerfen“ könne.

Das Echo auf solche Auftritte bleib allerdings stets überschaubar. Zum einen konnten viele nicht-deutschsprachigen Volksvertreter die spitzfindigen Formulierungen und Anspielungen trotz Übersetzung nicht nachvollziehen. Die etablierten Parteien sahen in den Auftritten des Satirikers lediglich den Versuch, die EU lächerlich zu machen.

Für Sonneborn dürfte die nächste Europawahl (in Deutschland wird am 26. Mai 2019 abgestimmt) die letzte Chance auf ein Mandat sein. Ab 2024 soll es eine europaweite Sperrklausel von zwei Prozent geben, die den Einzug von Splitterparteien in das Plenum verhindert.