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Juncker für EU-Staatsakt
Europa verneigt sich vor dem Einheitskanzler

Mit Kerzen, Blumen und Banner, niedergelegt vor dem Haus des verstorbenen Helmut Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim, zollen die Menschen dem Altkanzler ihren Respekt. ⇥Foto: Schmidt/dpa
Mit Kerzen, Blumen und Banner, niedergelegt vor dem Haus des verstorbenen Helmut Kohl in Ludwigshafen-Oggersheim, zollen die Menschen dem Altkanzler ihren Respekt. ⇥Foto: Schmidt/dpa FOTO: Christoph Schmidt / dpa
Brüssel/Berlin. Regierungschefs und Präsidenten werden nach ihrem Tod mit einem Staatsakt gewürdigt. Bei Helmut Kohl soll es etwas mehr werden. Von Verena Schmitt-Roschmann, Christiane Jacke und Jörg Blank

(dpa) Jean-Claude Juncker nannte Helmut Kohl einmal „den größten Europäer, den ich im Laufe meines Lebens kennenlernen durfte“. Nach Kohls Tod am Freitag war der EU-Kommissionspräsident einer der ersten, der öffentlich um den Altkanzler trauerte. Jetzt will er dem Verstorbenen eine Ehre zuteil werden lassen, die es so noch nie gab: einen europäischen Staatsakt.

Die EU ist kein Staat. Der Begriff Staatsakt ist deshalb eigentlich schief. Eine solche Trauerzeremonie im Namen der EU, wie sie nun binnen zwei Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden soll, ist in den europäischen Verträgen auch nirgends vorgesehen. Es war Junckers ganz persönlicher Vorschlag zur Würdigung eines Mannes, den er auch als engen Freund und Förderer bezeichnet. Die Begründung liege auf der Hand. „Helmut Kohl hat das europäische Haus mit Leben erfüllt“, schrieb er am Freitag. Der CDU-Mann war auch einer von nur drei europäischen Ehrenbürgern – neben dem europäischen Gründervater Jean Monnet und dem früheren Kommissionspräsidenten Jacques Delors.

Aber auch in Deutschland dürfte es wohl eine größere Trauerzeremonie geben. Die „Bild“ berichtet, direkt nach den Feierlichkeiten in Straßburg sei in Kohls Heimat Rheinland-Pfalz eine Totenmesse geplant – im Speyerer Dom, einem symbolträchtigen Ort in Kohls Leben. Dort suchte er als Junge im Zweiten Weltkrieg Schutz vor Fliegerangriffen, dorthin führte er später als Kanzler zahlreiche Staats- und Regierungschefs. Und dort war 2001 die Totenmesse für seine erste Frau Hannelore. Der Sarg mit Kohls Leichnam soll mit dem Schiff ein Stück weit auf dem Rhein zum Dom gebracht werden – ähnlich wie 1967 beim Trauerstaatsakt für den früheren Kanzler Konrad Adenauer. Damals entstanden monumentale Bilder.

Die Bundesregierung und das Präsidialamt hielten sich zunächst bedeckt zu alldem. Das Wochenende über liefen Gespräche zwischen Berlin und Brüssel, mit der Familie und Vertrauten von Kohl. Diese sind weit gediehen, gehen zu Wochenbeginn aber weiter. Erst wenn die Abstimmung mit Kohls Witwe komplett abgeschlossen ist, dürfte Berlin offiziell bekanntgeben, was geplant ist.

Gerade weil es so etwas noch nicht vorher gab, ist der Klärungsbedarf groß. Staatsbegräbnisse und Trauerstaatsakte in Deutschland folgen detaillierten protokollarischen Vorgaben. Der Bundespräsident muss einen Staatsakt anordnen, um die Organisation kümmert sich meist das Innenministerium. Aber wie ist es bei einem Trauerakt auf EU-Ebene? Wer ordnet da an, wer organisiert? Und ersetzt diese Veranstaltung einen Staatsakt in Deutschland?

Und: Sollte der Sarg Kohls dann in Straßburg aufgebahrt werden, wie bei Staatsakten üblich, wie wird er dann schnell genug zur Trauerfeier nach Deutschland transportiert? Und wer könnte die Reden halten? Ein früherer Weggefährte Kohls, etwa Ex-Kreml-Chef Michail Gorbatschow und Ex-US-Präsident George Bush senior, mit denen Kohl die Deutsche Einheit ausgehandelt hatte. Oder doch der EU-Kommissionschef?