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"Es ist ein Totspielen"

Alex versucht, in der Klinik in Münchwies von seiner Sucht loszukommen. Foto: Iris Maurer
Alex versucht, in der Klinik in Münchwies von seiner Sucht loszukommen. Foto: Iris Maurer
Neunkirchen. "Man spielt bis zum Umfallen. Wenn man aufwacht, setzt man sich wieder an den Rechner und zockt, bis es nicht mehr geht", sagt der 34-jährige David (Name geändert). "Es ist ein Totspielen", fügt der 19-jährige Alex hinzu Von SZ-Redaktionsmitglied Maria Wimmer

Neunkirchen. "Man spielt bis zum Umfallen. Wenn man aufwacht, setzt man sich wieder an den Rechner und zockt, bis es nicht mehr geht", sagt der 34-jährige David (Name geändert). "Es ist ein Totspielen", fügt der 19-jährige Alex hinzu. Seit Kurzem wohnen die beiden in einem Zimmer in der Fachklinik in Münchwies bei Neunkirchen, machen eine zwölfwöchige Therapie - gegen Spielsucht oder "pathologischen PC-Gebrauch", so der Fachbegriff. Beide haben über Jahre Online-Rollen-Spiele gespielt, haben also gegen andere Nutzer gespielt. "Spielen ist wie ein Rausch, es macht den Kopf leer", sagt David, der "alles spielte, was vorbeikam", vor allem aber "Counterstrike". Darin trat er als "Sniper" (Scharfschütze) gegen andere Teams an. Eine Welt neben der Welt sei das gewesen. "Je mehr man spielt, desto mehr läuft das eigene Leben aus dem Ruder", so David.


Seine Freundin habe versucht, ihn davon abzubringen, als störend habe er das empfunden. Heute macht ihn das traurig. Als das Spielen sein Studium gefährdete, versuchte er aufzuhören. "Aber der Sog hat mich immer wieder weggezogen."

Auch Alex wollte aufhören, weil er sich nicht mehr wohlfühlte und seine Lehre vernachlässigte. Er spielte meist nachts, ernährte sich von Pizza und nahm schnell zu. In Münchwies angekommen, mussten sie erst alle ihre Spiele abgeben. Nicht umsonst wohnen die Patienten zu zweit. "Anfangs war es schwierig, den Augenkontakt zu halten. Man wusste nicht, worüber man reden sollte", sagt Alex. Jetzt haben sie endlich Zeit - für Sport-, Ergo- und Gruppentherapie und Spaziergänge im Wald. Zeit, die Strahlen der Sonne zu genießen, die früher so lästig war, weil "sie auf den Bildschirm schien".



Als "eine geile Grafik" habe ein Patient die Sonne einmal beschrieben, sagt Petra Schuhler, Psychologin und Leiterin des Bereichs Computersucht. Seit der Klinik-Gründung im Jahr 1999 wurden hier über 100 vorwiegend männliche Patienten behandelt, das Durchschnittsalter liegt bei 27. Als spielsüchtig gilt laut Schuhler jemand, der mehr als 30 Stunden pro Woche vor dem PC verbringt.

Es seien vor allem junge Männer mit sozialen Ängsten, Selbstwert- und Kontaktproblemen und Mobbing-Erfahrungen, die anfällig für Spielsucht sind, so Schuhler. "In einer Zeit, in der die männliche Identität unklar ist, bietet das Internet Rollenstereotypen an", erklärt Schuhler. Im Onlinespiel sei es einfacher, Erfolg zu haben, sich stark zu fühlen. Aggression könne leichter ausgelebt werden. "Wenn mich jemand stört, kann ich ihn einfach wegdrücken, ohne seine Reaktion abzuwarten." Zudem sei das Onlinespiel ständig verfügbar. "Man verliert jedes Zeitgefühl. Manchmal saß ich 20 Stunden am Rechner", sagt David. So wird die virtuelle Welt zur vertrauten Welt. Die reale Welt dagegen, von Spielsüchtigen "in-real-life" oder "IRL" genannt, wird bedrohlich. Psychologen sprechen von "Immersion", das heißt, die virtuelle Welt wird der realen Welt gegenüber bevorzugt. "Ich konnte mich auf nichts mehr konzentrieren, aber sobald ich spielte, funktionierte alles wieder", sagt David. Ziel der Therapie ist, diese virtuelle Welt zu hinterfragen, Ängste aufzuarbeiten und das echte Leben wieder schätzen zu lernen.