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Streiks im Saarland
„Es ist an der Zeit, etwas zurückzugeben“

Am Donnerstagmorgen sind 8000 Beschäftigte von Ford Saarlouis und dem Industriepark in den 24 stündigen Warnstreik getreten.
Am Donnerstagmorgen sind 8000 Beschäftigte von Ford Saarlouis und dem Industriepark in den 24 stündigen Warnstreik getreten. FOTO: Ruppenthal
Homburg/Saarlouis/Saarbrücken. Wie die IG Metall mit 24-stündigen Warnstreiks an der Saar attraktivere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten durchsetzen will. Von Thomas Sponticcia
Thomas Sponticcia

So sieht Entschlossenheit aus. An den Werkstoren von Bosch stehen nur noch Streikposten, wo sonst rund um die Uhr rund 4700 Mitarbeiter Einspritzdüsen für Dieselmotoren bauen. „Der Betrieb ist leer, die Beteiligung an unserer Warnstreik-Aktion ist riesig“, sagt Bosch-Betriebsratschef Oliver Simon, als am Donnerstagabend um 22 Uhr die Spätschicht im Streiklokal „Musikpavillon“, der früheren Discothek „Village“, im Homburger Industriegebiet eintrifft.



Die mächtigste Einzelgewerkschaft Deutschlands, die IG Metall, überlässt nichts dem Zufall. Sogleich wird auch optisch die Motivation für den Beschluss gestärkt, die Arbeit niedergelegt zu haben. Auf großen Monitoren laufen in Dauerschleife die Bilder vom Auftakt des 24-stündigen Warnstreiks am gleichen Morgen um 5 Uhr bei den Kollegen des Autozulieferers ­Schaeffler. Die Gewerkschaft sieht sich in ihrem Kurs bestätigt. Es gibt jeweils über 90 Prozent Zustimmung von Belegschaften zu solchen Warnstreik-Aktionen: ob bei ZF in Saarbrücken und Wellesweiler oder auch bei Ford in Saarlouis.

Im Streiklokal grüßen die Streikposten mit ihren Transparenten in Großaufnahme von den Monitoren. Zugleich läuft zum Wachhalten Popmusik. Auch hier dröhnt nicht zufällig immer wieder der Song „Under Pressure (unter Druck)“ der legendären Pop-Gruppe Queen  aus den Lautsprechern.

Das alles hat System. Die Gewerkschaft erhöht seit Mittwoch bundesweit erstmals mit 24-stündigen Warnstreiks den Druck auf die Arbeitgeber, die zeitgleich vor Gericht gegen die Streiks vorgehen. Joachim Malter, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie (ME) Saar, prognostiziert, dass die Arbeitgeber am Ende der grundsätzlichen juristischen Prüfung solcher Streiks, die noch einige Monate dauern kann, Schadensersatz bei der IG Metall durchsetzen können.

Noch mehr stößt den Arbeitgebern jedoch offensichtlich auf, dass aus ihrer Sicht die Gewerkschaften gemeinsam mit den Beschäftigten die Verhältnisse in der Arbeitswelt auf den Kopf stellen wollen. Nicht mehr die Arbeitgeber sollen über die Arbeitszeit bestimmen, sondern die Arbeitnehmer wollen sich in einer modernen Arbeitswelt ein Stück Zeitsouveränität nehmen. Die IG Metall hat deshalb erstmals auch die Forderung aufgestellt, Arbeit für zwei Jahre auf Teilzeit reduzieren zu können, wenn man einen Familienangehörigen pflegen will. Oder sich auch stärker um die Kindererziehung kümmern will. Verbunden mit dem Recht, nach zwei Jahren wieder auf Vollzeit zurückkehren zu können. Und einem finanziellen Zuschuss für Härtefälle in der Pflegephase. Auch diese Teilzeitforderung halten die Arbeitgeber für rechtswidrig. In den Belegschaften stößt sie jedoch, so der Tenor im Homburger Streiklokal, auf riesiges Interesse.



Bundesweit stehen in der Autoindustrie und bei ihren Zulieferern, der Herzkammer Deutschlands für Wohlstand und Wachstum, die Produktionsbänder still: ob bei Daimler, Volkswagen oder Porsche. Auch in der Luft-,Raumfahrt und Werftindustrie ruht die Produktion. Über 250 Betriebe werden bestreikt. Bei den Homburger Bosch-Leuten hört man eindeutige Argumente für diesen Streik. Flexibilität könne heute nicht nur heißen, dass die Mitarbeiter bei Bedarf der Unternehmen mehr arbeiten. Axel Busch (52), der schon 35 Jahre bei Bosch in Homburg ist, drückt es so aus: „Es ist Zeit, etwas zurückzugeben.“

Das meint er gleich in mehrfacher Hinsicht. Beschäftigte müssten im Gegenzug für ihre Flexibilität, bei Auftragsspitzen mehr zu arbeiten, umgekehrt auch endlich das Recht bekommen, für eine bestimmte Zeit ihre Arbeit auch reduzieren zu dürfen. Busch  versteht zugleich unter Zurückgeben auch, dass die Kinder heute ihren Eltern etwas zurückgeben. „Der Mensch ist heute gezwungen, die Pflege selbst zu übernehmen, weil es meistens zu teuer ist, eine Hilfe zu beschäftigen oder den Betroffenen in ein Pflegeheim zu geben. Deshalb bin ich davon überzeugt, dass wir wieder in die Tradition der Großfamilie kommen, in der man sich gegenseitig unterstützt. So wie früher. Anders geht es nicht.“ Man brauche jetzt flexiblere Lösungen, sagt auch Kristin Zöllner (29), die in der Logistik tätig ist. Das Durchschnittsalter  der Bosch-Beschäftigten sei 48. Gerade älteren Mitarbeitern, die teilweise schon Jahrzehnte im Schichtdienst arbeiten, müsse man die Möglichkeit eröffnen, weniger zu arbeiten und gleichzeitig auch die Eltern pflegen zu können. Es gehe ja nicht um einen unbefristeten Anspruch auf Teilzeit und auch nicht darum, dass große Teile der Belegschaft dies in Anspruch nehmen wollen.

Alex Kreutz (48), Beschäftigter bei Bosch Rexrodt, geht das Thema besonders nah. Sein Vater war jahrelang ein Pflegefall und die Mutter habe ihn weitgehend alleine gepflegt, gemeinsam mit der Schwester. „Ich konnte nicht genug eingreifen“, sagt er nachdenklich im Rückblick. „Ich musste arbeiten und Geld verdienen. Und ich weiß auch, wie schwierig es generell ist, wenn man in Teilzeit wechselt und anschließend wieder in Vollzeit arbeiten will. Solche Fälle haben wir derzeit auch wieder im Unternehmen“, sagt Kreutz, der Vorsitzender des Vertrauensleute von Bosch Rexrodt sowie Mitglied in der Tarifkommission ist. Die Arbeitgeber wollten solche Wechsel in der Regel nicht. Aber sie müssten jetzt umdenken, auch im Zeitalter von Fachkräften, die sich den attraktivsten Arbeitgeber selbst aussuchen. Ein Betrieb ohne flexiblere Arbeitszeiten auch zu Gunsten der Arbeitnehmer sei in einer modernen Gesellschaft nicht attraktiv.

In einem Punkt sind sich viele Streikende nicht einig, der Frage nach der Finanzierung. Hauptsache sei jetzt als erster Schritt, dass die neuen Instrumente angeboten werden. Ob dann nur der Arbeitgeber oder auch der Arbeitnehmer und möglicherweise zusätzlich noch der Staat an der Finanzierung beteiligt wird, das müssten die Tarifpartner klären, sofern sie sich wieder an den Verhandlungstisch setzen. Erste Signale, dass das schon am Montag in der Stuttgarter Liederhalle so sein könnte, gibt es bereits.

Beim Autozulieferer Schaeffler herrscht schon am Donnerstagmorgen gespenstische Ruhe. Ein ungewöhnlicher Tag auch für die Führungskräfte. Schon um 5.25 Uhr fährt Personalleiterin Ker­stin Schiebelhut vor, wird von den Streikposten freundlich begrüßt, lehnt jedoch lächelnd ein Beitrittsformular zur IG Metall ab. „Leider nicht“, sagt sie. Mitglieder der Geschäftsführung und weitere Führungskräfte stehen am Tor, um Arbeitswillige hineinzubegleiten und möglichen Streit zu vermeiden. Es kommen jedoch nicht einmal fünf. Sonst arbeiten rund 2700 Mitarbeiter rund um die Uhr an drei Homburger Standorten. „Schön ist das nicht, wenn jemand reingeht. Und unsolidarisch dazu“, sagt Marion Batz, freigestellte Betriebsrätin. Nicht jede Führungskraft trägt zur Deeskalation bei. Plötzlich fährt eine Geländelimousine vor, dessen Fahrer sich brutal gegen die Fahrt­richtung und über den Bürgersteig hinweg Zugang zum Parkplatz verschafft, wortlos, an den Streikposten vorbei. „Wir stehen hier nicht zum Spaß“, sagt Antje Mütherig, stellvertretende Vertrauensleute-Vorsitzende bei Schaeffler. Als Ordnerin hat sie wenig zu tun, denn zum Schichtwechsel um 6 Uhr kommen nur ein paar Fahrzeuge.

Ralf Reinstädtler, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Homburg-Saarpfalz, besucht jeden Streikposten persönlich, organisiert Kaffee, Brötchen und auch Zelte. Er versteht den großen Widerstand  der Arbeitgeber nicht. „Die Forderung nach der Möglichkeit, Angehörige zu pflegen, ist doch nicht revolutionär.“ Auch an anderen Streikstandorten herrscht Unverständnis: bei ZF ebenso wie bei Ford in Saarlouis. Die Arbeitgeber hätten die Zeichen der Zeit nicht erkannt, sagt Robert Hiry, Erster Bevollmächtigter der IG Metall Völklingen. „Entweder kommt jetzt etwas auf den Tisch, oder wir holen uns, was wir brauchen. Die Stimmung ist da.“ Markus Thal, Betriebsratschef von Ford, stellt klar: „Es handelt sich nicht um Forderungen von Gewerkschaftsfunktionären, sondern von Beschäftigten.“ Gerade auch für Ältere, die jahrzehntelang in der Produktion gearbeitet haben, müsse es Erleichterungen geben. „Ich kenne Leute, die machen seit 1997 Dauernachtschicht. Was glauben Sie, wie die auf dem Zahnfleisch gehen.“ Thal hofft, dass die Tarifpartner wieder schnell zusammenfinden. „Wir wollen keine langen Streiks. Wir haben ein Zeichen gesetzt und verhandeln mit dem klaren Ziel eines Kompromisses.“ Das Ziel könnte aber noch in weiter Ferne sein.

Entschlossenheit auch bei ZF in Saarbrückern, flexiblere Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer durchzusetzen.
Entschlossenheit auch bei ZF in Saarbrückern, flexiblere Arbeitsbedingungen für Arbeitnehmer durchzusetzen. FOTO: Oliver Dietze / dpa
Zusammen mit Kollegen sorgte Chantale Sprunk vor dem Werk von Schaeffler in Homburg für einen geordneten Ablauf des Streiks.
Zusammen mit Kollegen sorgte Chantale Sprunk vor dem Werk von Schaeffler in Homburg für einen geordneten Ablauf des Streiks. FOTO: Thorsten Wolf