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„Es geht um Recht und Gerechtigkeit“

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum will mit einer neuen Kampagne noch lebende Täter des Holocausts aufspüren. Für Hinweise, die zur Ergreifung führen, gibt es Geld. „Ein Kopfgeld“, kritisieren Gegner. Es ist eine „Belohnung“, meint Rechtsanwalt Michel Friedman im Gespräch mit SZ-Redakteur Pascal Becher.

Herr Friedman, ist es wirklich die letzte Chance, Täter des Nationalsozialismus vor Gericht zu bringen?

Friedman: Biologisch gesehen sind die Mörder, die Mitläufer, die Helfershelfer in einem sehr hohen Alter. Viel Zeit bleibt also tatsächlich nicht mehr. Leider hat auch ein Teil der deutschen Justiz viel zu lange viel zu wenig getan, um die Strafverfahren in den letzten Jahrzehnten umzusetzen. Viele ehemalige Nazis konnten so ihre bürgerliche Existenz gemütlich weiterleben, statt ihre Strafe in einem Gefängnis abzusitzen.

Das Simon-Wiesenthal-Zentrum begründet den Zeitpunkt der Aktion auch mit dem Fall John Demjanjuk. Der habe die Rechtslage für eine Anklage in Deutschland maßgeblich verbessert.

Friedman: Nicht ganz. Der Fall erweitert die Rechtslage hierzulande durchaus. Doch um es ganz klar zu sagen: Zu keinem Zeitpunkt sind die Möglichkeiten der deutschen Rechtsprechung voll ausgeschöpft worden, um die im Nationalsozialismus aktiven Menschen zur Verantwortung zu ziehen.

Und das will die Kampagne?

Friedman: Es geht darum, juristisch, politisch, aber auch historisch zu demonstieren - und zwar anhand von konkreten Täterprofilen - dass der Nationalsozialismus nicht vom Mond gefallen ist. Das richtet sich auch besonders an die jüngere Generation. Der Nationalsozialismus war in seiner verbrecherischen Kraft das Ergebnis von hunderttausenden Tätern und Mittätern, Mitläufern und schweigenden Opportunisten. Gleichzeitig geht es um die überlebenden Opfer, die auch alle im hohen Alter sind, und deren Angehörige. Sie wollen eine klare rechtliche Einordnung, wer war Täter und wer war Opfer. Es geht dem Zentrum nicht um Rache, sondern um Recht und Gerechtigkeit.

Aber ist der Weg, ein "Kopfgeld" auszusetzen, der richtige Ansatz, um Gerechtigkeit zu erreichen?

Friedman: Die Frage hat natürlich ihre Berechtigung. Ich widerspreche dem Begriff Kopfgeld aber entschieden. Auch im normalen polizeilichen Alltag werden Schwerkriminelle mit dem Instrument der Belohnung für diejenigen, die einen Hinweis geben können, gesucht und dadurch gefangen. Nichts anderes ist hier der Fall. Und auch in anderen Kriminalfällen wird diese Belohnung von Angehörigen der Opfer erhöht. Würden Sie auch hier von Kopfgeld sprechen? Und daran orientiert sich doch nur das Simon-Wiesenthal-Zentrum.