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Erst Feuer und Flamme, dann ausgebrannt

Nachdenklich dreht Daniela Hofer (Name geändert) ihre Teetasse zwischen den Händen. Sie weiß: Jederzeit könnte sie vom Terrassentisch aufstehen, die Tasse nehmen und ins Haus tragen. Sie auf die Anrichte in der Küche stellen, sie in die Spülmaschine einräumen. Eine alltägliche Handlung. Völlig banal. Doch es gab Zeiten, da konnte sie das nicht mehr Von SZ-Redakteurin Stefanie Marsch

Nachdenklich dreht Daniela Hofer (Name geändert) ihre Teetasse zwischen den Händen. Sie weiß: Jederzeit könnte sie vom Terrassentisch aufstehen, die Tasse nehmen und ins Haus tragen. Sie auf die Anrichte in der Küche stellen, sie in die Spülmaschine einräumen. Eine alltägliche Handlung. Völlig banal. Doch es gab Zeiten, da konnte sie das nicht mehr. Ihrem Körper fehlte der Antrieb, wie einem Auto ohne Benzin. Hofer war ausgebrannt - Burnout-Syndrom. Ganz allmählich schlich es sich in ihr Leben, warf sie aus den gewohnten Bahnen, trieb sie an den Rand der Verzweiflung - und darüber hinaus.


"Wo es anfängt, merkt man meistens erst später", sagt Hofer. Sie lächelt, fast wirkt es ein wenig schuldbewusst, so als hätte sie es früher erkennen müssen. Ende der 90er geht das Familienunternehmen ihres Schwiegervaters Konkurs. Als Letzter zieht ihr Mann die Reißleine und steigt aus. Über dem beruflichen Scheitern zerbricht die Familie, es wird heftig gestritten, dann herrscht Funkstille. Sie und ihr Mann ziehen um, fangen neu an. "Wir standen ganz alleine da." Kurz darauf stirbt ihr Vater. Eine Auszeit, um all das zu verarbeiten, gönnt sie sich nicht. Im Gegenteil, sie stürzt sich noch mehr in ihre Arbeit als Erzieherin, macht auch nicht davor halt, ihre Freizeit dafür zu opfern. "Mein Beruf war mein Ausgleich."

Erste Warnsignale sendet ihr Körper, als Daniela Hofer nach der Geburt ihrer Kinder in den Beruf zurückkehrt. Während der Elternzeit hat sie in Abendkursen eine zweite Ausbildung begonnen. Nun kommt die Arbeit hinzu. Um alles unter einen Hut zu bringen und um vor allem nachmittags für ihre Kinder da sein zu können, beantragt sie, ihre Stundenanzahl zu reduzieren - was der Arbeitgeber ablehnt. Also hetzt Hofer durch ihr Leben, von einem Termin zum nächsten. "Es war schrecklich, und es tat weh, weil ich glaubte, meine Kinder zu vernachlässigen. Ich habe viel geweint", erzählt sie. Die innere Zerrissenheit wirkt sich auch auf ihre Gesundheit aus. "Ich war kraftlos, müde und sehr anfällig für Infekte." Das Gefühl, Familie, Beruf und sich selbst nicht mehr gerecht zu werden, erdrückt sie, bis sie "nur noch funktioniert" - aber nicht mehr lebt.

Im Herbst 2009 wird ein Gallenstein festgestellt, doch für eine Operation ist ihr Körper zu schwach. Also probiert sie es mit einer Methode aus der Naturheilkunde. "Eigentlich sollte man da nach ein, zwei Tagen wieder fit sein." Eigentlich. Doch Hofer bricht zusammen. Krankenschein, für mehrere Monate. Diagnose Burnout. Völlige Erschöpfung - körperlich und seelisch. "Als die Ärztin mir sagte, ich hätte ein Burnout, war das für mich ein Schock", sagt Daniela Hofer. Wie die meisten Betroffenen hat sie - mit Mitte 30 - bis dahin keinen Gedanken daran verschwendet. Ahnte nicht, dass die Krankheiten, die Schlappheit, die Unzufriedenheit die Vorboten des Zusammenbruchs waren. Und wie bei vielen anderen geht die Erkenntnis, ausgebrannt zu sein, mit einem bohrenden Gefühl des Versagens einher. "Ich habe mich die ganze Zeit gefragt, was nur mit mir los ist, warum ich den Anforderungen nicht genügen kann. Das machte es nur noch schlimmer." Ein Teufelskreis.

Bei ihrer Arbeitsstelle fühlt sie sich nicht verstanden. "Ich glaube, sie dachten, ich sei nicht wirklich krank. In der Arbeit habe ich mir ja auch nie was anmerken lassen, war immer fröhlich. Das war falsch." Ein ärztlicher Antrag, ihre Arbeitszeit aus gesundheitlichen Gründen zu reduzieren, wird wieder abgelehnt. Hofer nimmt es hin, "weil ich die Einrichtung einfach liebe". Nur mit dem Chef gibt es Probleme.



Hofer nimmt sich vor, ihren Job zu kündigen, doch sie schafft es nicht. Der Mann selbstständig, das Haus noch nicht abbezahlt - sie hat Existenzängste. Ein halbes Jahr lang geht alles gut, dann beginnt die Abwärtsspirale von Neuem: eine schwere Krankheit ihrer kleinen Tochter, eigene Erkrankungen. Ein Antrag auf Reha - abgelehnt. Ein Rückschlag nach dem anderen. Ihr Arbeitgeber verschiebt ihre Arbeitszeit weiter in den Nachmittag hinein und zweifelt beim Medizinischen Dienst der Krankenkassen (MDK) ihren Krankenschein an. Eine Ärztin des MDK erklärt sie für arbeitsfähig, die Krankenkasse macht Druck.

Nach einem wütenden Telefonat mit einem Mitarbeiter der Krankenkasse erlebt Hofer einen der erschütterndsten Momente ihres Lebens. Sie schreit, weint, wirft alles um sich, was ihr in die Hände kommt, ist völlig außer sich. "Der Druck von allen Seiten war einfach zu groß." Der aggressive Ausbruch ist ihr Ventil - ihre Kinder erleben ihn mit. "Mein Mann hat eine Bekannte angerufen, die sich um mich gekümmert hat, während er mit den Kindern das Haus verlassen hat. Ich stand kurz vor der Einweisung in eine psychiatrische Klinik."

Nach dem zweiten Burnout kündigt Daniela Hofer fristlos. Sie orientiert sich beruflich neu. "Ich habe endlich erkannt, dass ich etwas ändern muss", sagt sie. Das Burnout-Syndrom hat sie in vielerlei Hinsicht zur Außenseiterin gemacht. "In der Arbeit hat mich nie jemand gefragt, was mir wirklich fehlt. Auf die Kollegen wirkte es wohl so, als ob ich schwänze."

Freundschaften sind zerbrochen, weil sie sich verkroch, nicht mehr anrief, nicht mehr ausging. Rückhalt fand sie immer bei ihrem Mann. "Er hat ohne Wenn und Aber zu mir gehalten, mir Mut gemacht, mich zum Arzt gefahren, sich um die Kinder und den Haushalt gekümmert", sagt sie. "Ich hatte oft Angst, dass er die Belastung irgendwann selbst nicht mehr aushält."

Die Erlebnisse der vergangenen Jahre knabbern noch heute an Daniela Hofer. "Ich war nicht mehr ich selbst", sagt sie. Um das zu verarbeiten, macht sie eine Psychotherapie. Auf die Frage, was sie sich für die Zukunft wünscht, folgt ein langes Schweigen. Dann sagt Hofer ruhig: "Normal leben."