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Zeitumstellung
Warum es keinen Flickenteppich von Zeitzonen gibt

Bonn. Einen Flickenteppich aus unterschiedlichen Zeitzonen wird es in der EU sicherlich nicht geben. Dabei ist es aus historischer Perspektive noch gar nicht so lange her, dass jedes Dorf und jede Stadt eine eigene Zeitrechnung hatte. Von Christoph Arens, kna

Einheitlich ticken die Uhren in Deutschland erst seit Ende des 19. Jahrhunderts. Ein wichtiger Antrieb für eine Vereinheitlichung war der Ausbau des Eisenbahnnetzes: Anfangs war jede kleine Eisenbahnfahrt eine Reise durch viele Zeitzonen. Nur in Preußen richtete sich der gesamte Eisenbahnverkehr schon seit 1848 nach der Berliner Zeit. Am 1. April 1893 trat ein von Kaiser Wilhelm II. unterzeichnetes Gesetz in Kraft, mit dem die „mittlere Sonnenzeit des fünfzehnten Längengrades östlich von Greenwich“ im gesamten Deutschen Reich zur einzig gültigen Uhrzeit bestimmt wurde – heute ist sie als Mitteleuropäische Zeit bekannt.


Bis weit ins 19. Jahrhundert richteten sich Bauern, Arbeiter und Handwerker bei ihrer Zeiteinteilung nach Sonnenstand, Klima, Wachstumsperioden der Natur oder der anfallenden Arbeit: Auch für das tägliche Leben im Dorf hatten die Uhren noch bis weit in die Neuzeit nur wenig Bedeutung.

Erfinder einer neuen „Zeitkultur“ wurde, so beschreibt es der Historiker Gerhard Dohrn-van-Rossum in seinem Buch „Geschichte der Stunde“, das städtische Bürgertum des Mittelalters: Mechanische Uhren verbreiteten sich seit 1350 von Italien aus auf dem gesamten Kontinent. Die Kaufleute brauchten konkrete Zeitangaben für ihr überregionales Handelsnetz, die Handwerker berechneten die Dauer ihrer Arbeit, und die Geldverleiher entdeckten, dass Zeit Geld kostet.



Für den französischen Historiker Marc Bloch, einen der bedeutendsten Mittelalter-Experten des 20. Jahrhunderts, bedeutete das einen fundamentalen Umbruch: Die veränderte Wahrnehmung der Zeit ist für Bloch nicht weniger als „eine der tiefgreifendsten Revolutionen im intellektuellen und praktischen Leben unserer Gesellschaften und eines der Hauptereignisse der spätmittelalterlichen Geschichte“.

Bei der Kirche war der neue Umgang mit der Zeit nicht unumstritten. Jahre und Tage waren schließlich Gottesgabe – und die durfte nicht mit Geld berechnet werden. Ganz so groß dürfte der Widerstand jedoch nicht gewesen sein: Immerhin stellte die Kirche ihre Glockentürme, mit deren Hilfe sie schon lange zu Gebet und Gottesdiensten gerufen hatte, auch für die Einführung des neuen Zeitsystems zur Verfügung.