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Bundesbank-Studie
Bargeld ist viel besser als sein Ruf

 Ist das gute alte Bargeld ein Auslaufmodell? Immerhin 44 Prozent der Bundesbürger können sich vorstellen, ganz auf Scheine und Münzen zu verzichten. Dabei sind diese besser als ihr Ruf, wie eine Studie der Bundesbank zeigt. Und Dreiviertel der Zahlungen werden immer noch bar beglichen.
Ist das gute alte Bargeld ein Auslaufmodell? Immerhin 44 Prozent der Bundesbürger können sich vorstellen, ganz auf Scheine und Münzen zu verzichten. Dabei sind diese besser als ihr Ruf, wie eine Studie der Bundesbank zeigt. Und Dreiviertel der Zahlungen werden immer noch bar beglichen. FOTO: dpa / Monika Skolimowska
Saarbrücken/Frankfurt. Bezahlen mit Scheinen und Münzen gilt Kritikern als umständlich und zeitraubend. Eine Studie widerlegt dieses Vorurteil. Dem Saar-Einzelhandel ist es letztlich egal, ob die Kunden bar oder mit Karte zahlen. Von Gerrit Dauelsberg und Friederike Marx

Tim Hares ist ein großer Freund der Barzahlung. Als Student müsse er darauf achten, sein Geld zusammenzuhalten, sagt er während eines Einkaufs in der Saarbrücker Innenstadt. Mit der Karte zu bezahlen sei zwar komfortabel, aber eben auch tückisch: „Das Gefühl für die Höhe der Summe ist nicht da“, sagt Hares. Man neige dadurch dazu, mehr Geld auszugeben. Maya Schneider zahlt dagegen häufig mit Karte – etwa 70 Prozent ihrer Einkäufe, schätzt sie. Der größte Vorteil aus ihrer Sicht: „Dadurch muss man nicht so oft zum Geldautomaten gehen.“


Eines zeigt die nicht-repräsentative Umfrage in der Saarbrücker Innenstadt: Die Saarländer setzen weiter auf Bargeld – aber eben nicht nur. Die meisten bevorzugen einen Mix aus Cash und Karte. Letztere komme vor allem bei höheren Beträgen zum Einsatz, sagt Fabian Schulz, Geschäftsführer des Einzelhandelsverbandes im Saarland. Das heißt: Beim Shoppen in der Innenstadt wird die teure Jacke eher mit Karte, der Snack zwischendurch eher bar bezahlt.

Diese Faustregel im Zahlungsverhalten kommt den Einzelhändlern durchaus zugute, wie eine gestern veröffentlichte Studie der Deutschen Bundesbank und des Handelsinstitutes EHI zeigt: Demnach liegen Barzahlungen und die Girocard (EC-Karte) bei den Kosten für den Handel grundsätzlich nicht weit auseinander. Zahlungen bis 50 Euro sind allerdings bar günstiger, weil hier die Fixkosten im Schnitt geringer sind. Bei höheren Beträgen ist die Girocard die günstigere Variante. Am teuersten sind Kreditkarten bis etwa einem Euro je Transaktion. Zu den Kosten zählen unter anderem Gebühren für Kartenanbieter, Kosten für das eigene Personal, Geldtransport sowie Anschaffung und Wartung von Kartenterminals.



Die Gesamtkosten der Zahlungsverfahren belaufen sich für den Einzelhandel auf 5,432 Milliarden Euro jährlich. Nach wie vor hängen die Bundesbürger an Scheinen und Münzen – Tendenz nur leicht abnehmend. Von jährlich rund 20 Milliarden Transaktionen im Einzelhandel erfolgen die allermeisten immer noch mit Cash. „Drei von vier Zahlungen an der Ladenkasse werden in bar abgewickelt“, sagt Bundesbank-Vorstand Johannes Beermann. Sie machen allerdings nur knapp die Hälfte der Umsätze aus (siehe Infografik). Was eben daran liegt, dass die Menschen gerade bei kleinen Beiträgen eher zu Scheinen und Münzen greifen.

So hält es auch Maida Gondal, die eigentlich lieber mit Karte zahlt, weil sie nur ungern viel Bargeld mit sich herumträgt. Aber: „Kleine Beträge mit Karte zu zahlen, finde ich umständlich“, sagt die junge Frau bei der Umfrage in Saarbrücken.

Diese Empfindung deckt sich durchaus mit den Erkenntnissen der Bundesbank-Studie: Denn ausgerechnet das von Kritikern als umständlich gescholtene Bargeld ist viel besser als sein Ruf. „An der Ladenkasse ist die Barzahlung noch immer das schnellste Zahlungsmittel“, sagt Bundesbank-Vorstand Beermann. Das gilt teilweise sogar im Vergleich zum kontaktlosen Bezahlen mit der Karte quasi im Vorbeigehen.

Eine durchschnittliche Barzahlung an der Ladenkasse dauert gut 22 Sekunden, wie aus der Untersuchung hervorgeht. Zahlungen mit Schein und Münze sind damit rund sieben Sekunden schneller als mit Karte und Eingabe der Pin-Nummer, beim Einsatz des Plastikgeldes mit Unterschrift sind es sogar 16 Sekunden. Ausgewertet wurden 2017 mehr als 3000 Bezahlvorgänge in 15 Geschäften.

Mittlerweile kann man in Deutschland in fast allen Supermärkten auch mit dem Smartphone oder der Karte kontaktlos seine Rechnung begleichen. Die Studie berücksichtigte diese Entwicklungen durch eine Simulation. Demnach dauert das kontaktlose Bezahlen mit Karte bei Beträgen bis 25 Euro, für die in der Regel keine Pin eingegeben werden muss, nur 15 Sekunden. Größere Summen haben dagegen weiterhin eine Kassierzeit von knapp 30 Sekunden.

Das Zahlen per Smartphone ist im Saarland bislang noch nicht sonderlich verbreitet, sagt Einzelhandelsverbands-Geschäftsführer Schulz. Auch deutschlandweit wird diese Methode laut einer Bundesbank-Erhebung von 2017 von gerade einmal sieben Prozent der Verbraucher über 18 Jahren genutzt. Doch Schulz prophezeit: „Das Zahlen mit dem Handy wird schon bald im Kommen sein.“

Ob kontaktloses Bezahlen mit dem Smartphone oder auch mit der Karte dem Bargeld auf diese Weise den Rang abläuft, lässt sich derzeit schwer absehen. Nach Einschätzung von Euro Kartensysteme, ein Gemeinschaftsunternehmen der Deutschen Kreditwirtschaft, bringt die neue Technologie die Karte jedenfalls auch in Bereiche, die bisher reine Bargelddomänen waren, wie etwa Bäckereien.

Dass Münze und Scheine dadurch ganz verschwinden werden, glaubt Schulz nicht: „Dafür hängt der Deutsche zu stark am Bargeld.“ Mehr noch als Verbraucher in anderen Ländern. Ein Phänomen, das die Einzelhändler auch im Saarland beobachten: Laut Schulz sind es vor allem die Franzosen und Luxemburger, die hierzulande besonders gerne mit Karte bezahlen. Allerdings: Auch immer mehr Deutsche können sich inzwischen eine Abschaffung des Bargelds vorstellen: laut einer Umfrage des Digitalverbandes Bitkom immerhin 44 Prozent.

Maya Schneider gehört nicht dazu – auch wenn sie selbst viel mit Karte zahlt. Eine komplette Abschaffung des Bargeldes fände sie „traurig“. Allein schon aus Gründen der Tradition. Aber auch aus praktischen Erwägungen: Älteren Menschen würde das sicher im Alltag Probleme bereiten, meint sie. Ein anderer Teilnehmer der SZ-Umfrage, der seinen Namen nicht nennen will, kann sich dagegen gut mit dem Gedanken an eine bargeldlose Welt anfreunden. Beträge über zehn Euro zahlt der 59-Jährige nach eigenen Angaben schon jetzt fast immer mit Karte. „Das ist viel einfacher, da spare ich mir den Weg zur Bank“, sagt er.

Unterm Strich ist es dem Einzelhandel am Ende aber egal, wie die Kunden zahlen, betont Schulz. Die saarländischen Geschäfte seien gut auf Kartenzahlungen eingestellt. Probleme gebe es allenfalls in ländlichen Bereichen ohne schnelle Internetverbindung. Umgekehrt sei auch Cash immer willkommen: „Wir sind Dienstleister. Wenn der Kunde bar bezahlen will, dann nehmen wir das gerne an.“