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Eine saarländische Vollblut-Europäerin

Doris Pack stellte diese Woche in Straßburg ihr letztes großes EU-Programm vor. Foto: EU-Parlament
Doris Pack stellte diese Woche in Straßburg ihr letztes großes EU-Programm vor. Foto: EU-Parlament FOTO: EU-Parlament
Straßburg. Die saarländische Grande Dame der Europa-Politik nimmt ihren Hut: 1989 zog Doris Pack zum ersten Mal ins Europaparlament ein. Bei der Wahl im kommenden Mai wird sie nicht mehr kandidieren. SZ-Redaktionsmitglied Philip Weber hat die 71-Jährige diese Woche im Straßburger Parlament begleitet. wph

Dass die saarländische CDU-Politikerin Doris Pack kurz vor dem wohlverdienten Ruhestand steht, mag man kaum glauben, wenn man sie voller Elan durch die Gänge des Europaparlaments in Straßburg von Termin zu Termin wetzen sieht - und das trotz Krücken. "Ich hann's nur grad' am Knie: Nitt dass ihr menne, ich wär' uralt Lavendel", erklärt die 71-Jährige Schülern der Saarbrücker Marienschule. Nahezu jedes Mal, wenn das Parlament in Straßburg tagt, empfängt sie mindestens eine saarländische Schulklasse - und nimmt sich jede Menge Zeit für sie. Anderthalb Stunden räumt sie den Marien-Schülern ein, obwohl nur wenige Minuten zuvor eines der größten und wichtigsten Projekte ihrer bald 25-jährigen Amtszeit - das Bildungs-, Jugend- und Sportprogramm "Erasmus+" - im Plenum mit überwältigender Mehrheit verabschiedet wurde und nun noch eine Pressekonferenz, mehrere Sitzungen und zahlreiche Interviews europäischer Medien anstehen. Fragen beantwortet sie wahlweise auf Deutsch, Französisch, Englisch oder Italienisch. Man merkt: Die Frau ist in Europa zu Hause.

Während sie den Gymnasiasten die EU erklärt - mit all ihren Chancen, aber auch ihren Defiziten und Gefahren - verfällt die gebürtige Schiffweilerin immer wieder ins Saarländische. Um ihre Heimat macht Pack keinen Hehl - im Gegenteil: Aus ihr leitet sie ihr europäisches Selbstverständnis ab. Dass Frankreich das Saarland ziehen ließ, nachdem sich die Bevölkerung 1955 gegen das Saarstatut aussprach, empfand sie als "eine sehr europäische Geste - das war prägend für mich".

Ihre politische Karriere startet die studierte Pädagogin 1967 im Gemeinderat Bübingen. Neun Jahre später zieht sie in den Bundestag ein. Rückblickend für Pack eine spannende, aber nicht wirklich befriedigende Zeit: "In 13 Jahren Bundestag gibt es nichts, was auf mich zurückgeht." Der Fraktionszwang hindere Abgeordnete daran, ihr Potenzial zu entfalten. Das sei im Europaparlament völlig anders. Die Idee zum Europäischen Freiwilligendienst (EFD) sei ihr beispielsweise zusammen mit einem Südtiroler Kollegen der Grünenfraktion bei einem Glas Wein in einer albanischen Kneipe gekommen: "Für meine Idee muss ich mir dann über Parteigrenzen hinweg Mehrheiten suchen und kann etwas bewegen. So habe ich mir Politik vorgestellt, und ich bin glücklich, dass ich das 25 Jahre lang machen durfte." Bei der Europa-Wahl im kommenden Mai wird Pack nicht mehr antreten. Nachfolgerin soll die Europa-Bevollmächtigte der Landesregierung, Helma Kuhn-Theis, werden.

Besonderes Ansehen hat Pack sich unter anderem im Ausschuss für Kultur und Bildung erworben, dem sie seit 2009 vorsteht und der auch für Jugend, Medien und Sport zuständig ist. Ihr sei es zu verdanken, dass der Ausschuss einen solch hohen Stellenwert habe, erklärt Parlaments-Präsident Martin Schulz (SPD). Man merkt, dass Doris Pack ein hohes Ansehen über alle Fraktionsgrenzen hinweg genießt und auch zu den einflussreichsten Akteuren im Europaparlament zählt.

Ihr zweiter Schwerpunkt ist seit 1989 die Südosteuropa-Delegation (früher: Jugoslawien-Delegation), deren Vorsitzende sie 15 Jahre lang war. "Als mir mein Fraktionsvorsitzender 1989 sagte ‚Und du machst Jugoslawien‘, wusste ich gerade mal, wo das liegt", erinnert sich Pack. Dennoch reist sie in das Krisengebiet, nimmt die Arbeit auf. Ihr Engagement wird ihr in der Region bis heute hoch angerechnet. "Sie hat sich unschätzbare Verdienste geschaffen bei der Befriedung und politischen Sozialisierung des westlichen Balkans", erklärt Martin Schulz. "Ich habe mein Herz dort unten verloren", sagt Pack. Doch während beispielsweise die Aufnahme Kroatiens in die EU im vergangenen Juli zu einem ihrer größten Erfolge gezählt werden darf, findet sich auf dem Balkan auch ihre größte Enttäuschung: "Dass es in Bosnien-Herzegowina nicht vorangeht: Das Land verfällt in eine ethnische Teilung, und die Politiker nehmen leider nichts von dem an, was wir versuchen, ihnen nahezubringen."

Auch deshalb will Pack ihr Balkan-Engagement auch nach Ende ihres Mandats nicht einstellen. Eine Rentnerin Doris Pack, die in ihrem Haus in Bübingen die Füße hochlegt und nur noch Krimis liest, werde es nicht geben, genauso wenig wolle sie irgendwo als Beraterin Geld verdienen, "aber ich will gebraucht werden". Sie wolle ihr Wissen und ihren Enthusiasmus für Europa weitergeben - beispielsweise in Form von Vorträgen an Universitäten, aber auch im Stiftungswesen. Außerdem werde sie sich weiter im kulturellen Bereich, vor allem auch im Saarland, engagieren. "Von 200 auf 0 zu gehen, das geht nicht. Aber ich bin vielleicht bereit, auf 120 zu gehen", sagt sie mit einem Schmunzeln, schnappt sich ihre Krücken, verabschiedet sich und macht sich auf zum nächsten Termin.


Zum Thema:

Auf einen BlickDoris Pack wurde 1942 in Schiffweiler geboren. Sie studierte in Saarbrücken Pädagogik und arbeite von 1965 bis 1974 in Ottweiler und Bübingen als Lehrerin. Seit 1964 ist sie Mitglied der CDU, für die sie zunächst von 1967 bis 1974 im Gemeinderat Bübingen saß, anschließend bis 1976 im Saarbrücker Stadtrat. Von 1974 bis 1983 sowie von 1985 bis 1989 war Pack Mitglied des Deutschen Bundestages. 1989 zog sie zum ersten Mal in das Europaparlament ein und wurde seither vier Mal wiedergewählt. wph