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„Eine korrupte Gesellschaft stinkt!“

Neapel. Papst Franziskus hat in Neapel Klartext gesprochen. In der süditalienischen Metropole, bekannt für Mafiaterror und auch für Müllskandale, rief er zur Umkehr auf. Nebenbei vollbrachte er noch ein halbes Wunder. Julius Müller-Meiningen

Neapel ist eine wundergläubige Stadt. Das gilt für den Fußball ebenso wie für religiöse Angelegenheiten. Die Bewohner der Stadt mussten es also als ein Zeichen des Himmels werten, dass sich am Samstag um kurz nach 16 Uhr das Blut des San Gennaro, des Heiligen Januarius, verflüssigte. Papst Franziskus hatte soeben im Dom den Schrein mit der Ampulle unter den ungeduldigen Blicken des Erzbischofs von Neapel , Kardinal Crescenzio Sepe, geküsst. Sepe verkündete dann das Wunder: "Das Blut von San Gennaro hat sich bereits zur Hälfte verflüssigt."

Witzbolde aller Art machten sich über dieses halbe Wunder lustig. Zu ihnen zählte auch Franziskus selbst, der ironisch folgerte: "Der Heilige mag uns also nur zur Hälfte gerne." Der neapolitanische Klerus lieferte bald darauf die erleichternde Nachricht: Das Blut in der Ampulle, das sich eigentlich nur dreimal im Jahr verflüssigt, sei nun ganz aufgelöst. Die neunstündige Symbiose des aus Argentinien stammenden Jorge Mario Bergoglio und der Stadt Neapel hatte da ihren spirituellen Höhepunkt erfahren. Schließlich hatte sich das Heiligenblut weder 1990 beim Pastoralbesuch von Johannes Paul II. noch 2007 bei der Visite von Benedikt XVI . verflüssigt.

Franziskus war am Morgen mit dem Hubschrauber am Fuße des Vesuv gelandet. Nach einer Andacht begab er sich in den Vorort Scampia, ein durch den Bestseller "Gomorrha" von Roberto Saviano bekannt gewordenes Elendsviertel vor den Toren Neapels. Scampia gilt als der größte Drogenumschlagplatz Europas, die Camorra kontrolliert die meisten Straßen. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt bei über 70 Prozent. Franziskus wollte seinen Besuch in dieser Gegend beginnen. In einer Ansprache beklagte er die schlimmen sozialen Zustände, verurteilte Unmenschlichkeit gegenüber Flüchtlingen und rief im Hinblick auf die Verbindungen von Staat und organisiertem Verbrechen: "Korruption stinkt! Eine korrupte Gesellschaft stinkt!"

Bei der anschließenden Messe mit 60 000 Menschen auf der Piazza del Plebiscito, Neapels Hauptplatz, sprach der Papst die Mafiosi direkt an: "Bekehrt Euch zur Liebe und zur Gerechtigkeit!" Die Zeit der Befreiung Neapels sei gekommen. "Gott vergibt immer und alles. Es ist möglich, zu einem ehrlichen Leben zurückzukehren." Ein weiterer Schwerpunkt seines Besuchs war das Mittagessen mit rund 120 Gefangenen im Gefängnis von Poggioreale, darunter auch ein Dutzend Insassen der Abteilung für Transsexuelle und HIV-Kranke.

Bei der Begegnung mit dem neapolitanischen Klerus im Dom kam Franziskus auch kurz mit Don Maurizio Patriciello zusammen, einem Priester, der im Kampf gegen illegale Müllverbrennung in Kampanien engagiert ist. Bei seiner Ansprache an die Geistlichen beklagte der Papst unter anderem den "Terrorismus des Geschwätzes". Für Erheiterung sorgte, als Franziskus im Dom von einem knappen Dutzend aufgeregter Nonnen umringt und beschenkt wurde. Vor dem Rückflug in den Vatikan kam Franziskus noch mit Jugendlichen und Senioren zusammen und antwortete auf Fragen zum Thema Familie. Der Papst-Besuch in Neapel fand unter strengen Sicherheitsvorkehrungen statt. Nach Medienberichten waren etwa 3000 Polizisten und Scharfschützen im Einsatz.