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Eine Hochzeitsfeier wird zum Albtraum

Istanbul. Wenn US-Vizepräsident Joe Biden kommende Woche nach Ankara reist, wird er sich auf schwierige Gespräche einstellen müssen. Die Türkei gehört zwar zu den wichtigsten Verbündeten in der Region, doch waren die Beziehungen schon lange nicht mehr so angespannt wie derzeit. Mirjam Schmitt,Ingo Bierschwale (beide dpa)

Gaziantep, Samstagnacht: Die Amateurvideos nach dem Anschlag auf die kurdische Hochzeitsfeier in der südtürkischen Stadt sind verstörend. Frauen laufen orientierungslos herum, Blutlachen auf dem Boden, zersplitterte orangene Plastikstühle sind zu erkennen, auf denen wohl noch wenige Minuten zuvor Verwandte und Freunde des Brautpaars gesessen haben. Wie oft üblich in der Türkei feierte das Brautpaar auf der Straße: Nachbarn, Verwandte, Freunde, alle sind dabei. Ein Attentäter sprengte sich inmitten der feiernden Menschen in die Luft. Ein Kind, laut Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan ein 12 bis 14 Jahre alter Selbstmordattentäter , soll den Anschlag nach ersten Erkenntnissen durchgeführt haben. Dass Minderjährige als Waffe eingesetzt werden, kannte man bisher aus dem Irak und Syrien - nicht jedoch aus der Türkei.


Manche türkische Medien berichten, dass es eine Henna-Nacht war, die Nacht vor der eigentlichen Hochzeit, zu der sich vor allem Frauen versammeln. Tatsächlich waren nach ersten Berichten unter den mehr als 50 Toten viele Frauen und Kinder. Das Brautpaar wurde verletzt.

Steckt die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) hinter dem Anschlag auf die Hochzeitsgesellschaft? Staatspräsident Erdogan sagt, erste Erkenntnisse deuteten darauf hin. Die Türkei wird immer wieder von verheerenden Angriffen erschüttert. Teils werden sie von der verbotenen kurdischen Arbeiterpartei PKK verübt, mit der sich die Regierung im Südosten der Türkei blutige Auseinandersetzungen liefert, teils macht die Regierung den IS für zahlreiche Attentate im Land verantwortlich. Der IS hat sich bis jetzt jedoch noch zu keinem Anschlag in der Türkei bekannt.



Für eine Urheberschaft der Terrormiliz spricht, dass es der IS auch in der Vergangenheit auf Kurden und ihnen nahestehende Gruppen abgesehen hatte. Im Juni 2015 verübte mutmaßlich der IS kurz vor der Parlamentswahl einen Bombenanschlag auf eine Wahlveranstaltung der pro-kurdischen HDP. Im Juli sprengte sich dann ein Selbstmordattentäter in der Grenzstadt Suruc inmitten von linken Aktivisten in die Luft.

Die Lage von Gaziantep, nicht fern der syrischen Grenze, legt auch die Vermutung nahe, dass die Konflikte dort immer weiter auf die Türkei übergreifen. Sowohl die kurdischen Volksschutzeinheiten (YPG), der syrische Ableger der PKK , als auch der IS kontrollieren dort große Gebiete. Allerdings musste der IS in den letzten Wochen Gebietsverluste hinnehmen. Die kurdischen Milizen rückten, unterstützt durch die USA, in den Westen vor und eroberten die Stadt Manbidsch vom IS zurück. Deren Kämpfer zogen sich Berichten zufolge teilweise an die Grenze zur Türkei zurück.

Erdogan, der hinter dem Anschlag von Gaziantep den IS vermutet, machte gestern klar, dass er den Kampf gegen den Terrorismus an drei Fronten sieht: Er macht keinen Unterschied zwischen PKK , IS oder den Anhängern des Predigers Fethullah Gülen , der hinter dem Putschversuch stecken soll.

Für Erdogan, dessen Agieren nach dem niedergeschlagenen Putsch in Berlin und Brüssel argwöhnisch verfolgt wird, bietet die Terrorwelle im Land Gelegenheit, die Türken auf den Kurs seiner Regierung einzuschwören. Nicht von ungefähr verwies er darauf, dass der Anschlag von Gaziantep einer Stadt gegolten habe, in der "Turkmenen, Araber, Kurden friedlich mit allen anderen Volksgruppen zusammenleben". Im Kampf gegen den Terror, woher auch immer, beschwört er die türkische "Einheit, Zusammengehörigkeit und Brüderlichkeit". Seine Botschaft an diejenigen, die das Land mit Terror überziehen: "Ihr werdet keinen Erfolg haben."

Meinung:

Assad muss warten

Von SZ-Mitarbeiterin Susanne Güsten

Der Anschlag von Gaziantep war die blutig Rache des Islamischen Staates (IS) für die jüngsten Niederlagen der Dschihadisten. Da die Kurden bei den Schlachten gegen den IS - zuletzt in der nordsyrischen Stadt Manbidsch - eine große Rolle spielen, wurden sie jetzt zur Zielscheibe eines Selbstmordattentäters. Die neue Gewalttat zeigt die Notwendigkeit eines Minimal-Kompromisses aller wichtiger Akteure im Syrien-Konflikt mit Blick auf den IS: Die Bekämpfung der Extremisten muss absoluten Vorrang erhalten, während andere Ziele erst einmal warten sollten. Das gilt auch für die Türkei, die den IS lange Zeit nicht als direkte Bedrohung wahrgenommen hat. Es ist begrüßenswert, dass Ankara dabei ist, die Forderung nach einem Sturz des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad zurückzustellen. Die Kurswende kommt zwar spät, vielleicht aber noch nicht zu spät. Der IS ist längst zu einer Bedrohung für die ganze Region geworden. Es wird Zeit, dass Länder wie die Türkei entsprechend darauf reagieren.

Zum Thema:

Am Rande Wladimir Putin, Präsident Russlands, hat nach dem gestrigen Anschlag zu einem gemeinsamen Kampf gegen den Terrorismus aufgerufen. Den Angriff in Gaziantep verurteilte der Kremlchef in einem Beileidstelegramm als brutal und zynisch. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU ) verurteilte den Anschlag ebenfalls scharf. "Erneut sind unschuldige Männer, Frauen und Kinder zum Opfer feiger und hinterhältiger Gewalt geworden", schrieb sie dem türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim. Die Bundesregierung stehe im Kampf gegen den Terrorismus weiter eng an der Seite der Türkei. dpa