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Eine ganz normale Monarchie

Brüssel. An diesem Sonntag gibt König Albert II. von Belgien sein Zepter weiter an seinen Sohn, Kronprinz Philippe. Kein zweiter Monarch in Europa übernimmt mit seinem Amt derart weitreichende politische Vollmachten. Von SZ-KorrespondentDetlef Drewes

Der Blick auf das Festprogramm vom Sonntag offenbart Erstaunliches: Gebet in der Brüsseler Kathedrale, Militär-Parade, Feuerwerk. Ein Staatsfeiertag, wie ihn das Land seit seiner Gründung 1830 nun schon zum 183. Mal erlebt. War da noch was? Ach ja, morgens um zehn dankt der König ab. Ein paar Minuten später wird der neue im Parlament vereidigt. Keine Krönung, keine Inthronisation, kein Adel aus ganz Europa, keine ausländischen Staatsgäste, kein Fest-Bankett - eine Monarchie hinter verschlossenen Türen.

Dabei täuscht der Eindruck eines "vergessenen Königs". Kein zweiter Monarch in Europa übernimmt mit seinem Amt derart weitreichende politische Vollmachten wie der Herrscher über Flamen, Wallonen und die deutschsprachige Gemeinschaft im Osten des Landes. Formell wird der neue Monarch Philippe nämlich auch Staatsoberhaupt von zehn Millionen Landsleuten sein. Nach Parlamentswahlen ist es seine Aufgabe, den Regierungsbildner ("Formateur") zu ernennen und dessen Gesprächsergebnisse zu prüfen, ehe er einen Politiker mit der Zusammenstellung des Kabinetts beauftragt. Der scheidende Monarch Albert II. musste während der über 440 Tage dauern den Regierungskrise 2010/2011 sogar einen krankheitsbedingten Rückzug immer wieder unterbrechen, um die Politiker an ihre Verantwortung zu erinnern. Anders als in Großbritannien, den Niederlanden oder Spanien trägt der belgische Monarch auch keine Reden vor, die ihm zuvor der Regierungschef in die Hand gedrückt hat. "Unser König ist ein Staatsmann", heißt es sogar von Monarchie- kritischen Belgiern diesseits und jenseits der Sprachengrenzen, die das Volk längst nicht mehr nur unsichtbar teilen.

Im Alltag fehlt ein höfisches Zeremoniell, das an den Pomp der Windsors oder der Oranjes erinnern könnte. Ein Flügel des königlichen Schlosses Laeken, in dem Albert II. viele seine Empfänge abhält, wurde zur Wohnung für die sechsköpfige Kronprinzen-Familie umgestaltet. Mancher hohe Gast berichtete von polternden Kinderschritten und hellen Stimmen, die nebenan Lieder sangen.

Die belgischen Royals zelebrieren Monarchie mit einer Normalität, die einerseits rührend ist, andererseits aber eben kaum Klatsch hergibt. Dass der künftige König Philippe seine Kinder morgens zur Schule und zur Kita fährt und Mama Mathilde sie am Nachmittag wieder einsammelt, gehört zum Alltag der belgischen Monarchie. Ebenso wie die Tatsache, dass das blaublütige Staatsoberhaupt künftig Steuern zahlen muss - rund 700 000 Euro im Jahr, die die Apanage von 11,3 auf 10,5 Millionen schmälern. Unterhalt bekommen nur der Monarch und seine Familie. Die übrigen Königskinder müssen ihr Geld selbst verdienen. So hat sich ein stark nach innen wirkendes Königtum entwickelt, dem Strahlkraft nach außen nahezu fremd ist.

Dafür gibt es Momente, in denen selbst die vielen Anti-Royalisten Belgiens ihre königliche Familie regelrecht verehren: Als im März 2012 ein Bus mit belgischen Schulkindern auf der Fahrt durch die Schweiz verunglückte, standen König und Königin am nächsten Morgen unangekündigt auf dem Luftwaffenstützpunkt Melsbroek, um die Verwandten der Opfer vor der Reise an den Unfallort zu trösten. Schweigend und mit Tränen in den Augen gingen die beiden von einem zum anderen und hielten ihn für einen Moment fest.

Nach den grausamen Kindermorden des Marc Dutroux lud die königliche Familie die Angehörigen ins Brüsseler Schloss, um mit ihnen zu trauern. Philippe und seine Frau Mathilde tauchen regelmäßig in Palliativzentren auf, wo Sterbende betreut werden. Opfer von Eisenbahn-Unglücken, Naturkatastrophen oder Gewaltakten bekommen immer wieder Besuch von den Royals - ohne Kameras, ohne Medienvertreter. "Der Kontakt mit menschlicher Schwäche, Ausgrenzung, Demütigung haben mich dazu gebracht, mich leidenschaftlich für Themen zu interessieren wie die Anerkennung des Wertes einer Person, Respekt und auch Gerechtigkeit", sagte der künftige Monarch einmal über sich. All das ist den belgischen Blaublütern wichtiger als der Pomp anderer Königshäuser.