| 20:31 Uhr

Eine Frau für die wahren Probleme

Elisabeth Momber (79) hat in ihrer langen Zeit als Scheidungsanwältin schon so ziemlich alles erlebt. Foto: Oliver Dietze
Elisabeth Momber (79) hat in ihrer langen Zeit als Scheidungsanwältin schon so ziemlich alles erlebt. Foto: Oliver Dietze FOTO: Oliver Dietze
Saarbrücken. Tausende Saarländer, deren Ehe in den vergangenen 50 Jahren in die Brüche ging, haben mit ihr Bekanntschaft gemacht: Elisabeth Momber ist die erfahrenste und bekannteste Scheidungsanwältin des Landes. Sie liebt ihren Beruf, mit jetzt 79 Jahren vielleicht mehr als je zuvor. Eine ihrer wichtigsten Erkenntnisse heißt: Eine gute Ehe ist vor allem Glückssache. Thomas Schäfer

Rente mit 70? Auch für Elisabeth Momber ist das ein Schreckensszenario gewesen. Aber ganz anders als für viele andere. "Ich langweile mich schnell. Und Langeweile ist das Schlimmste." Sie ist jetzt 79. Aufhören? Auf keinen Fall: "Wir haben den schönsten Beruf der Welt. Das hat ein Kollege immer gesagt, er hat recht. Wir sind den Menschen so nah wie sonst niemand, weil wir ihre wahren Probleme kennen lernen."


Elisabeth Momber ist Anwältin, seit unglaublichen 51 Jahren. Ihr Spezialgebiet sind Scheidungen. Scheidung mit 70, nicht Rente mit 70 - damit beschäftigt sie sich. Denn auch im hohen Alter wollen die Menschen heutzutage noch geschieden werden. Jede siebte Ehe im Saarland wird inzwischen nach der Silberhochzeit beendet. Auch nach der Goldenen gehen Ehen hierzulande in die Brüche , zehn zuletzt im Jahr 2014.

Momber kann verstehen, dass man mit 70 getrennte Wege geht. Zumindest die Frauen versteht sie. "Alte Männer haben ihre Eigenarten. Vielen fällt es schwer, Abschied vom Traum der Jugend zu nehmen. Das treibt die verrücktesten Blüten." Sie erzählt von älteren Herren, die sich ohne Scheu auf dem Straßenstrich vergnügen, dank Viagra aus dem Internet, allen Herzproblemen zum Trotz.

Grundsätzlich rät Momber reiferen Frauen aber zum Durchhalten. Für die meisten sei eine Scheidung sinnlos, gerade finanziell. "Überleben heißt die Devise. Frauen sollten auf ihre Gesundheit achten, mal eine schöne Kur machen. Statistisch gesehen leben sie ohnehin sieben Jahre länger als Männer . Eine Scheidung bringt nichts, wenn er nicht mal stört."

Seit vielen Jahren werden im Saarland jedes Jahr zwischen 2000 und 3000 Ehen geschieden. Wie viele Trennungen sie begleitet hat in den vergangenen Jahrzehnten, kann Momber nicht mehr sagen. Es waren viele, sehr, sehr viele. Und sie hat so ziemlich alles erlebt: Gift im Kaffee, Selbstmord, Stammkunden, die vier Mal bei ihr waren. Sie hat von geheim gehaltenen Kindern erfahren, von Zweit- und Drittfrauen, sie kennt die Abgründe menschlicher Existenz: "Wir sind nicht die tollen Wesen, die wir gerne wären. Wir sind immer noch die alten Affen."



Doch natürlich hat sich ganz viel geändert, seit sie angefangen hat 1964, als Anwältinnen noch eine Rarität waren und Scheidungen viel mehr als heute "ein schmutziges Geschäft". Scheidungen waren früher von Schuld abhängig - und Frauen, die schuldig geschieden wurden, gesellschaftlich erledigt. Daher haben die Männer meist die Schuld auf sich genommen, die Frauen verzichteten im Gegenzug auf Unterhalt. Eine "ziemlich unwürdige Geschichte" sei das alte Scheidungsrecht gewesen, sagt Momber.

Frauen hätten daher meist durchgehalten "bis zum Gehtnichtmehr". Doch dieses "Durchhalte-Gen" habe sich zurückgebildet: "Heute gehen die Frauen, und die Männer sitzen bei mir und weinen dicke Tränen." Mann und Frau hätten sich vor allem in den letzten 20 Jahren deutlich angenähert, sagt Momber. Die Beziehungen seien heute deshalb besser, aber keineswegs einfacher: "Die neue Nähe schafft auch neue Probleme." Noch immer kämen manche Männer nicht damit klar, wenn ihre Frau mal etwas anderes sage als "Du hast ja so recht, mein Schatz". Dem gestiegenen Selbstbewusstsein der Frauen steht eine neue Sanftheit der Männer gegenüber, auch das ist eine Erkenntnis nach über 50 Berufsjahren. Früher habe es praktisch nie Streit ums Sorgerecht gegeben: "Jetzt leiden die Väter wie die Tiere, wenn sie ihre Kinder verlieren."

Warum Ehen überhaupt so oft auseinander gehen, darauf hat auch Momber keine einfache Antwort. Eines der Hauptprobleme in Deutschland: Man spricht nicht richtig miteinander. "Die Männer bekommen die Zähne nicht auseinander, und die Frauen reden zu viel. Es gibt keine echte Gesprächskultur." Mombers Erfahrung sagt aber auch: Ehen waren immer schon ausgesprochen schwer zu führen. Einerseits sei die Veranlagung zur Monogamie bei Männern nicht sehr ausgeprägt. Vor allem aber sei es alles andere als leicht, sich ein ganzes Leben lang auszuhalten - "mit all den Veränderungen der äußeren Umstände und von sich selbst". Eine glückliche Ehe sei fast immer eine Frage der Umstände. "Es ist einfach, sich zu verstehen, wenn man ein geordnetes Leben hat, keine großen materiellen Sorgen, wenn die Kinder gesund sind, der Beruf läuft. Aber wenn es Schwierigkeiten gibt, halten nur wenige eisern zusammen. Dann beginnen die Schuldzuweisungen, und dann geht es bergab."

Wobei Momber feststellt, dass die Gründe, die zum Ende einer Ehe führen, heute manchmal auch einfach "lächerlich und dämlich" sind: "Sie darf das neue Auto nicht fahren, er hat die Kinder nicht aus dem Kindergarten abgeholt - solche banalen Sachen." Die Bereitschaft, Nachteile zu ertragen, sei "erheblich gesunken".

Dennoch: Spricht immer noch etwas für die Ehe? "Wenn's gut geht, ist es was Tolles. Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, auf den man sich 100-prozentig verlassen kann, das ist es doch, wovon wir träumen." Momber hat diesen Menschen gefunden. Sie ist seit 45 Jahren verheiratet. Ihr Erfolgsrezept? "Wir verstehen uns einfach gut, das ist Glückssache. Und wir verbringen nicht so viel Zeit zusammen." Selbst das gemeinsame Mittagessen zum 45. Hochzeitstag musste Momber kurzfristig absagen, Termine vor Gericht. "Seit 45 Jahren warte ich auf diese Frau", habe ihr Mann im Restaurant dem Kellner leidvoll (und im Spaß) berichtet.

Gleiche Interessen, sagt Momber, seien für eine dauerhafte Beziehung ebenfalls existenziell. In ihrer Ehe waren und sind es vor allem Sport, Reisen und Sprachen. Mit dem Rennrad durch Israel, Tennis, Volleyball, Golf, Langlauf, dazu immer wieder nach Kenia, Elefanten beobachten, Leoparden fotografieren. Bilder aus Afrika, von ihrem Mann gemacht, hängen auch im Wartezimmer ihrer Kanzlei in der Saarbrücker City. Dort will Elisabeth Momber noch einige Zeit arbeiten. "Ich habe wirklich keine Lust aufzuhören. Und ich habe gute Gene. In meiner Familie werden die Frauen alt." Als ihre Mutter mit 95 Jahren starb, meinten die Cousinen bloß: "Dass Tante Else so früh gehen musste." Mombers Urgroßmutter wurde 104.