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Eine deutsch-französische Liebe

Zwei, die sich verstehen - seit 50 Jahren: Inge und Robert Fiess feiern in diesem Jahr Goldene Hochzeit. Foto: Holzer
Zwei, die sich verstehen - seit 50 Jahren: Inge und Robert Fiess feiern in diesem Jahr Goldene Hochzeit. Foto: Holzer
Erst musste sie ja schmunzeln, erinnert sich Inge, als sie den Nachnamen des neuen Assistenten an dem Bonner Privatgymnasium hörte, mit dem ihre Familie enge Verbindungen pflegte: Er war Franzose, und hieß doch Fiess, Robert Fiess. Seine Eltern stammten aus Straßburg, und er sprach vorzüglich Deutsch. Was hilfreich war, wenn sie miteinander tanzten bei den Schulfesten, zu denen auch Inge kam Von SZ-Korrespondentin Birgit Holzer

Erst musste sie ja schmunzeln, erinnert sich Inge, als sie den Nachnamen des neuen Assistenten an dem Bonner Privatgymnasium hörte, mit dem ihre Familie enge Verbindungen pflegte: Er war Franzose, und hieß doch Fiess, Robert Fiess. Seine Eltern stammten aus Straßburg, und er sprach vorzüglich Deutsch. Was hilfreich war, wenn sie miteinander tanzten bei den Schulfesten, zu denen auch Inge kam. So wurden sie bald ein Paar. Und blieben es. Heute heißt Inge selbst Fiess, spricht vorzüglich Französisch und sitzt jenem Robert von damals gegenüber in ihrem Haus in Verrières-le-Buisson, einer Gemeinde 14 Kilometer südwestlich von Paris. Vor ihnen steht ein Teller mit selbst gebackenen Plätzchen, wie sie in Frankreich kaum üblich sind. "Wir entsprechen wohl dem typischen deutsch-französischen Paar", sagt der 75-jährige Journalist Fiess. "Ich lasse oft Sachen liegen oder vergesse auch mal etwas." Sie sei strikter und zuverlässiger, ergänzt sie: "Wenn ich etwas verspreche, halte ich das auch." Kein französisches Laisser-faire, auch und gerade nach mehr als einem halben Jahrhundert an der Seite eines Franzosen nicht. 1963 haben sie geheiratet.



In diesem Jahr taten sich auch Deutschland und Frankreich zu einer Art Bund fürs Leben zusammen: Am 22. Januar 1963 unterzeichneten Kanzler Konrad Adenauer und Präsident Charles de Gaulle den Elysée-Vertrag, der die Aussöhnung der ehemaligen Erbfeinde besiegelte. Er sollte als Grundstein dienen für eine intensivere Zusammenarbeit in der Außen- und Sicherheitspolitik, bei Bildung und Jugend. Zum 50-jährigen Jubiläum ist viel die Rede vom deutsch-französischen Paar, von ihren Konflikten und unausrottbaren Unterschieden.

Es mag anders als bei Inge und Robert Fiess mehr eine Verbindung aus Vernunft denn echter Liebe gewesen sein; doch wie bei einem alten Ehepaar, das nicht mehr ohne einander kann und will, wird sie nicht in Frage gestellt. "Gerade diese Banalität der deutsch-französischen Beziehungen ist ein großer Erfolg. Für junge Menschen steht fest, dass sie der erste Schritt zu Europa ist", sagt Béatrice Angrand, Generalsekretärin des Deutsch-Französischen Jugendwerks (DFJW), das durch den Élysée-Vertrag gegründet wurde. Seither hat es fast acht Millionen jungen Deutschen und Franzosen einen Austausch ermöglicht und damit ganz persönliche und deshalb starke Bande. Das gilt auch für die rund 2200 Partnerschaften zwischen Städten und Gemeinden in beiden Ländern. "Auf der Ebene der Zivilgesellschaft läuft es hervorragend", lobt der in Deutschland geborene französische Historiker Alfred Grosser.

Was aber sind die konkreten politischen Errungenschaften dieser historischen Vereinbarung, über wohlklingende Absichtserklärungen hinaus? Gerade jüngste Beispiele wie die militärischen Alleingänge Frankreichs 2011 in Libyen und nun in Mali, während Deutschland zögerte, decken einen Mangel an Abstimmung und Einigkeit in Verteidigungsfragen auf. In der Euro-Schuldenkrise ringen Deutschland und Frankreich auf dem Weg zu Kompromissen oft bitter miteinander. Ihre Traditionen und Maßstäbe unterscheiden sich oft grundsätzlich, etwa bei Fragen der Budgetdisziplin oder der Rolle des Staates. Die so nahen Nachbarn scheinen einander oft so fern.

Kulturelle Unterschiede sind nicht wegzuleugnen - auf jeder Ebene. "Man muss sich immer bemühen, den anderen zu verstehen", sagt auch das Ehepaar Fiess, das 1967 nach Frankreich ging. Während er Karriere machte als Radio-Journalist und ab 1979 als Chefredakteur der französischen "Geo", war für die Rheinländerin mit dem so fröhlichen Gemüt die Anfangszeit in der Fremde hart. Tochter Ariane war bereits geboren, der Sohn Jean-Marc unterwegs, Robert beruflich eingespannt und sie fand sich recht allein wieder. Allerdings habe sie als Deutsche nie Feindseligkeit erlebt, sagt Inge Fiess. Weder im Ort, noch in der Familie ihres Mannes.



Heute zählen für die Menschen auf beiden Seiten des Rheins ohnehin die aktuellen Herausforderungen mehr als die Erinnerung an Krieg und Feindschaft, wie eine Umfrage unter mehr als 25 000 Deutschen und Franzosen ergeben hat. Mehr als vier von fünf Befragten geben darin an, das Nachbarland zu mögen. Unbestritten gilt es als der wichtigste Partner in Europa - das sagen noch mehr Franzosen als Deutsche. Für sie scheint die Attraktivität Deutschlands als potenzieller Wohn- und Arbeitsort zu steigen, das nicht nur als wirtschaftliches Vorzeige-Modell gepriesen wird, sondern mit der aufregend-alternativen Stadt Berlin über einen echten Anziehungspunkt verfügt. Die Studie zeigt aber auch, dass bekannte Vorurteile munter fortleben: Die Deutschen gelten als diszipliniert und fleißig, die Franzosen als genießerisch und kreativ. Ein wenig Wahrheit findet auch das Ehepaar Fiess in Klischees. Denn die aufgeregte Lebhaftigkeit bei französischen Tischgesprächen mag zwar charmant sein. "Aber keiner hört dem anderen zu", ereifert sich Inge Fiess. "Im Deutschen muss man das Ende des Satzes abwarten", ergänzt ihr Mann schmunzelnd. "Denn erst am Schluss kommt das Verb."

Sie selbst sprechen miteinander die Sprache, die ihnen gerade in den Sinn kommt. Ihre Kinder und Enkelkinder sind aber mehr in der französischen Sprache zu Hause. "Fühlen sie sich eher als Deutsche oder als Franzosen? Wir haben uns die Frage nie gestellt. Sie sind Europäer", sagt Robert Fiess. Bei ihrem Mann käme es für sie nicht darauf an, ob er deutsch sei oder französisch, erklärte Inge Fiess. "Für mich ist er Robert." Immer noch derselbe wie der schneidige Monsieur Fiess von damals. "Man muss sich immer bemühen, den anderen zu verstehen."

Inge und

Robert Fiess

Zwei, die sich verstehen - seit 50 Jahren: Inge und Robert Fiess feiern in diesem Jahr Goldene Hochzeit. Foto: Holzer
Zwei, die sich verstehen - seit 50 Jahren: Inge und Robert Fiess feiern in diesem Jahr Goldene Hochzeit. Foto: Holzer