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„Ein wirklich talentierter Bursche“

 Noah bei einem seiner seltenen Besuche im Saarland, hier in Saarbrücken. Am Wochenende singt er mit den Domspatzen in Lebach.
Noah bei einem seiner seltenen Besuche im Saarland, hier in Saarbrücken. Am Wochenende singt er mit den Domspatzen in Lebach. FOTO: Dietze
Lebach. Die Regensburger Domspatzen zählen zu den berühmtesten Knabenchören der Welt. Jetzt kommen sie für ein Konzert ins Saarland. Mit dabei ist der Lebacher Noah Walczuch. Thomas Schäfer

Das knallrote Gesicht, sagt Noah, hatte gar nichts mit José Carreras zu tun. Nicht die Aufregung sei es gewesen, einen der bedeutendsten Opernsänger unserer Zeit zu treffen, die seinen Kopf leuchten ließen. In dem Fernsehstudio sei es einfach unglaublich heiß gewesen, sagt Noah, und er hätte nun mal diesen dicken Pullunder über dem Hemd angehabt. Aber natürlich sei er auch ein wenig nervös gewesen, klar, bei diesem Star.

Fernsehstudio? José Carreras ? So schnell kann's gehen. Vor zwei Jahren sang Noah Walczuch aus Lebach noch beim Weihnachtskonzert seines Geschwister-Scholl-Gymnasiums, jetzt fährt er mit den beinahe weltbekannten Regensburger Domspatzen durchs Land, bekommt Applaus, trifft Berühmtheiten.

Im Saarland war der Zwölfjährige schon eine kleine Berühmtheit, bevor er Anfang des Jahres nach Regensburg umzog, ins Internat der Domspatzen, Drei-Bett-Zimmer, Klasse sieben, fast nur Einser und Zweier. Beim Musical ,,The Addams Family" im Merziger Zeltpalast war er einer der Hauptakteure. "Gekonnt und mit klarem Knabensopran macht er den Quälgeist Pugsley zu einem Star des Abends", schrieb die SZ nach der Premiere im August 2014. Gut 20 Mal stand er in Merzig auf der Bühne, danach gab es Auftritte in Bremen, bald geht's in Zürich weiter (vorher nochmals in Merzig), Noah wird wieder dabei sein.

Dass er überhaupt dabei war in Merzig, sei ein wenig auch unserer Zeitung zu verdanken gewesen, erzählt Damian Walczuch, Noahs stolzer Vater: "Wir hatten damals ein Probe-Abo der SZ. Eines Tages entdeckte meine Frau einen Aufruf, dass noch Darsteller gesucht werden. Weil Noah das interessant fand, haben wir uns einfach mal beworben." Und weil es Noah dann sogar richtig gut fand und ihn alle gut fanden, stand er plötzlich tatsächlich auf der Bühne. Natürlich erst - wir sind in Deutschland - nachdem allerhand Papierkram ausgefüllt war. Der Kinderarzt, das Jugendamt, die Schule, das Ministerium, alle mussten ihr Okay geben. Aber dann konnte es losgehen. "Er hat keine Scheu, vor Publikum zu singen. Das bewundere ich", sagt sein Papa. "Da gewöhnt man sich dran", antwortet Noah cool: "Es macht mir einfach Spaß, auf der Bühne zu stehen."

In der Tat ist es weniger ein Zufall als die fast logische Folge einer Entwicklung, dass Noah heute häufig im Rampenlicht steht. Er ist mit Musik aufgewachsen. Schon als Kleinkind ging er mit seiner Mutter Tina in den Musikgarten, später dann die musikalische Früherziehung im Kindergarten, es folgten der Kinderchor in Lebach und ein Jungenchor in Schmelz, dazu Klavierunterricht - schon in der Grundschule gab er kleine Konzerte. "Wir haben eigentlich alles ausprobiert, was es in der Nähe gab in Sachen Musik", sagt Tina Walczuch. "Heute kann man wohl sagen: Es hat sich gelohnt."

Nicht viele Saarländer haben es zu den Domspatzen geschafft. Christof Hartmann, seit fast 20 Jahren Chormanager, erinnert sich spontan nur an zwei Buben aus Hülzweiler. Franz-Josef Kiefer und Dietmar Strauß kamen Ende der Sechziger nach Regensburg, durften seinerzeit in einer ZDF-Produktion die Hauptrollen in Humperdincks Oper "Hänsel und Gretel" singen. "Das waren absolute Stars", erinnert sich Hartmann. Auch Noah traut er viel zu: "Er ist ein wirklich talentierter Bursche."

Dass sein Talent gefördert wird, dafür sind in Regensburg die Bedingungen ideal. Schon nach seinem ersten Besuch in der fast 500 Kilometer von Lebach entfernten Stadt stand sein Entschluss fest: "Ich will da auf jeden Fall hin." Noah hat es nicht bereut, er findet es gut, gefordert zu werden. Das wird er. Neben dem Schulalltag ist jeden Tag mindestens eine Stunde Chorsingen angesagt, überhaupt ist sein Leben durchgeplant - vom Aufstehen um 7 Uhr bis zur "Zimmerzeit" um 20.45 Uhr; eine halbe Stunde darf das Licht dann noch anbleiben. Wer danach mit dem Handy erwischt wird, muss es abgeben, auch Fernsehen ist im Internat praktisch nicht vorgesehen: Einmal in der Woche wird gemeinsam ein Film geschaut, das war's.

Aber, sagt Noah, so streng wie von seiner Mutter befürchtet geht es dann doch nicht zu bei den Domspatzen. "Es gibt natürlich Regeln, die man beachten muss. Aber eigentlich sind alle sehr nett, ganz besonders der Herr Liebl." Karl-Heinz Liebl leitet einen der beiden Nachwuchschöre, für den Konzertchor ist Domkapellmeister Roland Büchner verantwortlich, sein Vorgänger war Georg Ratzinger , der Bruder des früheren Papstes. Die Domspatzen, die 1976 ihren 1000. Geburtstag feierten, bezeichnen sich selbst als "ältesten Knabenchor der Welt" und sind extrem reisefreudig. Sie waren in den USA, in Südafrika und in Japan auf Tour, aufgrund ihrer besonderen Beziehungen sangen sie auch schon zweimal in der Sixtinischen Kapelle.

Noah war bislang in Wien und Trier auf Konzertreise, ansonsten ist er noch vorwiegend rund um Regensburg unterwegs - mit dem "Kaffbomber". So heißt der Bus der Domspatzen, die ihre Heimat nämlich "Kaff" nennen. Es sei lieb gemeint, erzählt Noah: "Alle sagen so. Ich weiß selber nicht genau, wieso."

Ein Grund ist wohl: Manchmal kann es ein bisschen langweilig werden im tiefsten Bayern, vor allem am Wochenende, wenn man gerade kein Konzert hat oder Dienst im Dom. Es sind Momente, in denen in Noah, der noch zwei jüngere Geschwister hat, das Heimweh aufsteigt, auch wenn er sagt: "Richtiges Heimweh habe ich nicht. Klar denke ich oft an meine Familie, und manchmal wäre ich schon gerne zuhause." Dafür telefoniert er täglich mit den Eltern, manchmal auch zweimal am Tag. Und dafür erlebt er Dinge, die andere Jungs in seinem Alter nicht erleben.

Zum Beispiel José Carreras treffen. Dass er ähnlich berühmt wie der Spanier werden könnte, daran verschwendet Noah noch keinen Gedanken. Aber irgendwas mit Musik will er schon machen später, vielleicht Musicaldarsteller werden oder Chorleiter oder Dirigent. "Aber vielleicht werde ich auch Zahnarzt."


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HintergrundIn der Pfarrkirche Lebach findet an diesem Sonntag (17 Uhr, Einlass 16 Uhr) ein Benefizkonzert der Regensburger Domspatzen statt. Der Eintritt ist frei, Spenden werden erbeten für die vielen Helfer in der Landesaufnahmestelle für Flüchtlinge. Schirmherrin ist Ministerpräsidentin Annegret Kramp-Karrenbauer . Zudem singen die Domspatzen am Samstag im Gottesdienst in Schmelz-Bettingen (19 Uhr) und am Sonntag in Lebach-Landsweiler (9.45 Uhr). tho

 Anfang Dezember lernte Noah Walczuch bei einer Fernsehaufzeichnung José Carreras kennen. Die Sendung „Zauberhafte Weihnacht im Land der Stillen Nacht“ wird unter anderem am 23. Dezember im BR und am 24. Dezember im SWR gezeigt. Foto: heiko bremicker
Anfang Dezember lernte Noah Walczuch bei einer Fernsehaufzeichnung José Carreras kennen. Die Sendung „Zauberhafte Weihnacht im Land der Stillen Nacht“ wird unter anderem am 23. Dezember im BR und am 24. Dezember im SWR gezeigt. Foto: heiko bremicker FOTO: heiko bremicker
 Großer Auftritt: Noah im Musical ,,The Addams Family" im Merziger Zeltpalast. Foto: rup
Großer Auftritt: Noah im Musical ,,The Addams Family" im Merziger Zeltpalast. Foto: rup FOTO: rup