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Ein vermeintlich völlig normaler junger Mann

Es ist ein idyllisch gelegener Wohnblock in Düsseldorf-Unterbach. Vögel zwitschern, vor dem Nachbarhaus hängt eine Deutschlandfahne. Hier hatte der 27-jährige Co-Pilot der in den Alpen abgestürzten Germanwings-Maschine seinen Wohnsitz. Jörg Janßen,Denisa Richters (SZ),Ralf Isermann (afp)

Mit seiner Freundin lebte er hier, wie Nachbarn berichten. Sie sind erschüttert. Denn alles deutet darauf hin, dass Andreas L. die Maschine bewusst hat abstürzen lassen. "Das ist schrecklich", sagt eine Nachbarin. "Da nimmt man doch nicht so viele Menschen mit." Gekannt hat ihn kaum jemand richtig. "Nur vom Sehen", sagt Nadine R., die gegenüber wohnt. Auf den heckengesäumten Balkonen blühen die Blumen. Manchmal habe er dort gesessen, man habe sich aber nicht einmal gegrüßt, sagt R. Unauffällig und freundlich sei er gewesen, sagt eine andere Nachbarin.

Was für ein Mensch war Andreas L.? Das fragen sich viele, seit bekannt ist, dass der aus Montabaur in Rheinland-Pfalz stammende Mann offensichtlich absichtlich 149 Menschen mit in den Tod gerissen hat. Hinweise auf die bevorstehende Wahnsinnstat scheinen weder sein Arbeitgeber noch sein Fliegerverein LSC Westerwald bei dem 1987 geborenen Piloten wahrgenommen zu haben - jedoch gibt es Spekulationen über Depressionen. Klaus Radke, Vorsitzender des LSC Westerwald , beschreibt L. als "ganz normalen jungen Menschen", als "mitten im Leben stehend". L. sei weder auffällig in die eine, noch in die andere Richtung gewesen. "Sehr kompetent auch, so habe ich ihn kennengelernt."

Am Tag nach dem Absturz hatte der Verein eine Traueranzeige für L. veröffentlicht. Darin schwang Bewunderung für seinen Weg vom Segelflugschüler zum Airbus-Piloten mit. "Er wollte seinen Traum, das Fliegen, verwirklicht sehen. Er begann als Segelflugschüler und schaffte es bis zum Piloten auf einem Airbus A320 ", heißt es in der Anzeige.

Beschaulich ist das Leben in Montabaur normalerweise. Die Kleinstadt liegt inmitten der Hügel des Westerwaldes, Fachwerkhäuser prägen das Bild im Stadtkern. Seit gestern ist Montabaur aber auch die Stadt eines Todespiloten. Das Elternhaus von Andreas L. steht in einer ruhigen Wohngegend, seine Mutter arbeitet in der evangelischen Kirche als Organistin. Am Donnerstagnachmittag stehen Polizisten vor dem Haus mit der weißen Fassade, die Rollläden sind herunter gelassen. Die Nachbarn wagen sich kaum noch auf die Straße. Einer, der sich kurz zeigt, erzählt: "Er ist oft joggen gegangen." Ein junger Mann aus der Umgebung zeigt sich schockiert: Er könne und wolle es nicht glauben, sagt er fassungslos.

L. ging wie viele andere der in Montabaur aktiven Segelpiloten zur Lufthansa. Nach Angaben von Konzern-Chef Carsten Spohr begann L. 2008 mit Anfang 20 die Pilotenausbildung. Die habe er an der Flugschule Bremen und in Phoenix im US-Bundesstaat Arizona absolviert. Allerdings verlief der Weg von L. nicht geradlinig, wie Spohr schilderte. Vor sechs Jahren habe der junge Mann seine Ausbildung für mehrere Monate unterbrochen. Zu den Gründen machte Spohr keine Angaben. Medienberichten zufolge soll L. damals psychische Probleme gehabt haben. Für die Lufthansa war die Auszeit in der Ausbildung nach einem neuen Gesundheitscheck erledigt. "Nachdem die Eignung dann nochmals festgestellt wurde, hat er die Ausbildung wieder aufgenommen", sagte Spohr.

Bevor Andreas L. als Pilot ins Cockpit wechseln konnte, musste er zunächst als Flugbegleiter die Passagiere versorgen. Elf Monate dauerte diese Wartezeit, die Spohr jedoch als "nicht unüblich" bezeichnete. Im Jahr 2013 sei L. dann aber Co-Pilot geworden und habe bei der Konzerntochter Germanwings seitdem über 600 Flugstunden Erfahrung gesammelt. Der Lufthansa-Chef betonte gestern mehrmals, dass es keine Auffälligkeiten bei L. gegeben habe. Er habe alle hohen Standards des Konzerns bei der Einstellung von Piloten erfüllt. "Er war 100 Prozent flugtauglich ohne Einschränkung." Und seine fliegerischen Leistungen seien ebenfalls "einwandfrei" gewesen. Allerdings musste Spohr einräumen, dass der psychische Zustand der Piloten nicht gesondert getestet werde.

Bei seinem Arbeitgeber scheint bis zuletzt niemand etwas von den vermeintlichen Plänen des Mannes bemerkt zu haben. Vollkommen normal unterhielten sich nach Auswertung des Stimmenrekorders Pilot und Co-Pilot, sogar "heiter" soll die Atmosphäre im Cockpit gewesen sein.