| 21:13 Uhr

Tarifabschluss der Metaller
Ein Streit ums Recht auf weniger Arbeit

Mit wehenden Fahnen streikten vergangene Woche zehntausende IG-Metaller für bessere Arbeitsverträge.
Mit wehenden Fahnen streikten vergangene Woche zehntausende IG-Metaller für bessere Arbeitsverträge. FOTO: Lino Mirgeler / dpa
Saarbrücken. IG Metall und Arbeitgeberverband einigen sich auf einen Tarifvertrag – und schreiben Geschichte. Zündstoff birgt das Ganze dennoch. Von Pascal Becher
Pascal Becher

(SZ/afp/dpa) Es ist stets ein Aufeinandertreffen der Titanen: IG-Metall gegen die Elektro- und Metallindustrie. Die mächtigste Einzelgewerkschaft Deutschlands gegen die wichtigste Wirtschaftsbranche des Staates. Gefühlt ist es ein Kampf Goliath gegen Goliath – dem die Republik stets gebannt zuschaut.


So auch dieses Mal wieder. Der Blick ging nach den bundesweiten Warnstreiks vor wenigen Tagen jetzt nach Stuttgart. Bis in die Nacht zu Dienstag verhandelten dort die Konfliktparteien um jeden Absatz, jedes Wort, jedes Detail im neuen Tarifpapier. Am Ende schafften sie den von Millionen Arbeitnehmern erhofften Durchbruch. Und der sorgte bereits am Morgen danach für reichlich Zündstoff. Auch im Saarland. Denn anders als die Jahre zuvor, stand diesmal nicht die Forderung nach ein paar Prozent mehr Gehalt im Fokus. Dieses Mal ging es um viel mehr: um einen Paradigmen-Wechsel in der Arbeitswelt.

„Die Arbeitnehmer bestimmen künftig endlich über ihre Zeit und nicht mehr rein der Arbeitgeber“, sagte Hans Peter Kurtz, Erster Bevollmächtigter der IG Metall in Saarbrücken, durchaus euphorisch nach den „schwierigen Verhandlungen“. Gemeint hatte er damit den Passus, dass künftig jeder Metaller ohne Lohnausgleich bei 28 Wochenarbeitsstunden vorübergehend kürzer treten und zum verabredeten Zeitpunkt in spätestens zwei Jahren wieder in Vollzeit zurückkehren kann. Vollzeit bedeutet in der Branche im Schnitt 35,9 Arbeitsstunden pro Woche. Die Arbeitgeber erhalten dafür die Möglichkeit, mehr Verträge mit 40 Arbeitsstunden pro Woche abzuschließen. Diese Flexibilität ist ein Novum in einer Branche mit 3,9 Millionen Beschäftigten, oft im Schichtbetrieb.

Doch wie brisant gerade diese Vertragspassage ist, zeigte sich bereits gestern. Im Gespräch mit der SZ warf Joachim Malter, Hauptgeschäftsführer des Verbandes der Metall- und Elektroindustrie (ME) Saar, der Gewerkschaft beim Punkt neue Arbeitsflexibilität vor, „die Erwartungshaltung der Leute sehr hoch getrieben“ zu haben. Arbeitnehmer könnten auch künftig nicht allein entscheiden, wie sie arbeiten wollten. „Das ist natürlich Unsinn, denn Arbeitszeit ist schon immer mitbestimmungspflichtig und wird durch klare Betriebsvereinbarungen geregelt.“ Malter erwartet, dass es in den Betrieben in Zukunft zu mehr Konflikten und Frust kommen wird. „Für jeden, der seine Arbeitszeit reduzieren will, muss es einen anderen geben, der dieselbe Qualifikation hat und mehr arbeiten möchte.“

Weniger Streit gab es am Ende um das satte Lohnplus im Tarifvertrag, der ab 1. April für 27 Monate gültig ist. 4,3 Prozent mehr Gehalt bekommen die Beschäftigten künftig. Gefordert hatte die IG-Metall sechs Prozent. Für die Monate Januar bis März gibt es dafür jedoch eine Einmalzahlung in Höhe von 100 Euro. Ab 2019 greifen zudem ein jedes Jahr neu vereinbarter Festbetrag (2019: 400 Euro) sowie ein Zusatzgeld von 27,5 Prozent eines Monatseinkommens. Das Besondere daran ist auch: Beschäftigte, die sich um bis zu acht Jahre alte Kinder kümmern, Angehörige pflegen oder im Schichtdienst arbeiten, können wählen, ob sie das Zusatzgeld lieber in acht freie Tage umwandeln wollen. Heißt also: Sie gehen bei dieser Erhöhung leer aus, bekommen aber mehr freie Zeit.



„Die Arbeitgeber in Deutschland reden doch immer nur über die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Schaut man aber genauer hin, leisten das viel zu wenige Betriebe wirklich. Dieser Vertrag schafft das endlich“, zeigte sich Gewerkschafter Kurtz gestern deshalb hoch zufrieden über das Gesamtpaket, das selbst Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer als „zukunftsorientierte Lösung“ für beide Seiten bezeichnet.

Und das Arbeitszeit-Modell der Metaller wird womöglich Schule machen. Auch in anderen Branchen. „Metall hat eine Signalfunktion für andere Abschlüsse, die tendenziell etwas höher ausfallen werden als zu Jahresbeginn erwartet“, prophezeit Deka-Chefvolkswirt Ulrich Kater. Die übrigen Gewerkschaften hätten die selbstbestimmte Arbeitszeit als künftiges Megathema längst entdeckt. Oder wie es DGB-Chef Reiner Hoffmann gestern sagte: „Das wird der große Verteilungskonflikt der nächsten Jahre.“