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Jahresrückblick: Zum Tode Helmut Kohls
Ein Riese, ein Großer – trotz allem

Saarbrücken. Helmut Kohl, der „Kanzler der Einheit“, hatte Machtwillen und einen klaren europäischen Kompass. Von Ulrich Brenner
Ulrich Brenner

Politische Gegner werden nach ihrem Tod gern in helleres Licht gerückt, um sie gegen ihre Erben in Stellung zu bringen. Dennoch klang manche Abbitte gegenüber dem am 16. Juni mit 87 Jahren verstorbenen Helmut Kohl ehrlich. Erst spät habe er die „nie deutschtümelnde“, „im besten Sinne internationale Politik“ des „europäischen Riesen“ Kohl schätzen gelernt, resümierte etwa der Spiegel-Autor Markus Feldenkirchen in seinem Nachruf, nachdem er sein jahrelanges Entsetzen beschrieben hatte, von diesem Mann regiert zu werden.


Solche späten linksliberalen Respektsbekundungen waren nicht selbstverständlich nach dem öffentlichen Bild von Verbitterung, das der alte Kohl noch im Rollstuhl abgab, nach den kaum erträglichen, selbstgerechten Ausflüchten in der Spendenaffäre, dem Bruch mit den Söhnen. Die Hymnen waren erst recht nicht absehbar, als Kohl 1982 wenig ruhmreich nach Hinterzimmer-Absprachen den beliebten Helmut Schmidt stürzte und Kanzler wurde. Schon gar nicht, als man ihn als „Birne“ verspottete, sich auch in bürgerlichen Kreisen Kohl-Witze erzählte. Lange wurde der Zwei-Meter-Mann als Provinzler aus Oggersheim karikiert, verschweigend, dass das ein Teil der Industriestadt Ludwigshafen ist.

1930 kam er hier zur Welt, im Stadtteil Friesenheim, und aus früheren Erzählungen und Aufzeichnungen meines 1981 verstorbenen Vaters Gerhard Brenner, später Redakteur der SZ, der gerade um die Ecke wohnte, mit Kohl eingeschult wurde und über Jahre ein enger Freund blieb, entsteht ein Bild, wie der spätere Kanzler aufwuchs, was ihn prägte. 13- bis 14-jährige Jungs, tief katholisch geprägt und daher in Distanz zum NS-Regime, die früh Verantwortung übernehmen mussten, weil die Väter im Krieg waren, im Falle Kohls der ältere Bruder fiel. Die Bomben, die Leichen, der Hunger. Dächer, die die Jungs nach Fliegerangriffen decken mussten. Todesangst, beim Organisieren von Baumaterial erwischt zu werden. Aber auch die Jugend im Krieg: In Briefen aus der Kinderlandverschickung in Berchtesgarden gegen Kriegsende fragt Kohl den in Ludwigshafen verbliebenen Freund wiederholt nach einem Mädchen, das man dort offenbar bei Alarm im Luftschutzkeller traf.



Die Zeit von Bomben und Diktatur, aber auch die katholische Jugendarbeit lieferten die Richtschnur: Die tiefe Abneigung gegen den Krieg, der Wunsch, einen auf sozialen Frieden bedachten, demokratischen Staat aufzubauen, sich mit den Nachbarländern zu versöhnen – und die Skepsis gegenüber Ideologien. Die Jugenderlebnisse erklären vielleicht auch den Aufstiegswillen, dem Kohl später alles unterordnete, als er schon während des Geschichtsstudiums die Junge Union und CDU eroberte.

Ein Menschenfischer sei der charismatische junge Mann gewesen, heißt es. Aber auch dominant, frotzelnd, abkanzelnd. Ein Machtmensch, dem sich auch Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker oder Heiner Geißler widerwillig unterordneten. Er zog sie mit nach oben. Als junger CDU-Fraktionschef in Mainz, als Ministerpräsident, als CDU-Chef. Später als Bundeskanzler – ein Amt, das er seiner Zähigkeit, dem „Sitzfleisch“ verdankte, weil er die Demütigungen durch den überschätzten CSU-Chef Franz-Josef Strauß erduldete und 1982 zugriff. Was viele vergaßen: Kohl war lange – Kalkül oder Überzeugung? – ein Modernisierer: Als junger Ministerpräsident in Mainz und als Bundeschef der CDU, die er zur schlagkräftigen Mitgliederpartei machte. Dass er sich dabei auch ums nötige Geld, den „Bimbes“, kümmerte, war Grundlage für den  Spenden­sumpf, der ihn in den 80ern fast das Amt, später seine Ehre kostete.

Vom Reformer blieb als Kanzler wenig, Kohls Parole von der ,,geistig-moralischen Wende“ klang hohl. Immerhin wurde in den 80er Jahren eine Basis für die Einheit gelegt. Bündnistreue bei der Nato-Nachrüstung, Vertrauen in Paris. Stabile Staatsfinanzen.

Er hatte Glück. Aus der Kanzlerdämmerung rettete ihn 1989 die Revolution in der DDR. Nun hatte er alles, was die Zeit erforderte: Historisches Denken, Machtinstinkt, Mut, Netzwerker-Talent. Mit seinem Zehn-Punkte-Plan im Herbst 1989 und seiner Rede in Dresden gab er der Entwicklung den Spin Richtung Einheit. Sein Wahlkampf in der DDR brachte die Ostdeutschen im März 1990 dazu, faktisch für einen schnellen Beitritt zur Bundesrepublik zu votierten. Er wischte ökonomische Zweifel weg, weil er historisch dachte und sah, dass Moskau das Fenster der Einheit wieder schließen konnte.

Da spielte Geld keine Rolle. Er gab den Russen Milliarden für den Abzug ihrer Soldaten – wie er Deutschland aus dem ersten Irak-Krieg herauskaufte und die Schatullen öffnete, um die Osteuropäer in die EU zu führen. Schnäppchen – in historischer Perspektive. In dieser stand auch der Euro als Besiegelung der europäischen Einigung. Gäbe es den ohne Kohl? Zumindest begründete Kohl rückblickend sein Ausharren im Amt bis zur Abwahl 1998 mit der Sorge, dass Wolfgang Schäuble als Kanzler der Rückhalt fehlen könnte, die Währungsunion durchzusetzen.

Kohl setzte sie durch und sein Vermächtnis bleibt: Die deutsche Einheit als Teil der europäischen, getragen von einer gemeinsamen Währung. Ein Friedensprojekt als Lehre aus dem 20. Jahrhundert. Ein historisches Verdienst, das persönliche Schwächen überdeckt. Wie bei allen Großen der Geschichte.