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Ein Plan für die Liebe

Eine ungewöhnliche Ehe: Peter Schmidt und seine Frau Martina sind seit 22 Jahren verheiratet. Foto: Rich Serra
Eine ungewöhnliche Ehe: Peter Schmidt und seine Frau Martina sind seit 22 Jahren verheiratet. Foto: Rich Serra FOTO: Rich Serra
Homburg. Schon immer spürte Peter Schmidt, dass er anders ist. Eine Sehnsucht jedoch verband ihn mit anderen Menschen: Er wünschte sich eine Familie. Dieses Ziel verfolgte er mit wissenschaftlicher Akribie. Stefanie Marsch

Die graue Couch mit den leuchtend roten Kissen ist okay. Die kleinen, gepolsterten Stühle auch. "Die habe ich als gültig identifiziert. Da könnte ich hingegen nicht sitzen", sagt Peter Schmidt und zeigt auf die Bank über der Heizung am Fenster. "Das habe ich schon beim Reinkommen analysiert." Und so muss es dann auch sein, sonst klappt das mit dem Interview nicht. Der 49-Jährige braucht Ordnung in seinem Leben. Alles soll planbar sein. "Es ist wie bei einem Schachspieler, der immer mehrere Züge vorausdenkt und dabei so viele Szenarien wie möglich einkalkuliert", erklärt er das, was er selbst "geplante Flexibilität" nennt. Das ist anstrengend, gibt er zu. Doch für ihn die einzige Möglichkeit, Teil einer Gesellschaft zu sein, die ihm so oft fremd und unbegreiflich ist.

Peter Schmidt ist Autist. Ein geradezu lehrbuchartiges Beispiel für das Asperger-Syndrom, sagen ihm Experten, als er 2007 - im Alter von 42 Jahren - schließlich einen Namen für sein Anderssein erfährt. Für die Schwierigkeiten, die Körpersprache und Mimik anderer zu verstehen, die Aversion gegen Small Talk, das Bedürfnis nach Ritualen und fester Ordnung, den Wunsch nach Ruhe und Zurückgezogenheit. Kurzum: für die Mauer, die ihn schon sein Leben lang umgibt. Dass er die Mauer nicht einfach akzeptierte, sondern unaufhörlich darum kämpft, sie zu überwinden, macht ihn zu einem begehrten Redner auf Kongressen - so auch gestern auf einer Autismus-Fachtagung in Homburg . Die Bücher, die er über sein Leben geschrieben hat, wurden zu Bestsellern. Nicht nur hat Schmidt, der in der Nähe von Braunschweig aufgewachsen ist, einen Doktor in Geophysik und machte Karriere in der Software-Abteilung eines internationalen Pharmakonzerns. Er ist auch seit 22 Jahren verheiratet und Vater zweier Kinder.

Ein Autist und die Liebe - "das ist doch wie ein schwarzer Schimmel", meint Peter Schmidt selbst. Ja, wie soll das gehen für einen Mann, der Menschen eher an den Nähten ihrer Hose erkennt als an ihrem Gesicht, den körperliche Nähe Überwindung kostet, der Gespräche mit Frauen meist als "Blablabla" empfindet und eher Seelenverwandtschaft zu einem Kaktus verspürt als zu einem Menschen? Schmidt geht an die Sache ran wie an alles andere auch: mit analytischem Verstand und einem Plan. Angetrieben von seiner Sehnsucht, "einer der wenigen Punkte, bei dem ich genauso funktioniere wie alle anderen". Denn auch wenn es Autisten an Empathie mangelt, also dem Verständnis der Gefühle anderer, so haben sie doch sehr wohl eigene. Wie die Frau fürs Leben sein muss, hält er auf einer Checkliste fest. Offen und ehrlich, häuslich und familiär. Sie soll nicht rauchen und nicht trinken. Weit Fahrrad fahren muss sie können und tropentauglich sein. Wie er diese Frau dann für sich gewinnen kann, das lernt er im Flirtkurs bei der Vermieterin seines Studentenzimmers und aus Liebesfilmen, die er mit wissenschaftlicher Akribie auswertet.

Was so abenteuerlich klingt, führt nach einigen Rückschlägen tatsächlich ans Ziel. Martina heißt die Frau, die Peter Schmidt so liebt, wie er ist. Das größte Geschenk, das sie dem Mann machen kann, der so sehr damit kämpft, sich an die Regeln der Gesellschaft anzupassen, an der er teilhaben möchte - und doch eigentlich nur er selbst sein möchte. 1993 heiraten die beiden, sie bekommen einen Sohn und eine Tochter.

Wie ist die Ehe mit einem Autisten ? "Man braucht auf jeden Fall einen riesen Berg an Nerven, viel Gelassenheit, Geduld", sagt Martina Schmidt. "Und Humor." Wie sonst sollte man damit umgehen, wenn sich der Ehemann bei einer Jeep-Safari in Jordanien aus dem fahrenden Auto in den Staub wirft, weil der Fahrer den falschen Weg genommen hat. "Ich habe den Fotoapparat gezückt und ein Bild gemacht", erzählt Martina Schmidt lächelnd. "Das haben wir schon oft bei Vorträgen gezeigt", ergänzt ihr Mann.

Doch bei aller Selbstironie, mit der Peter Schmidt seiner Situation begegnet, sind das eigentlich ernste Momente. Nämlich die, in denen der Autist mit seiner geplanten Flexibilität an Grenzen stößt. "Wenn etwas passiert, das ich nicht vorhergesehen habe, ist Feierabend", sagt er. Dann zieht er sich entweder vollkommen in sich zurück oder rastet aus. "Da fliegen dann auch mal Dinge durch die Gegend." Diese Unberechenbarkeit ist es, die Distanz erzeugte zu seinen Kindern. "Papa ist komisch!", umschreibt es Peter Schmidt. Seine Frau erklärt: "Die Kinder wussten nicht, wann sie sich ihrem Vater nähern konnten und wann nicht."

Und sie selbst? Ja, sie vermisse menschliche Wärme. "Gerade im Moment ist das Bedürfnis nach Nähe groß." Nicht alles, was in dieser außergewöhnlichen Ehe anders ist, lässt sich kompensieren - so sehr sie die Intelligenz, die Ehrlichkeit und das Gefühl der Sicherheit bei ihrem Mann liebt. So ist die Ehe in eine Sackgasse geraten. Denn eines sei klar, sagt sie: "Jeder muss bleiben können, wie er ist. Man muss den anderen akzeptieren - oder gehen."

Peter Schmidts Buch über die Suche eines Autisten nach der Liebe heißt "Ein Kaktus zum Valentinstag". Seine Kindheit und Jugend beschreibt er in "Der Junge vom Saturn", sein Berufsleben in "Kein Anschluss unter diesem Kollegen".


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Hintergrund"Autisten werden meistens nur an ihren Defiziten gemessen", sagt Anne-Rose Kramatschek-Pfahler, Geschäftsführerin des Autismus-Therapie-Zentrums Saar. Das zu ändern, dazu sollte die Fachtagung "Dabei sein ist anders" gestern in Homburg beitragen, ausgerichtet vom Landesverband Autismus Saarland und seinem Therapie-Zentrum. Vor dem Hintergrund der aktuellen Debatte um Inklusion wollte die Veranstaltung auch die Botschaft an Schulen und Arbeitgeber senden: Orientiert euch an den Besonderheiten der Betroffenen. Neben dem Autor Peter Schmidt sprach auch Georg Theunissen, Professor für Geistigbehindertenpädagogik in Halle-Wittenberg. Er verwies darauf, dass etwa ein Prozent der Weltbevölkerung von Autismus betroffen ist. Im Saarland werden rund 400 Menschen vom Autismus-Therapie-Zentrum betreut. mast