| 00:00 Uhr

Ein Land trägt Trauer

Tunis. Tunesien steht nach dem Attentat in seiner Hauptstadt mit mehr als 20 Toten unter Schock. Und schon drohen Islamisten mit weiteren Attentaten auf das Land. Die junge Demokratie ist in Gefahr. Marc Röhlig,Jan Kuhlmann (dpa)

Der heutige Freitag sollte ein Tag der Freude werden. Tunesien hätte an diesem 20. März den 59. Jahrestag seiner Unabhängigkeit gefeiert, die Avenue Habib Bourguiba im Herzen der Hauptstadt wäre mit den Flaggen des Landes geschmückt worden. Nun trägt das Land Trauer.

Die Zahl der Toten stieg nach Angaben des tunesischen Gesundheitsministeriums gestern auf insgesamt 25 Menschen. Die tunesische Polizei nahm neun Verdächtige fest. Entgegen ersten Angaben tunesischer Behörden geht das Auswärtige Amt davon aus, dass unter den Opfern keine Deutschen sind. Deutschland und Frankreich sagten Tunesien ihre Hilfe beim Kampf gegen den Terror zu. Bislang konnten noch nicht alle Nationalitäten der Anschlagsopfer geklärt werden. Nach Angaben des britischen Außenministeriums wurde eine Britin getötet. Das belgische Außenministerium bestätigte den Tod einer belgischen Urlauberin. Ein weiterer Belgier sei verletzt worden. In Rom bestätigte das Außenamt den Tod zweier Italiener. Ein spanisches Paar hatte sich die gesamte Nacht im Nationalmuseum versteckt und war erst gestern Morgen aus dem Gebäude gekommen. Die italienische Kreuzfahrtgesellschaft Costa Crociere teilte mit, dass bei dem Anschlag in Tunis drei ihrer Passagiere getötet und acht verletzt wurden. Zwei Passagiere würden vermisst.

Die Attacke von Tunis zeigt nun, dass auch Tunesien seinen Kampf mit dem Terror noch lange nicht gewonnen hat. Das Terrornetz Al Qaida wie auch die Miliz Islamischer Staat (IS) haben Verbündete im Land, regelmäßig gibt es Anschläge auf die tunesischen Sicherheitskräfte. Mit bis zu 3000 Kämpfern stellen die Tunesier nach Schätzungen die größte Gruppe unter den ausländischen Kämpfern im Irak und in Syrien dar.

Tunesiens neue Regierung war sich dessen bewusst, ein neues verschärftes Anti-Terror-Gesetz ist derzeit in Arbeit. Die Attacke sei daher "ein Anschlag auf den politischen Prozess im Land", sagt Hardy Ostry, Leiter im Auslandsbüro der Konrad-Adenauer-Stiftung in Tunis . "Der Anschlag zielt auch auf Wirtschaft und Tourismus im Land", sagte Ostry. Das Sommergeschäft sei für das erblühende Land nun nach der Bluttat gelaufen. Auch die Deutsch-Tunesische Industrie- und Handelskammer befürchtet einen Rückschlag für den Tourismus im Land. "Aber es ist wichtig, dass der Aufschwung weitergeht", sagt die stellvertretende Geschäftsführerin Natascha Boussiga. "Man sollte den Tunesiern zur Seite stehen und jetzt erst recht ins Land reisen."

Schon einmal hatte der Terror im Übergangsprozess das Land in seiner Gewalt. 2013 bremste die Ermordung zweier prominenter Politiker den Demokratisierungsprozess gefährlich aus. Die islamistische Ennahda-Partei, bei den ersten freien Wahlen 2011 als stärkste Kraft hervorgegangen, musste sich aus der Regierungsverantwortung zurückziehen. Von den Attentaten distanzierte sich Ennahda stets. Hoffnungen, dass die Partei durch einen gelebten politischen Islam den Extremisten im Land den Zulauf schwächen könne, bestätigten sich indes nicht. Eher scheinen die Radikalen mehr und mehr Zuwachs zu bekommen. Als eine der stärksten Bewegungen gilt die Salafistengruppe Ansar al-Scharia. Die Ansar gründeten sich im Frühjahr 2011 nach dem Sturz von Diktator Zine el-Abidine Ben Ali, erst im Sommer 2013 wurden ihre Anhänger in Tunesien als Terroristen eingestuft. Die Gruppe soll auch Verbindungen zur IS-Miliz geknüpft haben.

Sicherheitsexperten warnten längst, Tunesien müsse seine Grenzen besser in den Griff bekommen. Gerade über das zerfallende Libyen im Osten würden Syrien-Heimkehrer mit IS-Ausbildung einsickern. Tatsächlich beanspruchte die Miliz gestern Abend in einer im Internet veröffentlichten Audiobotschaft die Bluttat für sich. Zwei "Ritter des Kalifats" hätten den Anschlag durchgeführt. Die tunesischen Sicherheitskräfte hätten es nicht vermocht, höhnt der Sprecher, beide zu stoppen, "bis ihre Munition alle war". Das Attentat sei nur "der erste Tropfen eines Regengewitters".