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SZ-Interview mit General Zorn
„Ein bisschen Wohlfühlen muss schon sein“

Generalleutnant Eberhard Zorn hält Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zugute, sie habe vieles eingeleitet, sowohl beim Personal, als auch beim Material: „Ich würde mir wünschen, dass wir auf dem Weg weitergehen.“
Generalleutnant Eberhard Zorn hält Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen (CDU) zugute, sie habe vieles eingeleitet, sowohl beim Personal, als auch beim Material: „Ich würde mir wünschen, dass wir auf dem Weg weitergehen.“ FOTO: BeckerBredel
Saarbrücken . Der Drei-Sterne-General und Saarland-Botschafter Eberhard Zorn will die Bundeswehr als einen modernen Arbeitgeber.  Von Ulrich Brenner und Daniel Kirch
Ulrich Brenner

Der Saarbrücker Eberhard Zorn (57) ist einer der ranghöchsten Generäle der Bundeswehr. Der Drei-Sterne-General leitet im Verteidigungsministerium seit diesem Jahr die Abteilung Personal und ist damit Personalchef der 250 000 militärischen und zivilen Mitarbeiter der Streitkräfte. In den nächsten Jahren soll Zorn, ehemaliger Kommandeur der Saarland-Brigade, tausende neue Soldaten, Beamte und Angestellte für die Bundeswehr gewinnen – angesichts des Fachkräftemangels eine Mammut-Aufgabe.


Herr Zorn, Sie sollen in den nächsten Jahren 20 000 zusätzliche Soldaten rekrutieren, obwohl die Bundeswehr schon seit Jahren nicht einmal alle vorhandenen Dienstposten besetzen kann. Wie soll das funktionieren?

ZORN Wir müssen bei jungen Menschen, bei den Zeitsoldaten und den Berufssoldaten ansetzen. Wir hatten im vergangenen Jahr trotz der demografischen Entwicklung eine konstant hohe Bewerberlage. Wir haben aber eine Grenze bei den Ausbildungskapazitäten, denn wir bilden alle Soldaten selbst aus. Den Zeitsoldaten müssen wir Angebote machen, damit sie länger bleiben. Daher bieten wir mehr Möglichkeiten an, Berufssoldat zu werden. Und wir gehen an die besonderen Altersgrenzen heran: Heute gehen die Soldaten teilweise deutlich früher in Pension als der normale Bürger. Deshalb bieten wir den Soldaten an, auf freiwilliger Basis länger zu dienen.



Es fehlen vor allem Feldwebel in Bereichen wie IT oder Elektrotechnik, weil die auch in der Industrie gefragt sind. Können Sie da mithalten?

ZORN Bei der IT ist der Markt in manchen Regionen leer gekauft. Das können wir nur dadurch lösen, dass wir die Laufbahnen für Seiteneinsteiger öffnen und für Menschen, die  schon mal bei der Bundeswehr waren und Jahre später wieder zurückkommen. Wir zahlen zum Teil auch Prämien und schauen, ob bestimmte Dienstposten nicht auch mit Zivilisten besetzt werden können. Wir bieten den eigenen Soldaten und Mitarbeitern zusätzliche Qualifizierungsmaßnahmen an: Feldwebel mit Abitur können ein Bachelor  Studium absolvieren. Wenn Sie mich vor 15 Jahren gefragt hätten, ob so viel Flexibilität möglich ist, hätte ich gesagt: Nicht vorstellbar. Wir sind viel flexibler geworden und  eröffnen sowohl den  heutigen Angehörigen der Bundeswehr, als auch den Neuen ganz andere Möglichkeiten.

Machen Sie auch Abstriche bei Gesundheit und körperlicher Leistungsfähigkeit?

ZORN Wir prüfen bei jedem Dienstposten, welcher Gesundheitsstand und welche körperliche Belastungsfähigkeit wirklich erforderlich sind. IT-Feldwebel müssen zum Beispiel nicht dieselbe sportliche Leistung bringen wie Fallschirmjäger. Dennoch muss jeder Soldat einen Mindeststandard an körperlicher Belastbarkeit erfüllen.

In den ersten sechs Wochen der Grundausbildung verlassen viele Freiwillige die Bundeswehr wieder. Ist das ein zu großer Schock für sie oder kommen die falschen Leute?

ZORN Viele geben als Grund an, dass sie ein anderes Job-Angebot in der Region haben. Manche hatten auch falsche Vorstellungen. Inzwischen haben wir erkannt, dass die Grundausbildung der alten Art, wie sie die Wehrpflichtigen durchlaufen haben, heute nicht mehr geeignet ist, um junge Menschen an der Stelle abzuholen, wo sie sind. So wollen wir neue Kameraden etwas behutsamer in die Bundeswehr einführen. Heute sind die Mannschaftsdienstgrade im Schnitt zehn Jahre bei uns. Wir haben also Zeit, sie auszubilden und sie zu trainieren.

Viele schreckt vielleicht auch der Umgangston in der Grundausbildung ab.

ZORN Ohne Kommandos und das Prinzip von Befehl und Gehorsam geht es in einer Armee nicht. Aber im Ton gibt es viele Schattierungen. Moderne Menschenführung umfasst, dass wir ordentlich mit den Kameraden umgehen, dass wir sie wertschätzen und sie nach den Wertmaßstäben des Grundgesetzes behandeln. Heute müssen wir um jeden einzelnen neuen Soldaten werben.

Wird das bei den Fallschirmjägern der Saarland-Brigade, wo der Ton mitunter etwas rauer ist, auch so gesehen?

ZORN Es muss auch Drill geben. Beim Fallschirmspringen kann man nicht sagen: „Spring doch bitte mal raus“ oder so ähnlich.

Eine Montessori-Kaserne soll es also nicht geben?

ZORN Nein! (lacht) Auch die Formal­ausbildung hat klare Kommandos – oder der Feuerkampf, da geht es um Leben und Tod. Da müssen Sie glasklar mit Drill und Disziplin arbeiten. In den Einheiten und Stäben hingegen herrscht ein ganz normales Miteinander.

Werden in Zukunft auch EU-Ausländer in der Bundeswehr dienen?

ZORN Die juristische Prüfung in meiner Abteilung läuft noch. Da werden rechtliche Grundlagen berührt, sowohl bei uns als auch in den anderen Ländern.

Die Befürchtung ist, dass sich die Bundeswehr zu einer Söldner-Armee entwickeln könnte.

ZORN Das sehe ich überhaupt nicht. Das verbindende Element ist heute schon nicht das Symbol auf dem Pass sondern der Eid, den alle Bundeswehrsoldaten auf unser Land und seine Verfassung schwören. Und schauen Sie sich doch mal die Einsatzrealität an. Da kämpfen wir gemeinsam mit Kameraden aus Nato- wie EU-Partnerländern und verlassen uns darauf, dass einer für den anderen einsteht.

Mit der Wehrpflicht war es wesentlich leichter, Nachwuchs zu rekrutieren. Wurde sie vorschnell ausgesetzt?

ZORN Es war eine politische Entscheidung. Am Ende dauerte der Wehrdienst nur noch sechs Monate und nur ein Bruchteil des jeweiligen Jahrgangs wurde noch gezogen. Das ist ein sehr knapper Zeitraum, um den jungen Kameraden die benötigten Grundkenntnisse beizubringen. Und mit Wehrgerechtigkeit hatte der alte Zustand auch nicht mehr viel zu tun.

Was müsste passieren, damit sie wieder eingeführt wird?

ZORN Aus rechtlichen Gründen ist Voraussetzung, um die Wehrpflicht wieder einzuführen, eine gravierende Bedrohung unseres Landes. Und die wünschen wir uns alle nicht! Zudem stellt sich ja auch die Frage: Was ist effizienter? Die Mannschaftsdienstgrade, die wir heute haben, sind klasse. Die werden teilweise zwischen zwei und drei Jahren hoch professionell ausgebildet, sind selbstständig und wir können uns über Jahre hinweg auf sie verlassen.

Ärgert es Sie, wenn pensionierte Generäle sagen, moderne Ein-Mann-Stuben und Kitas sind eine völlig falsche Prioritätensetzung?

ZORN Wir sind ein moderner Arbeitgeber. Wir steigern ja mit den eingeleiteten Trendwenden bei der Rüstung und beim Personal die Einsatzfähigkeit. Aber auch der Grundbetrieb muss attraktiver werden. Daher ist es auch Zeit für neue Möbel. Die „Olympia“-Möbel von 1972 sind längst nicht mehr zeitgemäß – so würde keiner von uns gerne wohnen. Auch die Sanitäranlagen müssen moderner werden. Ein bisschen Wohlfühlen im Grundbetrieb zu Hause muss schon sein. Das haben die Soldaten verdient, die in den Einsätzen Leib und Leben für unser Land riskieren.

Aber wie passen Kinderbetreuung, Telearbeit und Teilzeit zum Militär?

ZORN  Natürlich kann in einem Fallschirmjägerzug Teilzeit  nicht umgesetzt werden. Aber es gibt eine ganze Menge Dienstposten, bei denen das möglich ist. Unsere Soldatinnen und Soldaten sind wie alle anderen Mütter und Väter, Töchter und Söhne. In meiner Abteilung arbeiten 600 Menschen, militärisch und zivil – natürlich kann man dort Büroarbeit in Telearbeit und Teilzeitarbeit leisten. Und wenn Sie heute einen Feldwebel vom Saarland nach München versetzen, müssen Sie ihm und seiner Familie bei der Kinderbetreuung helfen, sonst geht er da nicht hin. Auch unsere Soldaten sind besser und motivierter im Job, wenn das Privatleben im Lot ist.

In letzter Zeit gab es immer wieder negative Schlagzeilen, die Bundeswehr hat sich von der Gesellschaft entfernt, Stichwort Traditionsdebatte und Rituale.

ZORN Die Dinge, die passiert sind, entsprechen nicht unseren soldatischen Werten. Das Soldatengesetz verpflichtet jeden Soldaten zur Kameradschaft. Da ist kein Raum für Schikane und rechte Gesinnung. Dass man das jetzt noch einmal bewusst macht, dass man alle Ebenen in die Diskussion um gute Führung und Tradition einbindet, halte ich für ganz wichtig. Und natürlich können auch wir mit Bildung, Aus- und Weiterbildung noch besser werden. Wir haben nach den Ereignissen des ersten Halbjahres eine ganze Reihe von Workshops gestartet, um das Thema in die Fläche zu bringen.

Der Traditionserlass soll überarbeitet werden. In welche Richtung?

ZORN In den 60 Jahren Bundeswehr gibt es eine ganze Reihe bedeutender Ereignisse, die im Traditionsverständnis bisher nicht abgebildet sind. Die junge Generation hat in den Auslandseinsätzen Gefechte, Verwundete und Gefallene erlebt, das muss sich widerspiegeln. Die Diskussion und eine Weiterentwicklung des Traditionsverständnisses sind wichtig und gut.

Wenn ein Hauptfeldwebel der Fallschirmjäger nach Vorbildern sucht, wird er unter anderem auf die preußischen Heeresreformer verwiesen. Die werden ihm im Zweifel wenig sagen. Die Wehrmacht ist historisch kontaminiert. Woran soll er sich orientieren?

ZORN Ich habe mir in meinen fast 40 Dienstjahren immer Vorbilder aus der Ist-Welt gesucht. Für mich waren das meine Vorgesetzten und Kameraden, natürlich nicht alle.  Eine rein historische  Rückbesinnung  liefert mir kein greifbares, selbst erlebtes Vorbild. Wenn ich mir heute die Soldaten aus den Einsätzen anschaue, die unter Gefechtsbedingungen geführt und sich für ihre Leute eingesetzt haben, finde ich darunter zahlreiche Vorbilder, die  tapfer und vorbildlich gedient haben.

Wenn das so ist, wie erklären Sie sich dann, dass in Kasernen zum Teil bis vor kurzem noch Landser an die Wände gepinselt waren?

ZORN Vorneweg: Das sind ganz klar Ausnahmen gewesen! Und um ehrlich zu sein, es ist für mich überhaupt nicht nachvollziehbar, was diese Menschen bewegt hat, so zu handeln beziehungsweise so etwas zuzulassen. Diesen Fragen stellen wir uns in der derzeitigen Diskussion.

Sehen Sie die Gefahr, dass der Soldatenberuf mehr Menschen anzieht, die anfällig sind für falsche militärische Tradition?

ZORN Wir filtern früh raus. Der Militärische Abschirmdienst überprüft neuerdings schon vor der Einstellung, ob es bei einem Bewerber extremistische Bewegungen gab. Da greift unser gesamtes System, disziplinarrechtlich und juristisch. Das funktioniert gut. Wir können aber nicht in jeden Kopf reinschauen.

Ärgern Sie sich über die negativen Schlagzeilen über die Bundeswehr im zurückliegenden Jahr?

ZORN Der normale Alltag der zivilen Mitarbeiter sowie Kameraden und all das Gute, was die Truppe täglich leistet, ist selten eine Schlagzeile wert. Das muss man gelassen hinnehmen. Wenn eine Schlagzeile kommt, kommt sie. Aufregen hilft uns nicht. Wenn ein Tatbestand gemeldet wird – egal ob Rechtsextremismus, Mobbing oder sexuelle Belästigung –, gehen wir dem lückenlos nach. In meiner Abteilung gibt es eine Ansprechstelle dafür. Die Mitarbeiter sind sensibilisiert, Verstöße werden häufiger als früher gemeldet. Die Ahndung halte ich für richtig – wenn sie berechtigt ist.

Sie haben den französischen Generalstabslehrgang absolviert. Der Division Schnelle Kräfte ist, als Sie Kommandeur waren, eine niederländische Infanterie-Brigade unterstellt worden. In der EU gibt es Bestrebungen, diese Zusammenarbeit weiter zu vertiefen. Wie klappt die Zusammenarbeit?

ZORN Die Praxis klappt, und zwar zunehmend besser. Das einzige, was uns unterscheidet, ist die Technik. Jede Nation bringt zum Beispiel unterschiedliche Gefechtsfahrzeuge ein. Dem Divisionskommandeur ist das bei der Führung letztlich egal. Aber logistisch kann es zu Problemen führen, wenn Sie in einem gemischten Verband verschiedene Fahrzeuge mit jeweils nationalen Logistikketten nutzen. Was gut funktioniert, ist das Miteinander. Inzwischen sind wir alle in Englisch auf einem guten Stand, bis in die Feldwebel-Ebene hinein. Wenn jetzt das politische Dach darüber passt und das dazu führt, dass wir bei der Vereinheitlichung der Ausrüstung noch enger zusammenarbeiten, würde uns das weiterbringen.

Wenn man dem Deutschen Bundeswehr-Verband glaubt, ist das auch die einzige Hoffnung, weil die Bundeswehr angeblich nur noch bedingt einsatzbereit ist.

ZORN Die Aufträge, die wir heute haben, können wir alle erfüllen. Dass die Bundeswehr nach 25 Jahren des Schrumpfens enormen Nachholbedarf hat, ist richtig. Aber die Weichen für eine Verbesserung der materiellen Einsatzbereitschaft sind alle schon richtig gestellt.

Wünschen Sie sich, dass Ursula von der Leyen als Ministerin weitermacht?

ZORN Ich würde mir vor allem wünschen, dass wir den eingeschlagenen Weg weiter beschreiten. Das ist für mich das A und O.

Was sagen Sie zu Frau von der Leyens Aussage, die Truppe habe ein Haltungsproblem?

ZORN Das hat die Ministerin alles abgeräumt, sie hat sich entschuldigt, das ist für mich und für die meisten Angehörigen der Bundeswehr erledigt. Die Ministerin hat vieles eingeleitet, sowohl  beim Personal, als auch beim Material. Das Material braucht Zeit, seine Beschaffung erfolgt nicht von heute auf morgen. Wir würden es uns manchmal schneller wünschen, aber die Prozesse sind  jetzt neu ausgerichtet, es geht voran. Beim Personal haben wir die richtigen Entscheidungen getroffen. Ich würde mir wünschen, dass wir auf dem Weg weitergehen.

Die Fragen stellten Ulrich Brenner und Daniel Kirch.

Eberhard Zorn (Mitte) in Saarbrücken im Interview mit den SZ-Redakteuren Ulrich Brenner (links) und Daniel Kirch.
Eberhard Zorn (Mitte) in Saarbrücken im Interview mit den SZ-Redakteuren Ulrich Brenner (links) und Daniel Kirch. FOTO: BeckerBredel