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Ein amerikanischer Präsident gab den Saarländern die Wahl

Das Saargebiet und spätere Saarland als Einheit ist ein Ergebnis des Ersten Weltkriegs. Paris wollte die Kontrolle über die hiesige Montan-Industrie. Dass es nicht an Frankreich fiel, verdankt das Land US-Präsident Woodrow Wilson. Dietmar Klostermann

Dem Friedensvertrag von Versailles , der im Juni 1919 von der deutschen Delegation unterzeichnet wurde, gingen fünfmonatige Verhandlungen von etwa 10 000 Emissären in Pariser Luxushotels und Villen voraus. Der Abschnitt Vier ist mit "Saarbecken" überschrieben, der Artikel 45 lautet: "Als Ersatz für die Zerstörung der Kohlegruben in Nordfrankreich und als Anzahlung auf die von Deutschland geschuldete völlige Wiedergutmachung der Kriegsschäden tritt Deutschland das volle und unbeschränkte, völlig schulden- und lastenfrei Eigentum an den Kohlegruben im Saarbecken, wie es im Artikel 48 abgegrenzt ist, mit dem ausschließlichen Ausbeutungsrecht an Frankreich ab." Der Vertrag definiert Grenzen für dieses "Saarbecken", das bis dahin überwiegend zur preußischen Rheinprovinz, im Osten zur bayerischen Pfalz gehörte. Sie orientieren sich an den Wohnorten der Bergleute, verlaufen östlich von Perl, südlich von Wadern und Losheim, sind also enger gezogen als die des heutigen Saarlands. Den Versuch des französischen Ministerpräsidenten Georges Clemençeau aber, dieses Gebiet Frankreich ganz einzuverleiben, hatte US-Präsident Woodrow Wilson unterbunden. So steht in dem Vertrag, dass die Bevölkerung 15 Jahre nach Inkraftreten des Vertrags selbst entscheiden solle, ob sie zu Frankreich, zum neuen Völkerbund , dem Vorläufer der Uno, oder zum Deutschen Reich gehören will. Bis dahin wurde einer Kommission des Völkerbunds in Saarbrücken das Sagen gegeben, eine demokratische Regierung gab es im Saarbecken im Gegensatz zu Deutschland nicht. Wilson, der 1918 das Selbstbestimmungsrecht der Völker als oberstes Ziel für die Nachkriegszeit ausgerufen hatte, setzte sich wenigstens hier gegen Clemençeau durch. Dass die Menschen an der Saar dieses Selbstbestimmungsrecht am 13. Januar 1935 dazu benutzen würden, mit über 90 Prozent für den Anschluss an Hitler-Deutschland zu stimmen, konnte Woodrow Wilson nicht ahnen.